Leutenbach

Nach 16 Monaten General-Sanierung: Rems-Murr-Halle Leutenbach eingeweiht

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Bürgermeister Jürgen Kiesl (l.) schenkt Architekt Felix Stammler eine Torte mit dem neune Antlitz der Halle als Deko. Die wurde anschließend noch an Ort und Stelle, als Dessert zum Buffet, serviert. © Ralph Steinemann Pressefoto

Eine Einweihung ist die Generalprobe, für den Planer, die Baufirmen, für den Bauherrn. Ob alles wie gewünscht funktioniert, das ist die große Frage. „Ja, fast“ lautet die Antwort bei der runderneuerten Rems-Murr-Halle. Wenn die Veranstaltungstechniker noch die manuelle Nachsteuerung des Lichts auf der Bühne, die punktgenaue Ausleuchtung, was dort gerade geschieht, in den Griff bekommen, und das werden sie bald, ist alles „paletti“.

Der Wechsel des Farbtons, in den die Bühne getaucht wird, der für Show-Atmosphäre sorgt, ein Schmankerl der Generalsanierung, klappte, die (geladenen) Gäste der Feier waren beeindruckt. Die neue Lüftung war auf „maximal“ gestellt, so dass bei den großen Abständen dem Abnehmen der Masken, solange man auf dem Platz saß, und zu dem Bürgermeister Jürgen Kiesl ausdrücklich ermunterte, nichts im Wege stand. Fast alle nutzten die Gelegenheit erleichtert, denn die Programmliste verriet, dass dieses Ereignis nicht hopplahoppp über die Bühne gehen, der Hausherr Sorge dafür tragen würde, dass es denkwürdig wird, in Erinnerung bleibt.

Kiesl war denn auch bestens aufgelegt, kam aber erst so richtig zu Wort nach dem Auftritt des Gemeindeorchesters, einer „Auswahl“, wenn man so will, aus vereinigten „Gut Ton“-Musikern und Aktiven des Musikvereins. Die warteten mit der Schwaben-Hymne in fulminanter Marsch-Version und einer temperamentvoll vorgetragenen Polka auf. Das Ensemble hat also Corona gut überstanden, auch das eine Erkenntnis des Abends. „Die“ Nachricht aber: Leutenbach hat seine größte Halle zurück, Bürgerempfang, Weihnachtsfeier für Ältere, Konzerte, Theateraufführungen, Jahresfeiern, Kirbe und nicht zuletzt der Vereinssport können dort wieder stattfinden – unter deutlich besseren Bedingungen als bisher.

Beim Bau wurde die Einweihung eine ganze Woche lang gefeiert

„Die gute Stube der Gemeinde erstrahlt in neuem Glanze“, formulierte es Kiesl. 16 Monate hat es gedauert, was ein Besucher beim anschließenden Ständerling erstaunlich kurz fand für eine Kernsanierung in so großem Ausmaß. „Es ist ein Freudentag“, so der Bürgermeister, der gewohnt launig darauf verwies, dass die Einweihung nach dem Bau damals, vor 47 Jahren, eine ganze Woche lang gefeiert wurde. Fast zehn Prozent habe damals der Zinssatz betragen, seinerzeit habe schon wohl das Motto gelautet „Be happy and pay the deficit“, so Kiesl, den legendär-berüchtigten Satz des damaligen Chefs des Leichtathletik-Weltverbands zitierend zu den aus dem Ruder gelaufenen Kosten für die Weltmeisterschaft 1993 in Stuttgart.

Vor elf Jahren habe es immerhin noch ein Festwochenende gegeben anlässlich der damals gleichfalls generalsanierten und umgebauten Gemeindehalle in Weiler zum Stein, so Kiesl weiter. Die aktuelle Lage lasse eine Feier nun mit einem kleinen Festakt zu – wobei man bei ihm wohl davon ausgehen kann, dass er, wenn es möglich gewesen wäre, es durchaus angemessen hätte „krachen“ lassen, getreu dem Motto des schlitzohrigen Sportfunktionärs.

Kiesl verwies auch darauf, dass die erste Bewährungsprobe, wenn man so will, der erneuerten Halle bald bevorsteht, die Kulturaboveranstaltung in der nächsten Woche. Er erinnerte daran, dass die Halle seinerzeit nach dem damals ebenfalls noch jungen Rems-Murr-Kreis benannt wurde, nach einer Blitzumfrage, und er ließ nicht unerwähnt, dass die Gemeinde für die Generalsanierung fast 700.000 Euro Fördermittel erhält. Zwei Jahre lang sei der Beschluss dazu immer wieder im Gemeinderat diskutiert und verschoben worden, bis er schließlich, 2018, bei einer Gegenstimme, doch gefasst wurde. Wobei aus seiner Sicht, so Kiesl, es dringend gewesen sei, nach so vielen Jahren sei die Halle in die Jahre gekommen gewesen. Er habe sich öfters Hohn und Spott von auswärtigen Künstlern anhören müssen, insbesondere übers Mobiliar. Wobei: Beim Festakt saßen die Gäste gleichwohl noch auf den alten Stühlen. Es habe Lieferprobleme gegeben, aber die neuen Exemplare würden nicht mehr lange auf sich warten lassen, versprach Kiesl.

Was ist denn nun alles neu? Die Aufzählung wäre so lang, dass man es stattdessen kurz machen kann: fast alles, bis auf die Grundmauern und die Bühne. Zum Beispiel und vielleicht vor allem zu nennen der Sportboden mit Fußbodenheizung, die Heiz- und Lüftungsanlage, die dafür sorgen werde, dass man nicht wie bisher im Winter in der Halle friert und im Sommer schwitzt, so Kiesl, die energetische Sanierung, die bedeutet, dass der Stromverbrauch und der CO2-Ausstoß deutlich nach unten gehen werden. Kiesl betonte, dass die Nutzer, vor allem die Vereine, in die Planung miteinbezogen worden seien.

Siebtes Projekt des Büros Stammler in Leutenbach

Der Planer, Felix Stammler, habe das in ihn, in sein Büro, gesetzte Vertrauen nicht enttäuscht, sondern im Gegenteil eine Meisterleistung abgeliefert. Es ist das mittlerweile siebte Projekt binnen eines Vierteljahrhunderts mit dem Schorndorfer Architekturbüro gewesen, darunter die Sporthalle Ob den Gärten, der Kindergarten Lange Äcker in Nellmersbach, die Modernisierung der Gemeindehalle. Bei ihr kam Kiesl auf ein „chronisches“ Thema bei Leutenbacher Bauprojekten zu sprechen, wieder launig: Kostenüberschreitungen. Beim Bau der Gemeindehalle waren es seinerzeit sage und schreibe 65 Prozent, beim Bau der Halle in Nellmersbach 32 Prozent, bei der Modernisierung der Gemeindehalle 20 Prozent. Nun, bei der Rems-Murr-Halle-Erneuerung, „nur“ 4,5 Prozent bei einer Bausumme von 4,2 Millionen Euro. Im Vergleich habe man also fast eine Punktlandung gelandet, aber auch viel Glück gehabt bei den Ausschreibungen, so der Bürgermeister, der nicht vergaß, anzumerken, dass die Gemeinde für das Vogelschutzglas an der großen Fensterfront zum Buchenbach hin, fürs Notstromaggregat und vor allem für eine bessere Ausstattung der Küche noch mal viel Geld dazugelegt hat.

Landrat froh, dass nicht der Gedanke aufkam, die Halle jetzt umzubenennen

Landrat Dr. Richard Sigel ging in seinem Grußwort natürlich auf die Namensgebung der Halle ein. Das sei damals ein Bekenntnis zum noch jungen Landkreis gewesen. Die Gemeindereform, die mit dessen Bildung zusammenhänge, jähre sich bald zum 50. Mal. Er sei froh, dass anlässlich der Generalsanierung nicht der Gedanke aufgekommen sei, die Halle umzubenennen, es gebe ja einige Leutenbacher, die als neue Namensgeber infrage gekommen wären, etwa der aus der Gemeinde stammende Nationalspieler Andreas Hinkel, so Sigel. Die Beibehaltung des ursprünglichen Namens werte er als fortwährendes Bekenntnis zum Kreis, als Ausdruck, dass dieser und die Gemeinden in ihm seither wirklich zusammengewachsen sind. Sigel erinnerte daran, dass sein Vorvorgänger Horst Lässing damals Sportgeräte als Geschenk zur Einweihung mitgebracht hatte. Er hatte nun einen Scheck dabei (1000 Euro). Er sei sicher, dass die Gemeinde dafür den geeigneten Empfänger beziehungsweise die richtige Verwendung finde, so der Landrat, der sich gleichwohl einen Rat erlaubte: Bälle wären doch eine gute Idee.

Planer Felix Stammler führte aus, dass es hier zwar „nur“ um einen Umbau, eine Generalsanierung, gegangen sei, der „Traum eines jeden Architekten: Bauen auf der grünen Wiese“ aber doch insofern in Erfüllung gegangen sei, als die Halle in der Bachaue am Ortsrand liegt. Die Herausforderung sei gewesen, die Vielzahl von Veranstaltungen, die in der Halle stattfinden, deren Vielfalt, die Anforderungen, die das bedeute, zu bedenken. Schon 2015 habe sein Büro die ersten Skizzen gefertigt, vieles andere sei in der Folge dazwischengekommen. Stammler verwies unter anderem darauf, dass die Lüftungsanlage aus den Geräteräumen entfernt wurde, so dass diese nun viel mehr Platz bieten. Es habe viel Stress für die beteiligten Baufirmen gegeben, naturgemäß nie Home-Office für ihre Mitarbeiter vor Ort, oft Material- und Personalengpässe. Dass man in einer Gemeinde im Lauf der Jahre sieben Projekte verwirklichen dürfe, sei nicht selbstverständlich, zeuge von großem Vertrauen. Stammler ging auch darauf ein, dass das Bühnenportal erhalten blieb, das sei für die Halle stilprägend, ja „ihr Gesicht“. Die neuen Geländer auf der Bachseite erlaubten nun von drinnen einen Blick ins Grüne, während man früher auf Beton geschaut habe. Bei aller Freude über den „neuen Look“ müsse man aber zugestehen, dass die Halle auch vorher schon nicht hässlich gewesen sei, so Stammler: „Aber sie war eben ein Kind ihrer Zeit.“

Pfarrer Habeck erinnert daran, dass auch Luther eingeweiht hatte

Dass der Festakt auch wirklich eine „Einweihung“ war, dafür sorgte Pfarrer Sebastian Habeck, den Kiesl um den Segen für die Halle gebeten hatte. Habeck stellte in verschmitzt-hintersinniger Art, die sehr an seinen Vorvorgänger Frank Zeeb erinnert, amüsante Parallelen her. Er erinnerte daran, dass sogar Kirchenvater Martin Luther einst einweihte, nämlich 1544 die Schlosskirche von Torgau. Hier, heute, gehe es um eine Halle, und wenn er in die so hineinschaue, müsse er zugeben, dass er selbst sonst nicht immer so viele Menschen vor sich sehe, so Habeck, eine launige Anspielung natürlich auf die (geringe) Zahl der Gottesdienstbesucher.

Der Pfarrer erinnerte auch daran, dass die Apostel und Jesus für die Verkündigung des Glaubens unglaublich lange Strecken zu Fuß zurückgelegt hatten, also, wenn man so wolle, eben auch Sport getrieben hätten. Vielleicht sei auch kein Zufall, dass es, wenn man Judas abziehe, elf Apostel gewesen seien, so viele wie eine Fußballmannschaft eben Mitspieler hat. Er selbst empfinde, wenn er Sport treibe, das durchaus als „Heiliges“, weil er hinterher immer froh sei, feststellen zu können, dass sein Körper noch „heil“ sei.

Den nicht weniger beeindruckenden Schlussakt des offiziellen Teils bildete der Auftritt des Akkordeonorchesters. Wie sagte eine ehemalige Gemeinderätin kurz darauf am Buffet? „Also wirklich, seit heute Abend denke ich ganz anders über Akkordeonmusik. Ich hab’ ja bisher gar nicht gewusst, wie vielfältig die sein kann.“

Eine Einweihung ist die Generalprobe, für den Planer, die Baufirmen, für den Bauherrn. Ob alles wie gewünscht funktioniert, das ist die große Frage. „Ja, fast“ lautet die Antwort bei der runderneuerten Rems-Murr-Halle. Wenn die Veranstaltungstechniker noch die manuelle Nachsteuerung des Lichts auf der Bühne, die punktgenaue Ausleuchtung, was dort gerade geschieht, in den Griff bekommen, und das werden sie bald, ist alles „paletti“.

Der Wechsel des Farbtons, in den die Bühne getaucht

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