Plüderhausen

Eine Hündin, die Menschen therapiert

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Lena Müller bestückt bei der Therapie mit Kindern oft eine Steckleiste mit Karten, auf denen Aufgaben stehen ... © ZVW/Gabriel Habermann
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... Hündin Bella zieht die Stöcke dann aus der Leiste, so dass die Kinder lesen können, was auf den Karten steht. © Gabriel Habermann

Plüderhausen.
Wer das Zimmer betritt, in dem Lena Müller ihre Patienten trifft, wird oft von einem freundlichen, schwanzwedelnden Mischlingshund empfangen. Nachdem ihre erste Hündin starb, wollte die Ergotherapeutin sich eigentlich kein neues Tier anschaffen. „Dann war ich bei einem Spaziergang im Schorndorfer Tierheim“, erzählt sie. „Eine Woche später war Bella da.“

Und sie blieb. Die Hündin leistet der 27-Jährigen nicht nur Gesellschaft, sondern begleitet sie sogar nach Plüderhausen zur Arbeit. Nicht etwa als Bürohund, sondern um ihr aktiv bei der Behandlung von Patienten zu helfen. Als Ergotherapeutin macht Lena Müller ihre Patienten fit für den Alltag. Seitdem sie mit Bella Anfang des Jahres die Prüfung zum Therapiebegleithundeteam absolviert hat, hilft die Mischlingshündin dabei kräftig mit. Das war so aber ursprünglich überhaupt nicht geplant.

„Bei einem Tierheim-Hund weiß man ja nie“, sagt Lena Müller. Bella wurde in einer Tötungsstation gefunden und dann ins Schorndorfer Tierheim gebracht. „Ich wollte sie erst einmal ankommen lassen.“ Als Lena Müller die Hündin zu sich holte, konnte Bella noch keine der Tricks, die sie heute so wertvoll im Umgang mit Patienten machen. Als die Schorndorferin aber mit einer Ausbilderin Kontakt aufnahm, um zu fragen, ob Bella für eine Ausbildung infrage komme, sagte diese: Es gibt keine ungeeigneten Hunde.

„Bella hat sich gut geschlagen“, erzählt Lena Müller von der Ausbildung des kleinen Mensch-Hund-Teams. Vormittags ist die Schorndorferin meistens auf Hausbesuch, in der Mittagspause holt sie Bella zu Hause ab und nimmt sie mit in die Praxis in Plüderhausen, wo der Arbeitsalltag der Hündin beginnt. Der kann zum Beispiel so aussehen: Für junge Patienten platziert Lena Müller mehrere Karten in einer Steckleiste. Bella zieht dann einen Stock aus der Leiste und bringt so eine bestimmte Karte zum Vorschein. Darauf stehen Rechenaufgaben oder Aufforderungen zur Selbstreflexion, die die Kinder lösen müssen.

„Die Kinder sind viel motivierter, wenn Bella dabei ist“, berichtet Lena Müller. „Sie lockert die Therapie auf.“ Ein Kind mit Lese-Rechtschreib-Schwäche zum Lesen zu bewegen, sei normalerweise nicht so einfach. Wenn Lena Müller mit den jungen Patienten aber ein Rezept für Hundekekse liest und die Kekse dann beim nächsten Termin gemeinsam mit dem Kind für Bella backt, dann sehe die Situation schon ganz anders aus. „Kinder, die stockend lesen, lesen Bella vor“, erzählt Lena Müller. „Hunde haben keine Vorurteile und nehmen jeden an, wie er ist.“

Bella hilft Kindern außerdem dabei, Verantwortung zu übernehmen, wenn sie die Hündin an der Leine führen oder ihren Trinknapf auffüllen, und dient ihnen dazu, das eigene Verhalten zu spiegeln. „Wenn Bella sich zurückzieht, gilt die Regel, dass wir sie in Ruhe lassen“, sagt Lena Müller „Dann merken die Kinder, dass sie nicht die Einzigen sind, die Ruhe brauchen.“

Auch bei Erwachsenen vergehen die ersten Minuten einer Therapiestunde oft erst mal damit, Bella zu begrüßen. „Ich nehme mich dann zurück“, sagt Lena Müller. Das tue den Patienten gut, auch wenn sie nicht direkt mit Bella arbeiteten. „Hunde wirken oft als Eisbrecher oder Brücken zwischen Menschen“, so die junge Frau. „Menschen, die nicht reden wollen, erzählen Bella, was sie am Wochenende gemacht haben.“

Eine Hündin als Brücke zwischen Menschen: Bella als Eisbrecher

Es gebe sogar Patienten im Wachkoma, bei denen die Angehörigen wünschen, dass Bella mit ins Bett kommt. Um die Wahrnehmung solcher Patienten zu stimulieren, kann ein Hund ihnen zum Beispiel Leberwurst vom Arm lecken. „Das geht aber natürlich nur in enger Absprache mit den Angehörigen“, so Lena Müller.

Natürlich ist nicht jeder Patient hundefreundlich. Wenn eine Person nicht möchte, dass Bella während der Therapie im Behandlungszimmer umherläuft, dann verweilt die Hündin so lange in ihrer Box. So geschehen, als eine Dame, die einen Hundebiss erlitt, zu Lena Müller in die Therapie kam. „Am Ende durfte sie aber herumlaufen und die Patientin meinte sogar, es war gut, dass Bella dabei war“, erzählt die Ergotherapeutin. Manchmal kann die Hündin auch aus praktischen oder persönlichen Gründen nicht mit dabei sein. Zum Beispiel, wenn ein Patient offene Wunden hat oder weil in machen Kulturen das Maul des Hundes als unrein gilt.

Die meisten Patienten freuen sich aber darüber, dass Bella in der Praxis mithelfen darf. „Und Bella selbst liebt das“, sagt Lena Müller. „Sie arbeitet ganz arg gerne.“ Jedes Mal, wenn ein neuer Mensch den Raum betritt, wedelt Bella mit dem Schwanz und geht auf ihn zu. „Sie freut sich über alle und jeden“, sagt ihre Besitzerin.

Alle drei Monate muss Lena Müller mit Bella zum Tierarzt, alle zwei Jahre müssen die beiden eine Nachprüfung ablegen. „Bei der Prüfung werden die Hunde auch bedrängt“, sagt Lena Müller. Zum Beispiel, indem sie in den Po gezwickt werden oder die Prüfer schreiend auf sie zulaufen. So soll sichergestellt werden, dass sie kein aggressives Verhalten entwickelt haben.

Die Ausbildung zum Therapiebegleithundeteam hat Lena Müller 2000 Euro gekostet, ohne Fahrt- und Übernachtungskosten. „Das muss man wollen“, sagt sie. Die tiergestützte Therapie wird nicht von den Krankenkassen übernommen, zusätzliches Geld bekommt sie also nicht dafür. Trotzdem denkt Lena Müller schon jetzt daran, mit Bella eine Weiterbildung zu besuchen und sie noch vielseitiger einzusetzen.

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Wer das Zimmer betritt, in dem Lena Müller ihre Patienten trifft, wird oft von einem freundlichen, schwanzwedelnden Mischlingshund empfangen. Nachdem ihre erste Hündin starb, wollte die Ergotherapeutin sich eigentlich kein neues Tier anschaffen. „Dann war ich bei einem Spaziergang im Schorndorfer Tierheim“, erzählt sie. „Eine Woche später war Bella da.“

Und sie blieb. Die Hündin leistet der 27-Jährigen nicht nur Gesellschaft,

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