Plüderhausen

Wie die Blaualgen in den Plüderhäuser Badesee kommen und was die Menschen damit zu tun haben

BadeverbotPluederhausen
Unschön: Die Blaualgen im Kinderbereich 2020. © Gaby Schneider

Die Badesaison 2020 war am Plüderhäuser See nicht nur von der Corona-Pandemie geprägt. Eine erhöhte Konzentration von Cyanobakterien - auch Blaualgen genannt - sorgte für Einschränkungen im Badebetrieb. Schon im Jahr davor sorgten die Organismen für Probleme. Wie es zu ihrem vermehrten Vorkommen im See kommt, war der Plüderhäuser Verwaltung ein Rätsel. Jennifer Lloyd-Pippich, Masterandin für Umweltschutz an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HFWU), bringt nun Licht ins Dunkel. In ihrer Masterarbeit befasst sie sich mit der Problematik am Plüderhäuser See. Im Interview verrät sie uns, woher die Blaualgen kommen, was sie gefährlich macht und wie sie eingedämmt werden könnten.

Wie sind Sie auf das Thema für Ihre Masterarbeit gekommen?

Die Gemeinde Plüderhausen hat sich an die HFWU gewendet, da sie bereits gute Erfahrungen mit der Hochschule in Nürtingen gemacht hat. Die Problematik der Cyanobakterien, auch Blaualgen genannt, sollte wissenschaftlich betrachtet werden, damit die Behörde zukünftig zielführende Maßnahmen anwenden kann. Daraufhin hat die HFWU die Thesis ausgeschrieben, und ich habe mich direkt an die Gemeindeverwaltung Plüderhausen gewendet. Ich habe einen besonderen Bezug zur Ressource Wasser, da ich am Gewässer (nicht in Plüderhausen) aufgewachsen bin.

Warum die Algen den Plüderhäuser See befallen und dort für Probleme sorgen, ist für die Gemeindeverwaltung ein Rätsel. Wissen Sie schon mehr - und was ist über die Blaualgen allgemein bekannt?

Cyanobakterien zählen zu den ersten Organismen auf der Erde. Sie sind Segen und Fluch zugleich. Sie waren die Ersten auf unserem Planeten, die Fotosynthese betreiben konnten. Daher könnte ohne ihr „Abfallprodukt Sauerstoff“ kein Leben, wie wir es kennen, existieren, also auch keine Menschen. Jedoch produzieren viele Arten von Cyanobakterien Giftstoffe, sogenannte Cyanotoxine, die für Mensch und Tier im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sein können.

Warum können die Bakterien für Menschen gefährlich werden?

Cyanotoxine gehören zu den stärksten natürlichen Giften. Es existieren vielzählige Studien zu diesem Themengebiet. Es wird vermutet, dass sich die Cyanotoxinbildung evolutionär entwickelt hat, mit dem Hintergrund, Feinde zu vergiften oder damit die Cyanobakterien erst gar nicht gefressen werden.

Was passiert, wenn Menschen die Bakterien aufnehmen?

Der Verlauf der Toxinaufnahme kann schädlich bis toxisch sein - dies hängt vom Eintrittsweg und der Dauer ab. Bei einmaligem Kontakt kann es zu Haut- und Schleimhautreizungen sowie Bindehautentzündungen und Ohrenschmerzen kommen. Beim Verschlucken können Durchfall und Fieber eintreten. Sollten die Toxine über einen längeren Zeitraum aufgenommen werden, kommt es zur Schädigung der Leberzellen und weißen Blutkörperchen, was einen schweren Krankheitsverlauf verursachen und im schlimmsten Fall auch tödlich enden kann.

Wer ist besonders betroffen?

Zu der Hauptrisikogruppe zählen Schwimmer und Taucher sowie insbesondere Kleinkinder, da diese Wasser verschlucken können.

Wo sind die Bakterien überall zu finden?

Da Cyanobakterien schon seit mehr als dreieinhalb Milliarden Jahren auf der Erde existieren, hatten sie genügend Zeit, sich evolutionär bestens an die unterschiedlichsten Gegebenheiten anzupassen. Deshalb sind Cyanobakterien überall auf der Erde anzutreffen - von der Antarktis bis zur Sahara. Dies zeigt nicht zuletzt die Gartentonne oder das Planschbecken im Garten - auch hier vermehren sie sich, an der grünlichen Färbung erkennbar oft innerhalb kürzester Zeit. Sprich: Cyanobakterien gibt es schon immer und überall. Aber erst unter Idealbedingungen treten sie massenhaft auf und führen über einen längeren Zeitraum zu hohen Toxinkonzentrationen. Dies ist insbesondere in warmen, trockenen Sommern mit ausreichender Nährstoffversorgung im Gewässer der Fall.

So wie im Plüderhäuser See während der Sommermonate.

Bei den Nährstoffen liegt der Schwerpunkt auf Phosphor. Denn Cyanobakterien können Luftstickstoff fixieren und verwenden. Dies ist besonders dann der Fall, wenn geringere Mengen an Stickstoff im See gelöst sind. Dadurch haben sie einen zusätzlichen Vorteil gegenüber ihrer Konkurrenz und können sich ungehindert noch massiver ausbreiten.

Wie kommt denn der viele Phosphor überhaupt in den See?

Die Badegäste sind, Stand jetzt, eine der Hauptphosphorquellen am Plüderhäuser See. Durch Schweiß, Sonnencreme und Urin tragen sie insbesondere unter Idealbedingungen zu einem massiven Nährstoffeintrag bei. Daher sind die Aufklärung der Badegäste und der Ausbau sanitärer Anlagen wichtige Stellschrauben bei der Verringerung des Blaualgenaufkommens.

Schuld sind also hauptsächlich die Menschen, oder gibt es noch andere Faktoren?

Den bisherigen Hauptverdächtigen „Gänse und Landwirtschaft“ muss eine geringe Schuld zugesprochen werden - insbesondere deshalb, weil es am Biotop in Waldhausen genau nebenan bislang zu keiner Blaualgenblüte kam. Einzige Unterschiede zwischen den nebeneinanderliegenden Gewässern sind die Badegäste sowie die Fischerei. Durch die Fischerei werden aber hauptsächlich Nährstoffe, nämlich Fische, aus dem Wasser ausgetragen. In Bezug auf die Landwirtschaft muss zudem erwähnt werden, dass sich Phosphor sehr gut im Boden binden kann. Daher kommt kaum bis kein Phosphor ins Grundwasser und somit auch nicht in den Plüderhäuser See, der aus der Landwirtschaft stammt.

Wie sollten Menschen sich also am Plüderhäuser See verhalten?

Da es sich um einen Natursee handelt, der neben der Badebenutzung auch einen wichtigen Lebensraum darstellt - von denen es viel zu wenige in Baden-Württemberg gibt -, müssen Menschen lernen, dass dieser auch ein wichtiger Lebensraum für Tiere darstellt. Der Plüderhäuser See ist nicht mit einem Freibad gleichzustellen – hier sollte man keine Chemie anwenden. Gänse, Fische und weitere am Wasser gebundene Lebewesen werden immer einen Teil des Plüderhäuser Sees darstellen, daher ist auch in Zukunft mit ihnen zu rechnen. Insbesondere die Badegäste stellen daher eine wichtige Stellschraube bei der Verringerung der Cyanobakterien dar. Diese müssen jedoch auf die Problematik aufmerksam gemacht und aufgeklärt werden. Die Handlungsmöglichkeiten sind einfach: vor dem Baden duschen und das WC benutzen.

Inwiefern spielt der Klimawandel eine Rolle?

Der Klimawandel spielt eine entscheidende Rolle. Dieser wurde bislang in Plüderhausen viel zu wenig angesprochen - selbst hier ist er aber bereits spürbar. Weil Niederschläge ausbleiben, sinkt deutschlandweit der Grundwasserspiegel. Daher steht mit großer Wahrscheinlichkeit auch dem Plüderhäuser See weniger Grundwasser zur Verfügung. Zudem kommt auch weniger Regen in den See. Dem See steht also weniger Frischwasser zur Verfügung – das ist an dem um knapp einen Meter geringeren Wasserstand sichtbar. Gleichzeitig kommt es durch hohe Temperaturen und Hitzesommer zu einer größeren Verdunstungsrate - dadurch verliert der See zusätzlich Wasser, und die Nährstoffe konzentrieren sich noch mehr.

Und Corona?

Auch Corona spielt eine entscheidende Rolle. Durch die Auflagen der Hallenbäder und Freibäder kamen mehr Badegäste an den See. Diese sind bereits in den frühen Morgenstunden und in größerer Anzahl anzutreffen.

Wie sind Sie für Ihre Arbeit vorgegangen?

Im Rahmen meiner Arbeit führe ich eine ausführliche hydrochemische Untersuchung durch. Hierfür ziehe ich alle 14 Tage Proben an drei Stellen in zwei Tiefen des Sees: dem Kinderbereich, dem Anglerbereich und im Bereich der Bojenkette, also im Übergang zwischen den beiden Bereichen. Ergänzend wird eine Feldparametermessung durchgeführt, bei der ich den pH-Wert, die Leitfähigkeit, die Sauerstoffsättigung sowie die Wassertemperatur messe. Da die Chemikalien für die Messungen bereits mehrere Tausend Euro gekostet haben, konnten leider nicht noch mehr Messpunkte in die Untersuchungsreihe aufgenommen werden.

Sie beziehen sich also hauptsächlich auf konkrete Messungen?

Einen weiteren Bestandteil der Thesis stellt eine Literaturrecherche zu bereits durchgeführten Seetherapien anderer Gemeinden dar. Ziel ist es, deren Erfahrungen einfließen zu lassen. Ergänzend stellen Interviews einen wichtigen Bestandteil der Arbeit dar. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Belange der Akteure des Plüderhäuser Sees einfließen. Dies ist besonders wichtig in Bezug auf die Erfolgswahrscheinlichkeiten der zukünftigen Maßnahmen.

Was sind die nächsten Schritte?

Die physikalisch-chemische Untersuchung läuft noch bis einschließlich Juli. Parallel dazu wird eine innovative Lösungsstrategie ausgearbeitet, die speziell auf den Plüderhäuser See zugeschnitten ist. Da diese langfristige und damit nachhaltige Erfolge erzielen soll, werden sowohl ökologische, ökonomische als auch soziale Aspekte berücksichtigt.

Wann ist mit Ergebnissen zu rechnen?

Die Masterthesis wird Anfang September abgeschlossen. Die Ergebnisse der Arbeit werden anschließend der Gemeindeverwaltung vorgelegt. Noch im September oder Oktober werden die Ergebnisse zudem dem Gemeinderat vorgestellt.

Erwarten Sie, dass Ihre Ergebnisse zu praktischen Lösungsansätzen für die Situation am Badesee führen werden?

Ja, da ich bereits von Anfang an meiner Arbeit die Akteure des Sees (Badegast, Angler, Gemeinde, …) miteinbeziehe. Zudem war es mir bereits zu Beginn wichtig, bei den Handlungsmaßnahmen auch den ökonomischen Betrachtungspunkt miteinfließen zu lassen, um die Umsetzungswahrscheinlichkeit zu erhöhen. Nichtsdestotrotz berücksichtigt die Arbeit auch Lösungsmöglichkeiten, die zukünftig angestrebt werden können, sollte sich hinsichtlich des Klimawandels oder des Nutzungsdrucks etwas verändern.

Wie schnell versprechen Ihre Strategien Erfolg?

Da es sich bei der Cyanobakterienproblematik mit großer Wahrscheinlichkeit um einen schleichenden Prozess gehandelt hat und handelt, der im Jahre 2019 seinen traurigen Höhepunkt mit Einsetzen der Algenblüte und Badeverbot erreicht hat, muss davon ausgegangen werden, dass auch die Lösung des Problems einen mehrjährigen Prozess darstellen wird. Daher ist es umso wichtiger, dass sich jeder einzelne Bürger beteiligt.

Die Badesaison 2020 war am Plüderhäuser See nicht nur von der Corona-Pandemie geprägt. Eine erhöhte Konzentration von Cyanobakterien - auch Blaualgen genannt - sorgte für Einschränkungen im Badebetrieb. Schon im Jahr davor sorgten die Organismen für Probleme. Wie es zu ihrem vermehrten Vorkommen im See kommt, war der Plüderhäuser Verwaltung ein Rätsel. Jennifer Lloyd-Pippich, Masterandin für Umweltschutz an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen (HFWU), bringt nun

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