Rems-Murr-Kreis

Zwischen Dauer-Demo und Corona-Toten: Warum ein Alfdorfer Wirt in Schwäbisch Gmünd protestiert und der Waiblinger Oberbürgermeister Hesky sich sorgt

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Stefan Schmidt spricht auf dem Marktplatz in Schwäbisch Gmünd. Seit Wochen. © Benjamin Büttner

Die Kamera hält auf eine Gruppe von Menschen. Sie stapfen durch den Schnee, hangaufwärts. Drei von ihnen halten ein rotes Banner, auf dem steht: „Corona ‚Plandemie‘ – wir alle müssen uns dafür verantworten“. Ein Vierter hält ein Megafon.

„Wir stehen hier, dass die Kinder ungestört rodeln dürfen“, schallt seine Stimme über den Hang. „Und nicht von der Polizei kontrolliert, oder vielleicht sogar aufgeschrieben werden. Das ist ein Unding, wo leben wir eigentlich?“

Während er weiterspricht, schwenkt die Kamera auf schneebedeckte Nadelbäume. Und auf Menschen in Schneeanzügen, teils Erwachsene, teils Kinder, die stehen bleiben, um dem Mann mit dem Megafon zuzuhören.

Frauenstimmen werden laut.

„Sie stören die Kinder, seien Sie mal ruhig!“

„Genau!“

„Die Kinder haben eigentlich Spaß!“

„Wir sind hier alle auf Abstand also seien Sie ruhig bitte. Sie stören die Kinder!“

Zuspruch hört sich anders an. Doch in Chatgruppen beim Messenger-Dienst Telegram wurde das Youtube-Video vom Rodelhang in Kaisersbach anschließend als voller Erfolg gefeiert. Das dürfte auch an dem Mann mit dem Megafon liegen, der mittlerweile einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat: Stefan Schmidt.

Wer ist der Mann, der in der Vergangenheit immer wieder auf „Querdenken“-Demos auftauchte? Der Mann, der seit Wochen jeden Tag eine eigene Demonstration in Schwäbisch Gmünd abhält?

Unter „Querdenkern“: Ein Gastwirt rebelliert

Stefan Schmidt ist Inhaber des Restaurants Seehof am Leinecksee bei Alfdorf. Die Coronakrise hat ihn, wie viele andere Gastronomen, hart getroffen. Im Sommer wurde der 54-Jährige dazu vom damaligen „Querdenken711“-Pressesprecher Stephan Bergmann im Stuttgarter Schlossgarten befragt.

Im Interview sagte er: „Wirtschaftlich geht es mir natürlich schlecht. Wir sind ein Catering-Unternehmen, wir machen über fünfzig Prozent unseres Jahresumsatzes mit Catering, und da ist im Prinzip alles weggefallen.“ Seine Prognose lautete damals: „Ich werde maximal dreißig Prozent unseres Jahresumsatzes erreichen.“

Im Oktober berichteten wir über die Diskussion um die Maskenpflicht am Beispiel von Schmidts Restaurant. Ein Schild am Eingang wies die Gäste darauf hin, dass die Belegschaft bei denen, die ohne Maske kommen, einfach davon ausgehen würde, dass sie von der Pflicht befreit seien.

Rechtlich war das nicht zu beanstanden. Der Alfdorfer Bürgermeister Ronald Krötz fand Schmidts Verhalten jedoch inakzeptabel und sagte im Gespräch mit unserer Zeitung: „Es ist ein indirekter Aufruf, die Verordnung zu ignorieren.“

Stefan Schmidt war schon damals bekannt dafür, Maßnahmen wie das Tragen einer Maske für sinn- und wirkungslos zu halten – was er auch offen äußert.

Weiße Westen und Blaulicht in Alfdorf

Im November liefen 42 Menschen in weißen Overalls unter Polizeibegleitung durch Alfdorf. Eine Form des friedlichen Protests gegen die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. Organisiert von Stefan Schmidt.

Demo Alfdorf
42 Demonstranten waren in Alfdorf untwegs, um die Corona-Maßnahmen anzuprangern. © ALEXANDRA PALMIZI

Zwei Tage später gab es einen Polizeieinsatz im Seehof-Restaurant. Laut Polizei hatten sich rund 130 Personen dort versammelt. Ohne auf die Abstände zu achten und ohne Maske. Nach Rücksprache mit dem Ordnungsamt habe man die Veranstaltung wegen gravierender Verstöße gegen die Corona-Verordnung aufgelöst, hieß es damals.

Schmidt hatte den Ablauf anders geschildert. Gegenüber unserer Zeitung sagte er, erst das Auftreten der Polizei habe provoziert, dass die Mindestabstände nicht eingehalten worden seien.

„Es fand in unseren Räumen des Restaurants eine von mir privat veranstaltete Versammlung statt. Ziel der Versammlung war das sofortige Ende des Lockdowns“, so der Gastwirt im November. „Gleichzeitig fanden im Grill-und-Bar-Bereich im Untergeschoss Aufstellungsversammlungen für die Landtagswahl im März statt.“  

Einen Tag später wurde Schmidt zum Landtagskandidaten der Partei „WIR 2020“ nominiert.

Die meisten Veranstaltungsteilnehmer hatten Schmidts Gasthaus schon verlassen, als die Auflösung der Versammlung bekanntgegeben wurde. Andere ließen die Beamten spüren, wie wenig sie von dieser Entscheidung hielten. Einer versuchte offenbar, seinen Personalausweis abzugeben.

„Politische Versammlungen sind doch weiterhin erlaubt!“, schimpfte ein weiterer Teilnehmer. „Aber nur unter Einhaltung der Corona-Verordnung“, antwortete ihm ein Polizist.

Konsequenzen hatte das Ganze für Schmidt bisher nicht, wie er auf Nachfrage mitteilt. „Dieser Einsatz war unrechtmäßig“, sagt der Gastwirt. Es habe seitdem weitere Veranstaltungen in seinem Gasthaus gegeben – mit Kontrollen, bei denen keine Verstöße festgestellt worden seien.

WIR 2020: Das Erbe Bodo Schiffmanns

Die Landtagskandidatur sei noch aktuell, sagt Schmidt. Er sei bestätigter Kandidat von „WIR 2020“ für den Wahlkreis Waiblingen, die nötigen Unterschriften habe er bereits gesammelt.

Die Partei „WIR 2020“ ist wie die etwas bekanntere Partei „Widerstand 2020“ im Zuge der Corona-Pandemie von Bodo Schiffmann gegründet worden. Der Arzt aus Sinsheim gehört zum Umfeld von „Querdenken“ und ist eine der zentralen Figuren in der Szene.

Bereits vor Monaten fiel Schiffmann durch Fehlinformationen zum Coronavirus auf, dessen Existenz er mittlerweile komplett leugnet: „Kinder sterben, weil sie Masken tragen gegen eine Erkrankung, die es nicht gibt“, behauptete er in einem seiner Videos unter Tränen – Belege dafür gibt es nicht.

Journalisten und Politiker nennt der Arzt „Kakerlaken“ und denkt vor laufender Kamera über einen Systemumsturz nach. Im August verließ Schiffmann „WIR 2020“.

Für ihn habe alles mit den „Videos von Bodo Schiffmann“ begonnen, schreibt Kay Michel, Erster Vorsitzender des baden-württembergischen Landesverbands von „WIR 2020“, über seine Motivation. Zitat: „Mainstream hatte mich geschockt und die dazugehörigen Politiker.“

Die Partei fordert unter anderem die „Rücknahme der unverhältnismäßigen Corona-Maßnahmen“, die „Aufarbeitung der Corona-Politik durch einen Untersuchungsausschuss“, das „Verbot einer Impfflicht“ sowie Reformen im Gesundheits-, Renten- und Schulsystems.

Kundgebung und persönliche Angriffe: Waiblinger Behördenmitarbeiter im Fokus

Ende Dezember. Die Infektionszahlen sind hoch, die Maßnahmen verschärft. Die Stadt Waiblingen veröffentlicht eine „Allgemeinverfügung zum Verbot von Spontan –und Eilversammlungen“ für den 28. Dezember und den 4. Januar. Es scheint eine Reaktion auf die anhaltenden Demonstrationen von Maskenverweigerern, Coronaleugnern und –verharmlosern in der Stadt zu sein.

Am 29. Dezember wird in einer lokalen Telegram-Gruppe ein Schreiben der Stadt Waiblingen an Stefan Schmidt veröffentlicht. Dieser hatte demzufolge einen Aufzug für den 28. Dezember angemeldet, um gegen das „Demoverbot“ zu protestieren.

Aus dem Schreiben geht her vor, dass dieser Aufzug und jede Ersatzversammlung untersagt wurden. Es sei zu erwarten, dass sich die Teilnehmer nicht hinreichend an etwaige Auflagen halten würden, heißt es weiter. Begründet wird das unter anderem mit der inhaltlichen Nähe zu "Querdenken". „Bei Nichtbefolgung […] wird ein Zwangsgeld in Höhe von 1000 Euro angedroht.“

Ebenfalls am 29. Dezember wird ein Video auf Youtube veröffentlicht. Weitere folgen auf Telegram. Zu sehen ist darin Stefan Schmidt, der im Kreis einer Handvoll Menschen vor dem Rathaus steht. Er hat sein Megafon dabei. Und das rote Banner mit dem „Plandemie“-Spruch. Die Kundgebung trägt den Titel „Müssen wir an der demokratischen Gesinnung des […] zweifeln?“

Der Mann, dessen Namen wir nicht nennen, ist Mitarbeiter einer Waiblinger Behörde. Schmidt wirft ihm vor, den von ihm angemeldeten Aufzug pauschal verboten zu haben, statt Auflagen zu erlassen.

Am Anfang des Youtube-Videos ist der Behördenmitarbeiter kurz zu sehen. Er übergibt ein Schreiben. Darin wird Schmidt von der Festsetzung des angedrohten Zwangsgeldes informiert. Der Gastwirt bedankt sich und wünscht dem Mann und seiner Familie einen „guten Rutsch“.

Kaum ist der Mann aber aus dem Bild verschwunden, rufen die Versammelten: „Feigling! Feigling!“ Schmidt nennt ihn während seiner Rede eine „kleine Beamtenseele“, einen „Feind der Demokratie“, einen „Schreibtischtäter“, der sich nur profilieren wolle. Irgendwann werde er sich dafür verantworten müssen, so Schmidt.

Den Namen des Mannes nennt Stefan Schmidt dutzendfach. Mit dem Video wird auf Telegram außerdem ein Link zur Seite der Stadt Waiblingen veröffentlicht, wo sich die Mailadresse des Mannes findet. Das Ganze wird in einem weiteren Telegram-Kanal mit Tausenden Mitgliedern geteilt, wo der Behördenmitarbetier „Corona-Faschist“ genannt wird.

Schmidt sagt auf Nachfrage, er habe mit den Videos, den Telegram- und Youtube-Kanälen nichts zu tun. Das dort ständig Aufnahmen von ihm landen, wisse er aber. „Wir wollen ja Aufsehen erregen.“

Der Mitarbeiter der Waiblinger Behörde wollte sich auf Anfrage unserer Redaktion nicht weiter zu den Vorgängen äußern. Nach unseren Informationen erhielt er in den vergangenen Wochen E-Mails, in denen er beschimpft wurde. Teilweise veröffentlichten die Verfasser diese selbst bei Telegram.

In lokalen Telegram-Gruppen wird der Mann mittlerweile regelmäßíg beschimpft. Er wird persönlich für weitere Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus verantwortlich gemacht. Immer wieder fällt sein Name, seine Familie wird diffamiert, sogar ein offensichtlich privates Bild von ihm wurde veröffentlicht. „Auf den Mann kommen schwere Zeiten zu“, schrieb eine Nutzerin. Zwinker-Emoji.

Urlaubsrückkehrer Hesky
Andreas Hesky. © ALEXANDRA PALMIZI

Der Waiblinger Oberbürgermeister Andreas Hesky ist über die Vorgänge informiert. Unserer Redaktion sagte er: "Es macht mir zunehmend Sorgen, dass sich die Angriffe gegen unseren Mitarbeiter persönlich richten."

Schwäbisch Gmünd: Zwischen täglichen Demos und Totengedenken

Donnerstagabend, 21. Januar: Während oben im Gmünder Stadtteil Wetzgau ein Altenheim mit einem verheerenden Infektions-Ausbruch kämpft, fordert unten auf dem Marktplatz Stefan Schmidt unterm Beifall von 60 bis 70 Demo-Teilnehmern „die sofortige Rücknahme aller Corona-Maßnahmen“.

Seit Wochen trifft Schmidt sich hier mit Gleichgesinnten – „jeden Tag, ohne Ausnahme.“ Immer mit dabei: das rote Banner.

Als der Gastwirt am 18. Dezember zum ersten Mal auf dem Marktplatz von Schwäbisch Gmünd demonstrierte, wurde etwa 300 Meter weiter noch der Corona-Toten gedacht. Eine Installation im Heilig-Kreuz-Münster veranschaulichte das Ausmaß der Pandemie – für jeden Toten wurde ein Nagel in ein Holz geschlagen.

Dekanatsjugendreferent Marios Pergialis, der die Installation mit dem Künstler Anthony Di Paola entworfen hatte, schreibt dazu auf seiner Webseite: „Jeder Nagel, den ich eingeschlagen habe, war einer zu viel.“

Als die Ausstellung am 22. Dezember endete, gab es in Deutschland laut Robert-Koch-Institut bereits über 27 000 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus.

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Wo Stefan Schmidt spricht, ist dieses Banner meist nicht weit. © Benjamin Büttner

Stefan Schmidt sagt im Gespräch mit unserer Redaktion, er leugne nicht die Existenz des Coronavirus – lediglich dessen Gefährlichkeit. „Die letzten Jahre hat sich auch niemand Gedanken gemacht, dass wir Menschen durch Grippeviren oder Krankenhauskeime verlieren.“ Für ihn hänge eine Pandemie mit Übersterblichkeit zusammen – und die sei nicht gegeben.

Stimmt das? Das Statistische Bundesamt geht dieser Frage seit einiger Zeit nach. In Sonderauswertungen werden die vorläufigen Zahlen zu den Todesfällen seit Beginn der Pandemie aufgelistet und analysiert. Es wird noch dauern, bis eine abschließende Aussage zur Übersterblichkeit getroffen werden kann.

Ein Zwischenfazit der Behörde: "Im April 2020 lagen die Sterbe­fallzahlen deutlich über dem Durch­schnitt der Vorjahre. Gleich­zeitig war ein Anstieg der Todesfälle zu beobachten, die mit dem Corona­virus in Zusammen­hang stehen. Im August waren die Zahlen der Gestorbenen im Zuge einer Hitzewelle wieder erhöht. Die Sterbefallzahlen im September lagen ebenfalls etwas über dem Durchschnitt der Vorjahre."

Einen weiteren auffälligen Anstieg über den Durch­schnitt hinaus habe es ab der zweiten Oktober­hälfte gegeben. "Auch die Covid-19-Todesfälle stiegen zeitgleich wieder an."

Interessant ist auch, was die Behörde im August schrieb: Die "bislang vergleichsweise geringen Auswirkungen der Pandemie in Deutschland" und Modellrechnungen würden darauf hindeuten, dass Maßnahmen zur Eindämmung effizient eingesetzt wurden. Die Maßnahmen, die „WIR 2020“ und Stefan Schmidt abschaffen wollen.

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50 bis 100 Personen kommen laut Polizei regelmäßig zu den Demonstrationen. © Benjamin Büttner

Zurück zum Abend des 21. Januar. Der große Tannenbaum in der Platzmitte ist noch immer mit weihnachtlichem Lichterglanz behangen, auf Plakaten sind Winfried Kretschmann und Karl Lauterbach zu sehen: in Sträflingsanzügen. Die Abbildungen tauchen seit längerem immer wieder auf „Querdenker“-Demonstrationen auf.

Ein paar Polizisten stehen auch rum, wie unter Strom wirken sie nicht gerade. Vielleicht haben sie im Revier Schnickschnackschnuck gespielt, wer nun heute schon wieder Dienst schieben muss um 18.30 Uhr. Ja, sagt ein Beamter, das sei hier immer etwa so gut besucht, täglich „50 bis 100 Leute, um den Dreh rum“.

Der Redner weist derweil die Unterstellung, dass die Protestbewegung „rechts“ oder „antisemitisch“ sei, „aufs Schärfste zurück“. Die Polizei solle doch lieber mal „die Antifa beobachten“ - dieser „lächerliche Haufen“ sei „Angies letztes Aufgebot“. Apropos Beobachtung – warum eigentlich heiße der Verfassungsschutz Verfassungsschutz? „Wir haben doch ein Grundgesetz und keine Verfassung – nur mal 'ne Frage.“

Dagegen würde die Bundeszentrale für politische Bildung wohl einwenden, das Grundgesetz sei doch die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland und nur Reichsbürger würden das bezweifeln.

„Ich streite nicht ab, dass das Grundgesetz eine Verfassung ist“, sagt Stefan Schmidt auf Nachfrage. Mit der Reichsbürger-Szene habe er nichts zu tun. „Um Gottes Willen. Ich bin klassischer Wechselwähler.“

Ob ihm klar ist, dass er mit Stephan Bergmann bereits den Mitgründer eines rechtsextremen Reichsbürger-Vereins als Redner bei seiner Demo hatte? „Wir haben ein offenes Mikrofon, bei uns darf jeder sprechen“, so der Gastwirt.

Aggressiv geht es am 21. Januar in Schwäbisch Gmünd jedenfalls überhaupt nicht zu. Die anwesende Presse wird ausdrücklich begrüßt und gar mit schütterem Applaus bedacht, die Leute halten ordentlich Abstand, viele tragen Maske.

Ein paar Tage später wird sich herausstellen, dass der Corona-Ausbruch im Wetzgauer Altenheim 18 Menschen das Leben gekostet hat.