Rems-Murr-Kreis

Der leise Tod der Notrufsäulen

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Das Markenzeichen der Notrufsäulen: Die Farbe orange. © Ramona Adolf
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Das Foto stammt aus dem Jahr 1971: Siegfried Steiger (rechts) demonstriert, wie das Notruftelefon funktioniert.
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Unfall-Abschlepp-Notruf-Feature
Dieser Unfall ist vor fast 20 Jahren passiert – direkt an einem Notruft-Hinweisschild. Diese Schilder sind heute nur noch ganz selten zu sehen. © HAbermann

Winnenden. Orange ist eine auffällige Farbe. Eine, die ins Auge sticht und die auch in der Ferne noch zu erkennen ist. Das ist gut so. Denn die Notrufsäulen, die diese Farbe schmückt, müssen sichtbar sein. Sind sie ein Relikt aus vergangenen Zeiten, überholt von der Ära der Digitalisierung, verdrängt von Mobiltelefonen? Oder ist es notwendig, sie zu erhalten für den Fall, dass ein Handy im Funkloch nicht einsetzbar oder der Akku leer ist?

Vor fast 50 Jahren stirbt ein kleiner Junge in Winnenden auf dem Heimweg vom Schwimmbad, als ihn ein Auto erfasst. Er ist nicht sofort tot, sondern die lange Wartezeit auf den Rettungsdienst raubt ihm das Leben. Seine Eltern haben dafür gesorgt, dass es in Deutschland an Bundes- und Landesstraßen Notrufsäulen gibt. Diese orangenen Geräte am Straßenrand, deren Funktion jedem Kind aufs Neue erklärt werden muss – wieso stehen die da mitten im Nirgendwo? Die Antwort ist: Sie dienen der Rettung von Leben.

Verein gegründet Konsequenzen aus Unfalltod

Zwei Monate nach dem Unfall gründeten Ute und Siegfried Steiger einen Verein, der später zur Stiftung wurde. Sie benannten ihn nach ihrem toten Sohn: Björn Steiger. Zu dieser Zeit gab es keinen flächendeckenden Rettungsdienst in Deutschland, keine einzige Notrufsäule, nicht die Notrufnummer 112 und keinen 24-Stunden-Notarztwagen. Es würde kein leichter Weg werden, aber sie waren und sind Kämpfer für all diese Entwicklungen.

Es gab einst Tausende Notrufsäulen in Deutschland. Heute sind es an Bundes- und Landesstraßen nur noch 1056. Sie stehen alle in Baden-Württemberg. Im Rems-Murr-Kreis befinden sich davon noch 42. Eine einzige Notrufsäule steht noch dort, wo alles begann: In Winnenden an der Südumgehung zwischen Birkmannsweiler und der B14.

Ihren Anfang nehmen die Säulen im Jahre 1971. Das Bundesverkehrsministerium installiert 100 Notruftelefone, doch die Länder verweigern ihre Beteiligung – und die Telefone verschwinden wieder. Also ergreift die Björn-Steiger-Stiftung die Initiative und lässt an 35 000 Kilometern Bundes- und Landesstraßen Notruftelefone auf eigene Kosten errichten. Sie haben alle einen eigenen Anschluss, für den die Bundespost monatlich 27,50 DM einkassiert. Zusätzlich wird 1972 ein Tempolimit eingeführt. Die Folgen sind zu sehen: 1970 sterben noch 19 000 Menschen bei Verkehrsunfällen in Deutschland. Fünf Jahre später ist die Zahl auf 15 000 gesunken. Bis September 2018 wurden noch 2443 Verkehrstote gezählt.

Weg eines Notrufs: Anruf - Weiterleitung - Hilfe

Wird ein Notruf an einer der Säulen abgesetzt, landet er seit 1999 in Hamburg in der Notrufzentrale des GDV (Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft). Von hier aus wird er weitergeleitet: bei akuter Gefährdung von Menschen zur zuständigen Polizei- und Rettungsleitstelle oder bei einer Fahrzeugpanne zum Versicherer.

Für sinnvoll hält die GDV die Säulen weiterhin: „Letztendlich wäre jede Pannen- oder Notrufmeldung, die ohne die Notrufsäulen ins Leere laufen würde, eine zu viel.“ Dies gilt jedoch mehr für die Notrufsäulen an Autobahnen, die bundesweit noch betrieben werden – hierüber wurden 2017 immerhin 60 000 Anrufe abgesetzt. Für die Säulen an Land- und Bundesstraßen können keine genauen Zahlen genannt werden. Schließlich erreichen den Kreisverband des Deutschen Roten Kreuzes die Anrufe nicht direkt. Der Eindruck ist jedoch, dass seit Jahren keinerlei Anrufe mehr über die Säulen reinkommen. „Aus Sicht des DRK als Hilfsorganisation, die Menschenleben retten will, sind Notrufsäulen weiterhin sinnvoll. Die Zahlen und die technische Entwicklung sprechen jedoch eine eindeutige Sprache: Notrufsäulen verlieren immer mehr ihre Wertigkeit“, sagt Sven Knödler, DRK-Geschäftsführer im Rems-Murr-Kreis.

42 Säulen im Kreis: Patenschaften für Notrufsäulen

Die Notrufsäulen alle abzubauen und damit in Kauf zu nehmen, dass auch nur ein einziger Notfall nicht gemeldet werden kann, würde wieder an den Ursprung der Notrufsäulen zurückführen: Sie wurden ja genau deshalb aufgebaut, damit kein einziges Leben endet, weil nicht schnell genug Hilfe gerufen werden konnte.

Sieben der 42 Notrufsäulen im Kreis sind inzwischen verkauft. Die Stiftung ist nur noch für ihre Wartung zuständig. Manche Notrufsäulen bleiben erhalten, weil sie lokal gefördert werden: Es können Patenschaften abgeschlossen werden. Das Unternehmen Meyer Bauabdichtung aus Hegnach hat sich dafür entschieden: Es ist Pate einer Notrufsäule in Waiblingen. Mit seinem Betrag gewährleistet es die Wartung und Instandhaltung. „Wir sind durch unsere Eltern und Firmengründer auf die Stiftung gestoßen“, sagt Timo Meyer, Geschäftsführer der Firma. „Die tragischen Umstände für die Gründung und die Idee dahinter, etwas für die Gesellschaft zu verbessern, waren unsere Beweggründe“.

Doch das Engagement lässt nach: Die Wahl Metalldrückerei aus dem Landkreis Ludwigsburg beispielsweise hat ihre Patenschaft nicht mehr verlängert: „Die Notrufsäulen werden einfach nicht mehr so genutzt wie früher“, sagt der Inhaber Siegfried Wahl. Er schließt nicht aus, nächstes Jahr wieder eine zu übernehmen.

Zukunftsträchtig klingt dieser Weg nicht. Es sieht ganz danach aus, als ob die Notrufsäulen den Überlebenskampf verlieren werden. Sogar die EU arbeitet – indirekt – gegen sie: Seit März 2018 muss in alle Neuwagen ein automatisches Notfallsystem eingebaut werden, genannt „eCall“. Es löst bei einem Aufprall von alleine aus, ruft den Rettungsdienst an und sendet den genauen Standort an die Zentrale.

Das Ende: Trotz der Ortsangaben keine Zukunft

Genau das war und ist ein Argument für die Notrufsäulen: An den Säulen sind Angaben zum Autobahnkilometer und –abschnitt vermerkt, so dass man in der Zentrale genau wusste, wohin der Rettungswagen zu schicken ist. Nutzer eines Handys können das nicht immer so genau beschreiben.

Es ist ein leises Ende, das die Notrufsäulen begleitet. Sie sind Stück für Stück verschwunden. Zuerst ihrer Notwendigkeit beraubt, dann ihrer Funktion und irgendwann auch ihrer Existenz. Leben werden sie irgendwann wohl nur nur noch in der Erinnerung.


Neues Projekt

Es geht darum, Leben zu retten: Diesem Ziel widmet sich die Björn-Steiger-Stiftung auch heute noch, geführt vom Sohn der Steigers, Pierre-Enric Steiger.

Das neueste Projekt ist der Zusammenschluss mit dem Verein Mobile Retter. Hier registrieren sich Krankenschwestern – und pfleger, Feuerwehrleute und Rettungsschwimmer in einer App. Kommt ein Notruf in die Zentrale, wird der nächste Mobile Retter über die App geortet und gleichzeitig mit dem Krankenwagen alarmiert. Vielleicht ist er früher als der Notarzt vor Ort und kann erste Hilfe leisten.