Leutenbach

Lisa Ossig, die Straßenmusikerin

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Die Straßenmusikerin Lisa Ossig. © Mathias Ellwanger

Leutenbach. Straßenmusik hat Lisa Ossig zum ersten Mal mit elf Jahren gemacht – mit der Blockflöte und einer Freundin für die Klassenkasse. Mit 14 stand sie dann alleine mit ihrer Gitarre und schlotternden Knien im Stuttgarter Stadtzentrum. „Heute ist die Straße meine Bühne, auf die ich ohne Aufregung steige, am liebsten in Winnenden“, sagt die 25-Jährige aus Leutenbach.

Video: Lisa Ossig singt "Mountains of life"

Lisa Ossig geht unter die Haut, nicht nur ihre Stimme, auch die Texte ihrer Songs, ihre ganze Art. Wenn sie Lieder wie „Je veux“ von Zaza oder „Take me on the Floor“ von The Veronicas singt und spielt, spürt man ihre Lebendigkeit, Leidenschaft und Lebensfreude. Und dann sind da noch ihre eigenen Lieder, die tiefer blicken lassen, die oft melancholisch sind, wie der Song „Liebe“, in dem sie zu einer sanften Gitarrenmelodie davon singt, alle Lasten des geliebten Menschen tragen zu wollen, und von der Angst, ohne diesen Menschen innerlich zu erfrieren.

Straßenmusik macht sie auch wegen der Verbindung mit den Menschen, weil sie ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubert und ihre Begeisterung spürt.

„Musik ist ein Weg, Gefühle rauszulassen, sich auszudrücken. Aber auch eine Art, zu beweisen, was ich kann. Und vor allem bedeutet sie mir viel, weil ich weiß, dass mein Vater früher oft Gitarre gespielt hat“, erzählt die junge Frau, und ihr strahlendes Lächeln verschwindet ein bisschen. Denn ihren Vater hat sie kaum gekannt. Als sie sich mit zwölf Jahren das Gitarrespielen selbst beibrachte, wusste sie noch nicht, dass es die große Passion ihres Vaters war, denn die Eltern hatten sich getrennt, als sie noch ein Baby war. Sie begegnete ihm genau zweimal. Damals war sie 15, er lebte im betreuten Wohnen und starb nach ihrem zweiten Treffen an einer Raucherlunge.

In „What I need“ verarbeitet sie den Verlust ihrer Eltern

Aufwachsen ohne einen Vater – das hat sie in ihrem Song „What I need“ (Was ich brauche) verarbeitet. Eine berührende Tiefe, ein großer Schmerz ist in diesem Lied zu spüren. Und Einsamkeit. Lisa Ossig verlor mit 17 Jahren ihre Mutter nach schwerer Krankheit. Das Mädchen lebte kurz bei ihren Tanten in Weiler zum Stein, zog dann aber in eine eigene Wohnung in deren Nähe. Das Abitur brach sie in der Mitte der zwölften Klasse ab, weil es ihr psychisch sehr schlecht ging. Sie begann eine Ausbildung zur Schreinerin. Lisa Ossig ist eine starke, junge Frau mit großer Ausstrahlung, doch sie musste sich diese Stärke hart erarbeiten. Das erste Lehrjahr war sehr schwer, erinnert sie sich. „Ich hatte totale Versagensängste ohne offensichtlichen Grund. Und ich war abends sehr einsam, bin aber nicht nach außen gegangen und hab' Kontakt gesucht, sondern hab' mich in meiner Angst verkrochen.“ Doch ihr Betrieb hat sie unterstützt, sie hat eine Therapie gemacht und es geschafft. Und zwar nicht irgendwie – ihr Gesellenstück, ein kleiner Schrank in Form einer Gitarre – erhielt den Landespreis der Innung und wurde sehr oft ausgestellt.

„Ich hatte generell Glück, dass sich immer Leute um mich gekümmert haben. Aber das kann auch verhängnisvoll sein, weil man leicht in die Rolle ‘Ich schaff das nicht’ fällt und darauf hofft, dass andere einen auffangen, statt sich selber durchzubeißen – sich auf den ‘Welpenschutz’ verlassen quasi.“ Aber sie hat dieses Verhaltensmuster durchschaut und geht es an, immer wieder. Schwierig ist dieser Kampf vor allem, wenn große Veränderungen anstehen, wenn ein neuer Lebensabschnitt beginnt und man aktiv entscheiden muss, wie man seine Zukunft gestaltet. „Dann braucht man Zuversicht, dass alles gut wird. Bei mir war da aber oft nur Ratlosigkeit, wie es weitergehen soll. Und Angst.“

Immer wieder hat sie diese überwunden, mit Hilfe von Verwandten, Freunden und Psychologen, aber vor allem mit eigener Tatkraft – und mit Musik und Handwerk als Ventil und Ausdrucksmittel. In ihrem Schlafzimmer steht ein selbst gebauter Stuhl, eine kunstvolle Frauenskulptur aus einem Baumstamm. Ihre Wohnung hat sie bis auf die Elektrik komplett selbst renoviert – Wände verspachtelt und verputzt, Parkett verlegt, den Spülkasten installiert – „Das ist ein gutes Gefühl.“ Auf die Frage, ob sie doch sicher auch einen Autoreifen wechseln kann, antwortet die junge Frau lachend: „Klar, ich kann auch alle vier wechseln! Und sogar im Minirock. Schon vorgekommen.“

Gerade macht Lisa Ossig ihr Abitur am Kolping-Kolleg in Stuttgart. Anschließend will sie eine Ausbildung zur Arbeitserzieherin beginnen. Ihr Traum wäre es, auf dem Paulinenhof zu arbeiten. Mit immer mehr Zuversicht und viel Kraft erklimmt diese begabte junge Frau den Berg, der das Leben ist – im Gepäck die Erfahrung, es trotz Strauchelns immer wieder geschafft zu haben. Mit der Gitarre auf dem Rücken und einem eigenen Lied, das genau diesen Weg beschreibt: „Mountain of my life“.

Lissa Ossig live

Wahrscheinlich spielt Lisa Ossig am Samstag, 28. Mai, auf dem Winnender Wochenmarkt.

Am Samstag, 4. Juni, tritt sie mit einer Accousticband beim Tag der offenen Tür der Harley-Werkstatt „Dr. Mechanik“ in Waiblingen-Neustadt auf.