Rems-Murr-Kreis

"Das war abzusehen“: Psychologin Pia Lamberty über Querdenker-Radikalisierung, Corona-Demos und einen gezündeten Sprengsatz in Berlin

Blaulicht Polizei Polizist Symbolbild Symbol Polizeieinsatz
Symbolbild. © ZVW/Benjamin Büttner

Gegner der Corona-Maßnahmen haben am Sonntag (25.10.) in Berlin einen selbst gebauten Sprengsatz an einem Haus gezündet. Das berichtet der „Spiegel“ unter Bezugnahme auf die Polizei und ein Bekennerschreiben, das am Tatort gefunden worden sein soll.

In dem Schreiben sei eine Aufhebung aller Corona-Beschränkungen, der Rücktritt der Bundesregierung und Neuwahlen gefordert worden – sonst würden weitere Aktionen folgen.

Nach Spiegel-Informationen ermittelt das LKA Berlin nun unter anderem, ob die Tat in Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf ein Gebäude des Robert-Koch-Instituts, ebenfalls am vergangenen Sonntag, steht.

"Das ist nun die Konsequenz der Radikalisierungsprozesse"

„Das war abzusehen, dass so etwas passiert“, sagte Psychologin Pia Lamberty im Gespräch mit unserer Redaktion. Sie hat im Frühjahr gemeinsam mit Publizistin Katharina Nocun das Buch „Fake Facts“ veröffentlicht und forscht an der Universität Mainz unter anderem zum Zusammenhang von Verschwörungsglauben und Radikalisierung.

„Diese Szene hat sich im Frühjahr mobilisiert, vernetzt, hat Kanäle aufgebaut und sich stetig radikalisiert“, so die Expertin. „Das ist nun die Konsequenz dieser Radikalisierungsprozesse.“

Wir brauchen Ihre Zustimmung
Dieser Inhalt wird von Twitter bereit gestellt. Wenn Sie den Inhalt aktivieren, werden ggf. personenbezogene Daten verarbeitet und Cookies gesetzt.
Mehr erfahren

 

Schon damals hatte Lamberty – beispielsweise im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland – vor den Folgen von Verschwörungserzählungen und sogenannten Corona-Demos gewarnt. „Die Frage ist, ob wirklich die aktuell stattfindenden Demonstrationen die Hauptgefahr sind oder ob das nicht auch dazu führen kann, dass Menschen Anschläge begehen.“  

Im Sommer habe sich die Lage dann angesichts sinkender Corona-Neuinfektionen wieder etwas beruhigt, sagt Pia Lamberty. „Jetzt kommt es wieder zum Anstieg der Zahlen und damit verbundenen Einschränkungen. Auf den Demonstrationen wird der Ton schärfer.“

Radikale Äußerungen auf Telegram: Militärputsch, Tod und Folter

Auch in den Social-Media-Kanälen von Querdenken-Mitgliedern und Anhängern schlägt sich das nieder:

Der Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann, der zuletzt bei einer Querdenken711-Demo in Stuttgart sprechen durfte, rief in einem Video dazu auf, die „Gangart“ zu verändern. Zitat: „Mittlerweile würde ich mir wünschen, irgendjemand würde mal zwischendurch die Regierungsgeschäfte übernehmen, […] es wird hoffentlich auch bei der Bundeswehr Menschen geben, die klug genug sind, über solche Sachen nachzudenken.“

Nicht nur Umsturz- und Militärputsch-Fantasien, auch der Wunsch nach Gewalt, Tod und Folter äußert sich in Beiträgen auf Telegram. In einer lokalen Chatgruppe aus dem Rems-Murr-Kreis schrieb ein Nutzer zuletzt: „Auch Regionalpolitdarsteller haben sich ihren Platz in Guantanamo gesichert. Ob in 2 Wochen oder 20 Jahren, der Tag wird kommen.“

Man müsse den Radikalisierungsprozess der Szene, die rund um die sogenannten „Corona-Demos“ entstanden ist, nun weiter beobachten – und vor allem mit Experten sprechen. Pia Lamberty: „Wenn es um das Virus geht, hört man einen Virologen. Ich würde mir wünschen, dass wir auch in solchen Fällen mehr auf Menschen hören, die dazu arbeiten.