Rems-Murr-Kreis

Woche der Meinungsfreiheit: Bushra Al-Maktari und die Not im Jemen

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Bushra Al-Maktari aus dem Jemen. Foto: Lina Malers © siehe Bildtext

Im Jemen, einem rund 29 Millionen Einwohner zählenden Land im Süden der Arabischen Halbinsel, tobt seit Jahren ein zerstörerischer Bürgerkrieg, der bereits Zigtausende zivile Todesopfer gefordert hat. Dort lebt Bushra Al-Maktari. „Wir wollen unser menschliches Leben wieder zurück! Wir haben es doch verdient, wir sind so unsagbar müde von diesem endlosen Sterben!“, sagte sie 2020 in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Johann-Philipp-Palm-Preises in Schorndorf. Die Palm-Stiftung teilt aktuell mit: Bushra Al-Maktari „ist chronisch krank und wir fürchten um ihr Wohlergehen. Immerhin hat sie zurzeit wieder Strom und Internet und wir bekommen immer wieder ein Lebenszeichen von ihr. So erhielten wir diesen verstörenden Text vor wenigen Tagen. Mit ihrem Schreiben, so Bushra Al-Maktari, macht sie sich selbst immer wieder Mut und möchte dafür sorgen, dass der Krieg im Jemen von der Weltöffentlichkeit nicht vergessen wird.“ Der Text, den Bushra Al-Maktari nach Schorndorf gesandt hat, trägt den Titel:

Leiden eines Hundes

Der Hund ist heute Abend traurig, denn wenn er als aufmerksamer Wächter im Hof der Nachbarschaft steht, weiß er nicht, wo die Stadt endet und wo der Friedhof beginnt.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil sein Bellen niemanden etwas schert. Er fürchtet, dass es seine magische Wirkung in den Ohren der Streuner, Tagediebe, Obdachlosen und Herumtreiber verloren hat, denn sie ignorieren sein Bellen.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil er hungrig ist, wie in vielen Nächten, die er hier schon verbracht hat. Sein knurrender Magen hat ihm die Fähigkeit genommen, sich auf Dinge zu konzentrieren, die er für wichtig hält. Der Hund ist heute Abend traurig, weil die vielen anderen Hunde, die gestern im Morgengrauen die Brücke überquert haben, die Stadt nicht bewachen, sondern wie eine Bande Streuner umherziehen, als hätten sie Angst vor ihrem eigenen Schatten. Ihre Augen glitzern vor Hunger, ihre Beute verstecken sie vor den Augen der Jäger.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil das Mondlicht, das jetzt durch die Decken niedriger Häuser, in leere Läden und Straßen strömt, genauso blass ist, wie die Traurigkeit in den Augen seines Herrn, als er ihn am letzten Abend sah. Das lässt ihn daran denken, dass er jetzt von allen Freunden verlassen und auf sich allein gestellt ist.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil der alte, gutherzige Mann, den er beim Wandern in der Nähe des Qat-Marktes gesehen hat, verschwunden ist und ihn seither niemand mehr gestreichelt hat. Er hat seinen Geruch durch die ganze Stadt verfolgt. Doch die Spur des Geruchs hat ihn nicht zu der ledrigen Haut geführt, die ihn verströmt hat, nicht zu ihrem Geschmack nach Salz und zu dem Hauch von Clematis, der aus den Kleidern des Mannes sickerte, den er kennt, so wie er jetzt den Hunger kennt. Er hat gelernt, dass der Geruch nicht immer zur wahren Quelle führt, sondern sich täuschen lässt.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil er nicht mutig genug ist, um seine Reißzähne in die Körper der Diebe zu schlagen, die jetzt so siegessicher durch die Nacht ziehen. Er erinnert sich schemenhaft daran, wie er vor langer Zeit seine Zähne beim Kampf um einen trockenen Knochen verloren hat.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil er in der Stadt niemanden gefunden hat, der mit ihm spielt. Die Kinder, die an diesem Abend vor sechs Jahren im Krieg geboren wurden, spielen nicht gerne. Sie halten sich verborgen im Schoß ihrer Mütter, hocken hinter verschlossenen Fenstern, auf den Dächern der Häuser, warten auf die Schritte ihrer heimkehrenden Eltern, die vielleicht in der Nachbarschaft unterwegs waren. Er hat manchmal versucht, sie herauszulocken, hat mit dem Schwanz gewedelt, die Zunge herausgestreckt, zum Zeichen, dass er bereit wäre zu spielen, ganz so, wie er es in Zeiten des Friedens getan hat. Oder er ist herumgesprungen, über das imaginäre Seil, mit dem der Junge immer gespielt hat, der dann in den Krieg gezogen ist.

Aber die Kinder, die Angst haben vor Dingen, von denen er nichts weiß, haben nur die Köpfe geschüttelt. Seine Freunde, die einst Kinder waren, sind in den Krieg gezogen und haben ihn allein gelassen. Wann immer er die Schreie ihrer Mütter hört, bellt er: „Friede sei mit deiner Seele.“

Der Hund ist heute Abend traurig, weil die Stadt, die vor Entsetzen schläft, so still ist. Dann erinnert sich der Hund an viele Dinge, die er früher einmal kannte: An das Wasser, das die Brunnen füllte, das er mochte, weil sich sein Gesicht darin spiegelte, wenn er zum Trinken vorbeikam, auf dem Weg Richtung Norden. An die alten Männer, die im Trubel der Stadt auf dem Bürgersteig vor ihren Läden saßen und manchmal durch sein Haar kraulten.

Die Frauen, die sich für ihre Ehemänner hübsch gemacht hatten, wenn diese abends von der Arbeit heimkehrten, warten jetzt nicht länger in den Hauseingängen, denn niemand kommt. Darum haben sie die Türen verschlossen; ihre Wünsche und der Duft von altem Parfüm bleiben dahinter verborgen.

Seit er ein Welpe war, tobt der Krieg, Geschosse zischen durch die Luft, töten Passanten. Explosionen von Bomben, die von Flugzeugen direkt über seinem Knopf abgefeuert werden und den Himmel über der Stadt zerreißen, zerstören alles auf seinem Weg. Es ist nicht viel, woran sich der Hund erinnert, denn die düsteren Abende des Krieges gleichen einander. Jetzt gedeiht nichts mehr außer dem Tod, den Kanonen, den Raketen, den Kugeln. Die Häuser, in deren Schatten er früher an solchen Abenden geschlafen hat, gibt es nicht mehr und ihre Bewohner sind geflohen, alle, die Traurigen, die Fröhlichen, die Klugen und die Dummen. Tote werden begraben, werden von Kameraden und Müttern zu Grabe getragen, gefolgt von ihren weinenden Frauen, Leichenzüge überall.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil er nicht loyal genug war, um zu bellen und seinen Herrn vor dem Tod zu schützen. Er glaubt nicht mehr daran, dass sein Bellen sein Schicksal geändert hätte, weil er an nichts mehr glaubt. Früher war es so, dass seine starke dunkle Stimme hilfreich war. Er erinnert sich noch daran, so wie er sich an all die anderen Dinge aus dem früheren Leben erinnert, etwa an das schützende Haus, in dem er früher mit seinem Herrn gewohnt hat. Aber diese Erinnerungen schweben frei in seinem Kopf und taugen nichts: der Knochen, den er liebte, die anderen Hunde seines Herrn, die Kinder, die Krieg spielten, die Bücher, die sein Herr las, die Lieder, die er sang.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil es längst schon Schlafenszeit ist und er noch keinen Platz gefunden hat, um sich auszuruhen. Die Diebe, die über die Stadt hergefallen sind, haben alles mitgenommen: die Laternenpfähle, die früher die Stadt beleuchtet haben, das Wasser aus dem Brunnen, das Mondlicht, die Lebensmittel aus den Läden, das Brot aus den Bäckereien, die Träume der Frauen, die auf ihre abwesenden Ehemänner warten, die Töpfe, in denen Mütter, die ihre Kinder lieben, das Essen kochten, die Kinderbetten, die Spielsachen, die Bücher seines Herrn, die er abends gern las, alles, alles haben sie mitgenommen. Es gibt nichts mehr, was er beschützen kann.

Der Hund ist heute Abend traurig, weil er kein guter Wächter war. Er hat nicht erkannt, wann sich die Stadt verändert hat. Wann sind die Invasoren gekommen, die Tyrannen, die Diebe, die falschen Propheten, die Plärrer und Schreier, die Schattenspieler und Clowns, die Metzger, Fälscher, Blender, diese Höllenbrut von Söldnern, Jägern und Soldaten? Wann ist die Stadt zum Friedhof geworden?

Er erinnert sich nicht daran, wie alles begonnen hat, denn er war ein Welpe. Damals hat er gedacht, dass das Leben noch vor ihm liegt und dass er viel bellen würde und dass er geliebt werden würde. Aber jetzt hat das Bellen seine Wirkung verloren und er kann es nicht ertragen, der Hüter eines Friedhofs zu sein.

Er ist so traurig, weil ihn die Stimmen der Toten verfolgen, wohin er auch geht. Die Wanduhr in dem Haus, in dem er einst mit seinem Herrn gewohnt hat, ist unter den Trümmern des Krieges in dieser Stadt begraben. Sie läutet immer noch dreimal am Tag, aber sie weckt die Toten nicht auf, die er geliebt hat.

Der Bürgerkrieg

Der mörderische Konflikt im Jemen wird oft als auf dem Boden des Jemen ausgetragener Stellvertreterkrieg zwischen Saudi-Arabien und dem Iran beschrieben – die genauen Hintergründe und die Grenzen zwischen den Konfliktparteien, die zum Teil vom Ausland finanziert werden, sind aber selbst für Insider mittlerweile nur noch schwer zu benennen. Leidtragende sind in jedem Fall die Zivilisten.

Die Corona-Pandemie trifft dort Menschen, die auf keinerlei medizinische Infrastruktur oder staatliche Unterstützung hoffen können – und oft keine Kraft mehr haben, eine weitere Krise nach epidemischen Wellen von Cholera, Diphtherie, Grippe und anderen sogenannten „Begleiterscheinungen“ eines Ermüdungskrieges zu bewältigen.

Internationale Hilfsorganisationen haben sich weitgehend aus dem Land zurückgezogen. Die internationale Geberkonferenz für den Jemen Anfang März hat ein enttäuschendes Ergebnis gebracht und wird das Leid nicht lindern.