Leutenbach

Leon Weintraub, KZ-Überlebender, nimmt beim Besuch in Leutenbach Lehrer in die Pflicht

KZ-Überlebender
Leon Weintraub. © ALEXANDRA PALMIZI

Da sitzt man also als Lokalreporter mit Lehrern (vor allem Geschichte, aber nicht nur) der Albertville-Realschule in der Wohnung der Pfarrerin gemütlich bei Kaffee und Kuchen und hört ein unglaubliches Leben, das Leben von Leon Weintraub, eines mittlerweile 96-Jährigen, der von sich selbst in dieser Runde sagt, eigentlich hätte er schon „x-mal“ tot sein müssen.

Weintraub ist ein Überlebender des Holocausts, von denen es immer weniger gibt, die allmählich tatsächlich aussterben, aber nur, weil es eben die endliche Biologie eines jeden Menschen so will und nicht der Vernichtungswille der Vertreter einer vermeintlichen „Herrenrasse“. Wie verschlägt es so einen nach Leutenbach? Susanne Blatt hat in Schweden studiert, wurde dort auch zur Pfarrerin ordiniert und arbeitete unter anderem in der deutschen Kirche in Stockholm. Der Familiennachwuchs ging dort auf die gleiche Schule, die einst Weintraubs Kinder besucht hatten, und die Eltern waren ebenfalls Mitglieder im Schulverein. Leon Weintraub erzählte und erzählt nach wie vor den Acht- und Neuntklässlern dort einmal im Jahr sein Leben. Als Zeitzeuge des Holocausts tut er das seit vielen Jahren ebenfalls in Deutschland und auch in seinem Heimatland Polen. 2004 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Der Grund für seinen neuerlichen Besuch in Deutschland ist, dass sein autobiografisches Buch „Die Versöhnung mit dem Bösen – Geschichte eines Weiterlebens“ nun, ein Jahr nach Polen, übersetzt, auch dort erschienen ist, im Wallstein-Verlag. Seit ihrer Schweden-Zeit, wobei sie regelmäßig in das Land für Besuche zurückkehren, sind Blatts also mit Weintraub befreundet.

Die Mutter musste die fünf Kinder alleine durchbringen

In Leutenbach berichtet er erschütternd, geistig hellwach, sich an kleinste Details erinnernd, von den Stationen seiner unglaublichen Biografie, so dicht, eins ins andere greifend, dass man als Zuhörer kaum wagt, dazwischenzufragen oder überhaupt zum angebotenen Kuchen und Kaffee zu greifen. Zum Beispiel, wie schwer es für seine Mutter war, nachdem ihr Mann/der Vater früh starb, alleine, mit einer kleinen Wäscherei, fünf Kinder (vier ältere Schwestern, er also einziger Junge und Nesthäkchen) durchzubringen im polnischen Lodz.

Einmarsch der Wehrmacht: „Das strahlte so eine zerstörerische Macht aus“

Wie er mit 13 Jahren Anfang September 1939 nach dem deutschen Überfall auf Polen den Einmarsch der Wehrmacht in die Stadt erlebte, er stand an der Straße: „Ein schier unaufhörlicher Strom von Soldaten, das strahlte so eine zerstörerische Macht aus, da musste man Furcht empfinden, aber nicht Ehrfurcht.“ Das unmittelbar danach einsetzende Drangsalieren, Quälen vor allem der älteren Juden, die „Umsiedlung“ ins Ghetto, schließlich im August ‘44 die Deportation der Familie ins KZ Auschwitz-Birkenau, die Trennung von ihr, das Entkommen vor dem sicheren Tod durch eine List, dann das KZ Groß-Tosen, die Verlegung ins KZ Flossenbürg und schließlich ins KZ Natzweiler/Struthof bei Offenburg, die Flucht auf dem Transport Richtung Bodensee, dann die Rettung in Donaueschingen, das von den Franzosen besetzt war, er überlebte Typhus, drei ältere Schwestern das KZ Bergen-Belsen, das kaum noch geglaubte Wiedersehen, sie hielten ihn für längst tot, danach Medizinstudium in Göttingen (an seine Alma Mater kehrt er am 11. November zu einem Vortrag zurück), Heirat, ab 1950 Arbeit in einer Frauenklinik in Warschau, 1966 Promotion, Anstellung als Oberarzt, „die drei glücklichsten Jahre in meinem Berufsleben“, ein Posten, den er im Zuge des zunehmenden Antisemitismus in Polen verlor, weswegen er das Land verließ, mit der Familie nach Schweden emigrierte, wo er bis heute lebt (seine Frau, eine Slawistin, die unter anderem Werke von Janusz Korczak aus dem Polnischen ins Deutsche übersetzt hat, starb 1970).

Er nimmt ganz bewusst die Lehrer in die Verantwortung

Warum hat er (wohl auch auf Rat von Susanne Blatt) sich bei seinem Besuch Lehrer als Zuhörer und Gesprächspartner ausgesucht? „Weil ich Hochachtung vor diesem Beruf empfinde, weil ihr große Verantwortung tragt. Es liegt an euch!“ Was genau? In die Gehirne der Kinder und Jugendlichen zu bringen, dass man Unbekanntes, Fremde nicht damit begegnet, es, sie zu hassen, zu bekämpfen. Das sei vielleicht noch in der Steinzeit eine (notwendige) Überlebensstrategie gewesen. Er habe selbst erlebt, wie diese Feindschaft in letzter Konsequenz im KZ endete, wohin die Entmündigung des anderen, die mit der buchstäblichen „Entkleidung“ von diesem und der Wegnahme von dessen Namen begann, führte, wie bei den Nazis damit, „dass man Menschen industriell zu einem Gebrauchsgegenstand verarbeitete“.

„Auge um Auge“ sei ihm fremd, er würde sich damit auf die Stufe der Täter stellen

Zu den jüngsten Wahlerfolgen der schwedischen und italienischen Rechten gefragt, entgegnet Weintraub, er sei ein unbelehrbarer Optimist, schließlich hätten Erste nur 20 Prozent der Stimmen bekommen. „80 Prozent haben sie also nicht gewählt.“ Sie seien also eine Minderheit. Er sei zutiefst davon überzeugt, dass letztlich der gesunde Menschenverstand, die Werte der Aufklärung, sich durchsetzen, der Hass zwischen Menschen, der politisch instrumentalisiert werde, überwunden werde könne. Er sei als Arzt verpflichtet, dem Leben zu helfen. Es sei schließlich wissenschaftlich längst erwiesen, dass es bei allen ethnischen Unterschieden, die auch er nicht verkenne, keine verschiedenen Menschenrassen gebe. Er könne zwar nicht vergeben oder verzeihen, aber „Auge um Auge“ sei ihm als Humanisten fremd, „damit würde ich mich doch auf die Stufe der Täter stellen“.

Da sitzt man also als Lokalreporter mit Lehrern (vor allem Geschichte, aber nicht nur) der Albertville-Realschule in der Wohnung der Pfarrerin gemütlich bei Kaffee und Kuchen und hört ein unglaubliches Leben, das Leben von Leon Weintraub, eines mittlerweile 96-Jährigen, der von sich selbst in dieser Runde sagt, eigentlich hätte er schon „x-mal“ tot sein müssen.

Weintraub ist ein Überlebender des Holocausts, von denen es immer weniger gibt, die allmählich tatsächlich aussterben, aber

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