Rems-Murr-Kreis

Fahrverbot: Nur Nachrüstung verhilft Diesel-Autos der Schadstoffklasse 5 zu freier Fahrt in Stuttgart

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Aktuell gibt es in Stuttgart bereits Fahrverbote für Diesel bis Schadstoffklasse 5 in Durchgangsstraßen (hier die Heilbronner Straße beim Milaneo), bald aber wohl fürs ganze Stadtgebiet. © Andreas Denner

Im Grunde ist alles klar: Stuttgart wird wohl ab dem 1. Juli Fahrverbotszone für alle Diesel bis zur Schadstoffklasse 5. Im Rems-Murr-Kreis wurden zuletzt noch etwas über 23.000 Euro-5-Diesel gezählt. Schadstoffklasse 6 ist nur mit Adblue-Technik erreichbar. Die lässt sich bei vielen Fahrzeugen nachrüsten. Wie groß ist der Aufwand, wie hoch ist die Rechnung, die der Fahrzeugbesitzer erhält? Lohnt sich der Aufwand?

Nach dem jüngsten Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Mannheim im Streit zwischen Land und Deutscher Umwelthilfe steht fest, dass Stuttgart Fahrverbote erlassen muss, obwohl verschiedene Innenstadtstraßen wie etwa die Hauptstätter- oder die Heilbronner Straße bereits jetzt für 5er-Diesel tabu sind. „Wir müssen jetzt Verkehrsverbote für Euro-5/V-Diesel-Fahrzeuge ab 1. Juli 2020 vorbereiten“, sagte Stuttgarts Amtschef Uwe Lahl.

Der aktuelle Luftreinhalteplan für Stuttgart sieht Fahrverbote ab dem 1. Juli schon vor - allerdings mit der Einschränkung, dass darauf verzichtet werden kann, wenn der Stickstoffdioxid-Grenzwert auch auf andere Weise eingehalten werden kann. Weil eine Prognose wegen der Coronavirus-Pandemie schwierig sei, hatte das Land um Aufschub gebeten - was die Richter ebenfalls ablehnten. Sie monierten zudem, dass die bisher im Luftreinhalteplan vorgesehene Lösung mit einer kleinen Umweltzone nicht ausreiche, um die Vorgaben des Urteils zu erfüllen. Darin wird eine „große Umweltzone“ vorgegeben, die das gesamte Stadtgebiet umfasst und nicht nur Teile.

Und damit haben wohl 145 000 Menschen und Firmen mit Euro-5-Dieseln in der Region ein Problem: Um dauerhaft von Verkehrsverboten verschont zu sein, müssen sie nachrüsten.

Für welche Diesel-Modelle gibt es Nachrüstsätze?

Nachrüstsätze gibt es für Mercedes-, BMW- und Volvo-Modelle. Auch Familienkutschen wie VW Sharan und Seat Alhambra kann man nachrüsten. Nicht nur Stuttgart hat die Umwelthilfe im Nacken, sondern auch Ludwigsburg. Backnang ist um ein Mikrogramm von der Grenzwertschippe gesprungen. „Nehmt die 3000 Euro und tragt dazu bei, dass Fahrverbote vermieden werden“, sagen Regierungspräsident Wolfgang Reimer und Obermeister Torsten Treiber von der Kraftfahrzeuginnung Region Stuttgart. Die bis zu 3000 Euro beziehen sich auf die Zuschüsse, die Mercedes und der VW-Konzern freiwillig zahlen.

Und der Rest? Die Kraftfahrzeuginnung fordert einen staatlichen Nachrüstfonds, damit alle Euro-5-Dieselfahrer eine Chance auf Nachrüstung haben. „Mit der Gerichtsentscheidung wird das jetzt dringend“, sagt Innungsgeschäftsführer Christian Reher: „Denn die Hersteller der Nachrüstsysteme richten sich natürlich nach der Nachfrage und die ist bei VW-Konzernmodellen und Mercedes-Pkw wegen der Zuschüsse derzeit am höchsten.“

Alhambra- und Sharan-Besitzer sowie Menschen mit Audi Q5, allesamt aus dem VW-Konzern, haben’s besser. Drei Mechaniker bauten bei einer Vorführung das Nachrüstsystem ein. Nach rund 60 Minuten war der rote Alhambra Baujahr 2013 so „schadstoffarm wie ein Euro-6-Diesel“ (so Regierungspräsident Wolfgang Reimer) und „gut für mindestens weitere fünf Jahre“, wie Obermeister Torsten Treiber konstatiert. Für den Besitzer sogar kostenlos. Das liegt daran, dass bei diesem Typ der Adblue-Tank, aus dem die Flüssigkeit kommt, die den Stickoxidausstoß bändigt, schon eingeplant war, aber eben bei der Auslieferung nicht eingebaut wurde. Kommt der Tank in anderen Modellen noch dazu, liegt der Einbau 500 bis 1000 Euro über der Zuschusslinie, die VW und Mercedes setzen.

Wird die Region Stuttgart zum Nachrüsthotspot?

Dieter Schlatterer, Geschäftsführer beim Mercedes-Benz-Autohaus Kloz in Fellbach: „Jede Woche werden in unseren Betrieben sechs bis acht Kundenfahrzeuge nachgerüstet. Wir haben schon über 150 Anlagen eingebaut und 300 weitere sind vorbestellt. Wir verstärken jetzt auch wieder unsere Werbung und merken bereits, dass die Nachfrage steigt.“

Wenn die Region Stuttgart zum Nachrüsthotspot wird, wie der Geschäftsführer der Kraftfahrzeuginnung Christian Reher als Devise ausgegeben hat, sind nach seiner Meinung die vorhandenen Sätze bis Juli ruckzuck ausverkauft: 1000 bei Oberland-Mangold reichen nicht mal für die schätzungsweise 3000 bis 4000 Sharan/Alhambra und Audi Q5, die es allein im Kreis Ludwigsburg geben dürfte, rund 14 000 dieser Fahrzeuge hat die Firma für die Region errechnet. Mercedes-Nachrüstsätze von Pley dürften ebenfalls auf eine Nachfrage treffen, die den aktuellen Lagerbestand übersteigt: Aber Dr. Marin Pley versichert wie Oberland-Mangold, dass die Produktion auch größere Nachfrage befriedigen kann. Bei Nachrüstungen von Baumot/Twintec warten die Betriebe in der Region derweil schon jetzt händeringend auf Einbausätze für weitere VW-Modelle: Acht bis zwölf Wochen Lieferzeit meldet beispielsweise das Stuttgarter Autohaus Lutz. Da will allerdings auch noch Oberland-Mangold einsteigen. Zusätzlichen Schub könnte das Rennen gewinnen, wenn tatsächlich etwas aus dem Nachrüstfonds würde, den die Kfz-Innung Region Stuttgart jetzt fordert.

Nachrüstprämie statt Abwrackprämie hätte Charme, sagt auch Regierungspräsident Wolfgang Reimer, von wegen Nachhaltigkeit und weil das Arbeitsplätze im Kfz-Gewerbe sichert.

Und weil der rote Alhambra auf der Hebebühne wirklich noch so was von proper aussieht: „Es wäre doch jammerschade, so ein schönes Auto zu verschrotten.“

Weitere Infos gibt es auf der Internetseite www.dieselnachruesten.de, die von der Kfz-Innung eingerichtet wurde.