Leutenbach

Rems-Murr-Bühne zeigt „Tratsch em Treppahaus“

Theater
Das Getratsche gibt es immer noch, aber heute sind Senioren „Best Ager“: Zwar auch grau, aber stramm und fit. © Büttner/ZVW.
Leutenbach.
Die Rems-Murr-Bühne hat diesmal Schweres geschultert - ohne sich zu verheben, wie die beiden Premieren in der Rems-Murr-Halle mit gut 900 Zuschauern zeigten: „Tratsch em Treppahaus“, ein Klassiker des Volkstheaters, wurde vom Ensemble erfolgreich vom Plattdeutschen ins Schwäbische übertragen und von den 1960ern in die digitale Moderne – Respekt!


Ganz Deutschland hing an Silvester 1966 vor den Fernsehgeräten, als, noch in Schwarz-Weiß, das Hamburger Ohnsorg-Theater „Tratsch im Treppenhaus“ gab, mit Heidi Kabel als Klatschtante, Henry Vahl als lüsternem Mieter-Senior und all den anderen Charakteren einer Komödie, in der es um das Wohnen, Lieben und (Be-)Lauschen in einer Mietskaserne geht, um Flirten im Flur und Mobben vor verschlossener Tür, somit um zarte Bande, menschliche Abgründe und üble Nachrede. In derbstem, deutlichstem Platt, wie es damals die Ohnsorg-Mimen so unschlagbar beherrschten.

In der Leutenbacher Inszenierung ist so manches ähnlich: Auch hier besteht das Bühnenbild (Karl und Roland Hilt) nur aus einem Treppenhaus und aus Türen, die ab und zu auf- und zugehen, ohne dass der Zuschauer je sieht, was hinter ihnen passiert - ein wirkungsvoller dramaturgischer Schachzug, der so manches der Fantasie überlässt. In Hamburg wie in Leutenbach. Auch eines der Schlüsselthemen, das Gockeln von Grauhaarigen, deren Mannesreife sichtlich überschritten scheint und die dennoch dranbleiben (am Baggern), haben die Rems-Murr-Bühnendarsteller beibehalten.

Der Grauhaar-Galan nimmt mit Frau Knopf vorlieb

Hier stellen der Mieter Ernst Brummer (Andreas Lutz) und Hausbesitzer Trambacher (Erich Schönbach) ebenfalls der Untermieterin Silke Seefeld (Katharina Pfitzenmaier) nach, bis im vierten Akt schließlich die Silke ihren Markus Brummer (Stefan Orner) kriegt, den Neffen des Grauhaar-Galans, mit dem dann Frau Knopf (Petra Meinkuss) vorliebnimmt.

Doch einiges ist in Leutenbach signifikant anders als auf St. Pauli. Nicht nur, dass Silke die Tochter „des größten Winnender Autohändlers“ ist, während sie bei den Ohnsorgs einer Hamburger Reederei entstammte, oder dass Frau Knopf, die „aus Schwoiga“ kommt, davon träumt, mit der Aida auf Kreuzfahrt zu gehen.

Auch über das Schwarz-Weiß der 1960er haben Maske (Trudi Spieth) und Design (Erich Schönbach) die Farben der Multi-Media-Moderne (Technik: Tobias Stumpp) gestreut, so wie die laute Musik aus dem Zimmer, die damals den alten Vahl so störte, heutzutage kein Schlager mehr ist, sondern aktueller R’n’B, und nicht vom Plattenspieler kommt, sondern vom CD-Player.

Vor allem aber sprechen die Rems-Murrler Schwäbisch. Und das ebenso knarzig-knitz und entlarvend direkt wie die Kabel und der Vahl im norddeutschen Original. Dass Schwäbisch volkstheatertauglich ist, beweist Rems-Murr-Profiregisseur Volker Jeck (der übrigens mal im Ohnsorg inszeniert hat) hierzulande schon seit Jahren, und stets erfolgreich, auch preiswürdig.

Zutiefst menschlich, abgrundtief komisch

Aber mit dem neuen Stück haben seine Mimen ihr Meisterstück abgegeben. Sie übertragen die Texte immer selber ins Schwäbische, bringen eigene Anregungen ein, tragen hier Verantwortung. Und übertreffen sich beim „Tratsch“ selber. Vor allem Beate Severin als Tratschtante Frau Boldinger. Leutenbachs Heidi Kabel, ein am Ende dann doch irgendwie liebenswertes Miststück. Zutiefst menschlich eben. Und abgrundtief komisch.

Der größte Unterschied zum Ohnsorg-Original aber sind die strammen Senioren auf Brautschau, heutzutage „Best Ager“ und nicht länger geifernde Greise, sondern stramme Maxe. Grau, aber fit. Bejahrt, aber noch diesseits von Gut und Böse. Wenn Andreas Lutz als Ernst Brummer und Erich Schönbach als Herr Trambacher angesichts der attraktiven Untermieterin sichtlich entflammen, dann nimmt das denen jeder ab. Was beim alten Henry Vahl 1966 womöglich doch anders war ...
 

Ensemble hat Nachwuchsprobleme
Vor der Aufführung am Freitag (am Samstag für die Abonnenten) trug Bürgermeister Jürgen Kiesl die Bitte des Vorstands der Rems-Murr-Bühne vor, um Mitglieder und Schauspieler zu werben. Man mache sich Sorgen wegen des Nachwuchses. „Gehen Sie in sich“, so Kiesl, „trauen Sie sich!“ Er wisse um die schwäbische Bescheidenheit, deshalb dürfe man auch andere benennen und ihm in der Pause melden. Einzige Bedingung: Der- oder diejenige müsse Schwäbisch können.