Rems-Murr-Kreis

Welche Rolle Reichsbürger, Rechte und Esoteriker aus dem Rems-Murr-Kreis auf den "Corona-Demos" in Stuttgart spielen

Querdenken Demo auf dem Canstatter Wasen - Tausende Menschen besuchen die Veranstaltung - Abstand wird teilweise nicht eingehalt
Demonstration von "Querdenken711" Mitte Mai auf dem Cannstatter Wasen. © 7aktuell.de | Marc Gruber

Der Mann im roten Shirt ist jetzt berühmt. Stephan Bergmann aus Althütte, der in Youtube-Videos bezweifelt, ob es „so etwas wie Viren“ überhaupt gibt, und hinter Maskenpflicht und Distanzgebot eine „satanische Kraft“ wittert, legte neulich auf dem Wasen einen fulminanten Live-Auftritt hin: Vor Tausenden von Leuten trat er als vielbeklatschter Prediger gegen den „Fake“ namens Corona auf. „Ich bin schön, ich bin heil, ich bin wild, ich bin frei“, stand auf seinem Shirt. Bei dieser Demo breite sich „ein großes Herz aus“, schwärmte er – und dann begann er gar zu singen: „Wach auf, wach auf, wach auf! Ich steh für die Freiheit auf!“ Danach in Internetkommentaren erntete Bergmann hymnisches Lob: „gesprochen wie ein echter Schamane“.

Was sind das für Leute, die – von den einen als Aluhüte und Halbnazis geschmäht, von den andern als Querdenker und Freigeister gefeiert – ganz vorne stehen im Kampf gegen die Corona-Verordnungen? Das Folgende ist keine repräsentative Bestandsaufnahme, sondern ein Blick auf einige Hauptfiguren aus Rems-Murr-Sicht.

Antisemitismus unter dem Deckmantel des Freiheitskampfes

Dr. Michael Blume, Beauftragter gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg, hat bereits Anfang Mai vor den sogenannten „Corona-Demos“ gewarnt. Eine Einladung der Veranstalter, selbst auf dem Wasen-Gelände zu sprechen, lehnte er ab. „Das war ein Versuch, sich von den Antisemitismus-Vorwürfen reinzuwaschen“, begründet er seine Absage. „Auf diesen Demos“, warnt Blume, „versuchen Antisemiten und Verschwörungsgläubige, eine Querfront zu bilden. Sie versuchen, unter dem Deckmantel des Freiheitskampfes andere Menschen anzulocken, die bisher für Antisemitismus und Verschwörungserzählungen nicht zugänglich waren.“

Michael Blume Antisemitismusbeauftragter Antisemitismus Baden-Württemberg
Dr. Michael Blume. © Loges + Langen


Gleichzeitig werde auf den Demonstrationen gezielt mit antisemitischen Aussagen provoziert, um Aufmerksamkeit zu erlangen. In diese Falle sollte man nicht tappen, sagt Blume. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht immer den Falschen die Aufmerksamkeit schenken. Dann fällt die vernünftige Mehrheit unter den Tisch.“

Es gibt Personalien, die in die Richtung weisen. Da ist zum Beispiel Heiko M. aus dem Großraum Waiblingen. Er hat nicht nur im Mai die Veranstaltungen auf dem Wasen besucht – das belegen Fotos und Videos, die er teilweise selbst verbreitet –, sondern teilt auf seinem Telegram-Kanal auch regelmäßig selbst gedrehte Videos, in denen er unter anderem für die Demos wirbt.

"Willkommen im KZ BRD": Verbindungen in die Reichsbürger-Szene

In der Vergangenheit war M. auch in Videos des Waiblinger Reichsbürger-Vereins „Freiheit für Deutschland“ zu sehen. Heute will er damit nach eigenen Angaben zwar nichts mehr zu tun haben – in seinen via Telegram veröffentlichten Filmen indes gibt er unter dem Deckmantel des Humors gängige Verschwörungserzählungen wieder, lässt sich über die Corona-Politik von Bund und Ländern aus und verharmlost dabei regelmäßig die Zeit des Nationalsozialismus, indem er den Nazi-Vorwurf auf den Kopf stellt: Das heutige Deutschland nennt er „KZ BRD“; und spottet: „Hurra, der Faschismus ist wieder da. Wann rollen die Züge wieder?“

Eine einschlägige Vorgeschichte hat auch der Mann im roten Shirt, der Kult-Schamane: Stephan Bergmann gehörte 2016 zu den Gründungsmitgliedern von „Primus inter Pares“. Der Verein mit Sitz in Schorndorf bezeichnete sich in der Vergangenheit auf Nachfrage selbst als „humanitär“ und nicht politisch aktiv. Als Vereinszweck werden in der Satzung unter anderem die „Förderung und Hilfe für Verfolgte und Flüchtlinge“, der „Schutz der Menschenrechte“, die „Unterstützung für Kriegs- und Katastrophenopfer“ sowie die „Gesundheitsvorsorge“ angeführt.

Im krassen Kontrast dazu steht die Einschätzung des Landesamtes für Verfassungsschutz: Die Behörde rechnet Primus inter Pares der Reichsbürger-Szene zu und stuft den Verein als rechtsextrem ein. Unsere Zeitung hatte im Januar über die Pläne des Vereinsvorsitzenden Markus H. berichtet, eine völkische Siedlung in Ungarn zu errichten.

Der Mann im roten Shirt

Von Primus inter Pares habe er „seit vielen Jahren nichts mehr gehört“, schreibt Bergmann auf unsere Mail-Nachfrage. Er wohne auch „bereits seit Jahren nicht mehr“ in Althütte und lebe eigentlich nicht einmal mehr „in Deutschland“. Ansonsten: Seine „Botschaft der Menschlichkeit, Herzlichkeit und Freiheit“ sei ja mittlerweile bekannt. Auf eine weitere Mail antwortet er nicht mehr. Um Bergmanns Weltsicht zu ergründen, müssen wir uns also mit seinen Internet-Auftritten begnügen.

Bergmann, Gründer eines „Vereins für indianische Lebensweisheiten“ und einer Initiative namens Peacecrowd, bietet Sinnsuchenden Therapiesitzungen mit „Schwitzhütte“ und „Good Medicine Powwow-Zeremonie“ an; hält Schulungen ab über das Wesen der Steine (er habe „die jeweiligen Grundenergien“ von 72 Steinarten „zu einer Kernbotschaft zusammengefasst“, die sich „in idealer Weise für eine heilerische Anwendung“ eigne); und betreibt – das Impressum gibt eine Adresse in Althütte an – einen Online-Shop, wo man allerlei Segensreiches bestellen kann vom Räucher-Stövchen über Schmucksteine bis zur „wunderschönen handbemalten“ Trommel nach Indianer-Art für 2980 Euro.

„So, Grüß Gott, ich grüß das Göttliche in dir“: Gemütlich breit schwäbelt Bergmann – frei zauselndes Haar, Bart, Hippie-Anmutung – in die Kamera und breitet seine Botschaft aus: Er will die Menschheit in Frieden einen. Hinter der angeblichen Coronavirus-Gefahr aber stecke eine „politische Agenda“, um die Welt zu spalten.

Verschwörungserzählungen und "braune Esoterik"

Es überrasche ihn nicht, sagt Dr. Michael Blume, dass in Stuttgart Esoteriker und Verschwörungsgläubige gemeinsam protestieren. „Esoteriker behaupten – wie Verschwörungsgläubige auch –, dass sie über Geheimwissen verfügen, das unterdrückt wird. Beim Thema Impfen zum Beispiel von der Schulmedizin.“

„In der Esoterikszene ist der Glaube an Verschwörungen weit verbreitet, besonders starke Auswirkungen kann das beim Thema Gesundheit haben“, sagt die Publizistin Katharina Nocun. „Wenn ein Mensch glaubt, es gäbe eine globale Verschwörung in Medizin und Forschung, vertraut er sich eher Wunderheilern an, statt bei Beschwerden zum Arzt zu gehen. Gerade beim Thema Krebs kann das tödlich enden.“

Katharina Nocun Bürgerrechtlerin Fake Facts
Katharina Nocun. © CC BY Gordon Welters


„Zudem“, warnt Nocun, „gibt es in der Esoterikszene Gruppen, die sich nicht eindeutig nach rechts abgrenzen und somit radikalen politischen Ansichten eine Plattform bieten. Das Phänomen ‚braune Esoterik‘ und Strömungen wie die ‚Neue Germanische Medizin‘ zeigen, dass Rechtsextremisten die Esoterikszene längst für sich entdeckt haben.“

Ganz gewiss gab es unter jenen, die in den vergangenen Wochen zu Demos auf den Wasen gingen, vernunftbegabte Menschen. Und unbestreitbar gibt es neben guten Argumenten für Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen auch ernsthafte Einwände dagegen: Was die Menschen einerseits vor Ansteckung und pandemischer Eskalation schützt, kann andererseits zu wirtschaftlicher Not und Vereinsamung führen. Das auszutarieren, ist schwierig; und darüber zu streiten, vollkommen legitim. Die Protestierenden pauschal als verirrt und verschroben abzutun, wäre ungerecht.

Oliver Hilburger und das "Zentrum Automobil"

Was aber unübersehbar ist: Die rechtsradikale Szene wittert in den Corona-Protestierern potenzielle Bündnisgenossen.

Die Einschränkungen des öffentlichen Lebens während der Coronakrise dienen der Gesundheit der Menschen? Pah, es geht um anderes: „Unter dem Deckmantel des Seuchenschutzes“ wurden „Millionen in die Kurzarbeit getrieben“, wurden „Grundrechte eingeschränkt“, wurden „weitreichende Verschärfungen für unsere Freiheit durchgedrückt“, hier zeigen sich, kurzum, „die Folgen linker und globalistischer Weltvereinheitlichung“: So sieht es Oliver Hilburger aus Althütte, früher Bassist der Rechtsrockgruppe Noie Werte, heute bei Daimler in Untertürkheim Frontmann der „alternativen Gewerkschaft“ Zentrum Automobil. Die Gruppierung wirbt in Videos, via Facebook und auf ihrer Homepage für die Protestdemos, hat sich zu einem förmlichen Mobilisierungsmotor entwickelt. Das passt ins Bild: Von Martin Sellner, dem Kopf der Identitären Bewegung, bis zur rechtsradikalen Kampagnenplattform „Ein Prozent“ – das selbst ernannte „patriotische Lager“ fährt eine Umarmungsstrategie.

„In vielen baden-württembergischen Städten fanden zuletzt Protestaktionen gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie statt“, teilt das Landesamt für Verfassungsschutz auf Nachfrage mit. Dabei hätten vereinzelt Rechtsextremisten versucht, Einfluss auf das Geschehen zu nehmen. „Einige wenige Veranstaltungen im Land werden bislang auch durch Angehörige der rechtsextremistischen Szene selbst organisiert.“

Aber: „Aufgrund der Teilnahme an und versuchten Einflussnahme auf diese Veranstaltungen durch Rechtsextremisten mobilisieren zunehmend auch linksextremistische Gruppierungen zu Protesten“, sagt ein Sprecher des LfV. „Beim Aufeinandertreffen kann es erfahrungsgemäß zu verbalen bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen.“

Mitte Mai wurde ein Mitglied des Zentrums Automobil auf dem Weg zur Wasen-Demo von Vermummten überfallen. Der Mann wurde lebensgefährlich verletzt. Die Ermittlungen laufen noch, die Poilzei schließt einen politischen Hintergrund nicht aus.

Trommelkönig Hornauer und der schwäbische Schamane

Vor dem Hintergrund solch entsetzlicher Eskalationen mag manchen Leuten einer wie der schwäbische Schamane Stephan Bergmann nachgerade als Stimme der Vernunft erscheinen. Auf der Wasenbühne predigte er, man solle alle Menschen „respektvoll“ behandeln, auch den Spiegel-Online-Reporter. Und sang: „In mir brennt das Feuer der Liebe.“

Er war dabei nicht allein: Ein Mann mit regenbogenfarbigem Batik-Shirt und Deutschland-Käppi untermalte Bergmanns „Ich öffne mein Herz“-Lied mit hingebungsvollem Bongo-Bongo-Getrommel. Bei genauem Hinsehen aber entpuppte der Begleitmusiker sich nicht nur als talentierter Rhythmiker, sondern auch als spirituelle Größe: Es handelte sich um keinen Geringeren als den legendären Gründer des Senders Telemedial, der vor Jahren Anrufer mit allerlei heilsamer Lebensberatung von Kartenleserei über Prismapendeln bis zur Federmagie beglückt hatte – seine königliche Heiligkeit Thomas Hornauer aus Plüderhausen.

Die Experten

Dr. Michael Blume ist Religionswissenschaftler und Beauftragter gegen Antisemitismus des Landes Baden-Württemberg. 2019 ist im Patmos-Verlag sein Buch „Warum der Antisemitismus uns alle bedroht: Wie neue Medien alte Verschwörungsmythen befeuern“ erschienen. Auch in seinem Podcast „Verschwörungsfragen“ beschäftigt er sich regelmäßig mit Verschwörungserzählungen.

Katharina Nocun ist Bürgerrechtlerin und Publizistin. Zusammen mit der Psychologin Pia Lamberty hat sie das Buch „Fake Facts: Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen“ geschrieben, das im Mai 2020 bei Quadriga erschienen ist. Die Autorinnen thematisieren darin unter anderem die Bedeutung von Verschwörungserzählungen während der Corona-Krise.