Leutenbach

Leutenbach: Fast wie Lego - Kinder setzen eine Mini-Orgel zusammen

Orgelschnupperkurs
Die Tasten sind nummeriert, das Einlegen im Rahmen ist also kein Problem. © Alexandra Palmizi

Wie eine Orgel funktioniert, das durchschauen selbst die meisten Erwachsenen kaum. Bei einem Workshop, der diesen Namen wirklich verdient, kommen Kinder in der Johanneskirche hinter die Geheimnisse der „Königin der Instrumente“. Sie setzen mit Hilfe eines Bausatzes und unter Anleitung von Regionalkantor Reiner Schulte eine Mini-Orgel selbst zusammen. Vielleicht, das ist die Hoffnung dahinter, bereitet ihnen das nicht nur Spaß, sondern macht sie auch neugierig, einst selbst mal an einer Orgel spielen zu wollen. Es fehlt nämlich an Organisten-Nachwuchs.

„Wir bauen heute zusammen eine Orgel!“. Was für eine Ansage von Annedore Greiner, der Leiterin des Kinderchors, und Diakonin Clarissa Winkhardt. In der Johanneskirche steht schon eine und die ist mächtig genug, dass der Nachwuchs bei dieser Ankündigung erst mal große Augen macht. Aber Schulte nimmt gleich etwas den Wind raus, mit dem Vergleich auf Vertrautes, nämlich Legobausteine.

Ausgeklügelt, handwerklich perfekt und deshalb 7000 Euro teuer

Also keine Sorge, es wird alles ein paar Nummern kleiner, wobei der Orgel-Bausatz, wie sich bald herausstellt, doch etwas mehr ist als eine bloße Spielsteineansammlung, nämlich ausgeklügelt bis ins letzte Detail und handwerklich absolut akkurat gearbeitet. Das zeigt sich auch im Preis, laut Schulte etwa 7000 Euro. Wobei die evangelische Kirchengemeinde den für die einmalige Aktion nicht berappen musste, sondern nur 50 Euro Ausleihgebühr. Die sich lohnt, denn das Erlebnis ist für die Kinder eindrücklich. Die jungen Workshop-Teilnehmer erweisen sich als nicht unbedarft. Als Schulte ihnen auf den Zahn fühlt, fragt, was man für eine Orgel braucht, kommt von einem Buben direkt die Antwort „Tasten“. Auch bei der Frage, wie das Klavier nebendran eigentlich heißt, kommt sofort „Flügel“. Und dass man außerdem bei der Orgel auch noch Pfeifen braucht, und dass das ähnlich funktioniert wie bei einer Flöte, und dass die Löcher was zu tun haben, mit Hoch und Tief bei den Tönen, die herauskommen. Die Kids sind aufgeweckt, wissen ziemlich gut Bescheid. Schulte kann sie trotzdem verblüffen: 48 Pfeifen wird „ihre“ Orgel haben, die „richtige“ Orgel in der Johanneskirche hat rund 1300 und die mit den meisten in Deutschland, die in Passau steht, sogar etwa 30.000. Aus was die Orgel noch besteht, einem Rahmen, Gestell samt Windanlage, erzählt er gleich dazu und teilt den Bautrupp in Spezialistengruppen ein.

Aber diese Arbeitsteilung ist fragil, es gibt nämlich Schüchterne, die lieber zuschauen, und welche, die eifrig am liebsten alles selbst erledigen wollen. Die Teile sind nummeriert oder nach Größe so vorsortiert, dass die Reihenfolge, der Platz, wo was genau hinmuss, für die Kinder kein Problem ist. Alles passt exakt zueinander. Auch eine Miniorgel ist Präzisionsarbeit. Vor allem das mit der Windlade, das „Herzstück“ der Anlage, wie Schulte erklärt, denn die arbeite mit Luft, wie bei einem Blasebalg, lässt die Herzen höher schlagen, die können sie nämlich gleich selbst ausprobieren. Auch der Zusammenhang von Tastendrücken, sich öffnenden oder schließenden Ventilen, der Luft in den Pfeifen mit dem Erzeugen von Tönen, lässt sich mit dem sich allmählich zusammenfügenden Bausatz ideal veranschaulichen. Schulte selbst ist fast noch mehr angetan von der Qualität und Bearbeitung der unterschiedlichen verwendeten Hölzer. Beim Thema Register belässt er es für die Kinder bei der Erklärung, dass die dafür sorgen, dass gleich lange Pfeifen unterschiedlich hoch oder tief tönen, auf Nachfrage meint er schmunzelnd, also physikalisch sei das selbst für ihn schwer zu erklären, da stecke eine ziemlich komplizierte Formel dahinter. Aber egal: Hauptsache, er weiß, wie’s geht, und kann’s. Das gilt ja nicht nur bei Orgeln.

Gänsehautmoment: der erste Ton

Schließlich ist alles komplett, dort, wo es hingehört. Spannender Moment: Wird es funktionieren? Tatsächlich, der erste Ton erklingt, es ist geradezu magisch, die Kinder sind fasziniert, einer von ihnen darf ran, es klingt bei ihm ein bisschen schräg. Aber Schulte hat natürlich vorgesorgt, ein Vorführstück dabei, vom großen Meister, spielt das berühmte, so oft gehörte „Air“ von Bach. Mit so einem kleinen Ding, sagenhaft. Da muss auch der neutrale Beobachter durchatmen, schlucken. Gänsehautmoment.

Die elfjährige Lea spielt Beethovens Europahymne

Aber es kommt noch besser. Ein Mädchen meldet sich. Sie hat extra ihre eigenen Noten mitgebracht. Na klar, sagt Schulte sofort, diese Chance natürlich am Schopf packend. Beethoven, dessen neunte, die letzte von ihm vollendete Sinfonie, das Hauptthema des letzten Satzes, als offizielle Europahymne mindestens so bekannt wie Bachs Instrumentalstück. Genau die spielt Lea jetzt. Zum ersten Mal nicht am Klavier, nicht in der Musikschule und nicht daheim, sondern an einer Orgel, in einer Kirche. Was muss da in der Neunjährigen vorgehen. Aber sie bleibt ganz bei sich, hochkonzentriert bis zum Schlusston. Verdienter Beifall von allen.

Schulte hat noch eine besondere Belohnung. Sie darf auch an die „richtige“ Orgel. Und Lea packt, mit ein paar Hinweisen von ihm, was die Bedienung des Instruments angeht, auch das mit Bravour. Die Gelegenheit lässt sich der Kantor nicht entgehen: Duett mit dem Mädchen und gleich mit noch ein paar Registern mehr. Wie wuchtig das tönt, die Kinder kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Auch für Schulte ist es übrigens eine Premiere, ein Debüt, nämlich sein erster Workshop mit dem Miniorgelbausatz, verrät er auf Nachfrage. Hat man ihm gar nicht angemerkt.

Wie eine Orgel funktioniert, das durchschauen selbst die meisten Erwachsenen kaum. Bei einem Workshop, der diesen Namen wirklich verdient, kommen Kinder in der Johanneskirche hinter die Geheimnisse der „Königin der Instrumente“. Sie setzen mit Hilfe eines Bausatzes und unter Anleitung von Regionalkantor Reiner Schulte eine Mini-Orgel selbst zusammen. Vielleicht, das ist die Hoffnung dahinter, bereitet ihnen das nicht nur Spaß, sondern macht sie auch neugierig, einst selbst mal an einer Orgel

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