Remshalden

Die Ukrainerin Maryna Udovychenko bangt um Freunde und Familie

Asylsuchende
Maryna Udovychenko mit ihrer Tochter Yasmin: „Frag lieber Putin.“ © Alexandra Palmizi

Normalerweise, sagt Maryna Udovychenko, beginne ihr Tag mit einer Tasse Kaffee. „Jetzt fängt mein Tag mit Nachrichten an.“ Kriegsnachrichten auf dem Handy, in sozialen Netzwerken, Lebenszeichen von ihrer Mutter aus Dnipro im Osten der Ukraine. Sie habe das nicht kommen sehen, sagt die 30-Jährige und ringt um Fassung, wenn sie über den russischen Angriff auf ihr Heimatland redet, das sie 2015 verlassen hat, um mit ihrem iranischen Mann nach Deutschland zu gehen.

Während des Gesprächs am Wohnzimmertisch hüpft ihre Tochter Yasmin mit Tischtennisschläger und Ball durch den Raum. Die Dreieinhalbjährige zeigt auf eine Kerze auf dem Fenstersims. „Feuer“, sagt sie. „Haus kaputt.“ Maryna Udovychenko deutet auf den Fernseher, der an der Wand hängt: „Sie schaut mit uns Nachrichten.“ Die Bilder von den brennenden Häusern in den ukrainischen Städten.

Die ersten Kriegsnächte schliefen sie in ihren Kleidern, die Koffer sind gepackt

Maryna Udovychenko wohnt in Grunbach weit weg von ihrer alten Heimat, aber der Krieg ist mitten in ihrem Leben. Sie hält ständig Kontakt mit ihrer Mutter in Dnipro, einer Stadt mit knapp einer Million Einwohnern in der Ostukraine. Am ersten Kriegstag sei dort der Flughafen bombardiert worden. Seitdem sei es „relativ ruhig“, sagt sie. Die ersten Kriegsnächte schliefen Mutter und Großmutter, die auch mit dort wohnt, in Kleidern. Ihre Koffer haben sie gepackt. Immer wieder heulen Sirenen. „Sie verstecken sich dann im Flur, meine Mama denkt, das ist der sicherste Platz.“

Warum verlässt sie nicht die Stadt und flieht? „Es ist schwierig“, sagt Maryna Udovychenko. Auch der Weg könnte gefährlich sein, die Grenze sei zehn oder elf Stunden Autofahrt entfernt. Ihre Oma sei nicht so fit, habe Probleme mit Herz und Blutdruck.

Maryna Udovychenkos Großmutter ist selbst Russin. Zu Zeiten der Sowjetunion, vor über 50 Jahren, kam sie nach Dnipro, lernte ihren Mann kennen, einen Ukrainer, und blieb. Russland und die Ukraine, sie verbinde eine gemeinsame Geschichte, es gebe viele Beziehungen. Aber eines ist Maryna Udovychenko ganz wichtig: „Ich will, dass die Leute das wissen, dass sie es klar verstehen: Wir sind zwei verschiedene Länder. Wir gehören nicht zu Russland.“

Den Ukrainern sei klar, dass es ein „Rückschritt in der Geschichte“ wäre, wieder wie im russischen Reich oder der Sowjetunion unter russischem Einfluss zu stehen. „Wir wollten das nicht mehr, wir wollen uns weiterentwickeln.“ Putin habe kein Recht, einfach so in ein anderes Land einzumarschieren: „Wir haben ihn nicht gebeten, wir haben ihn nicht um Hilfe gefragt.“

"Der versteht nicht, dass seine Zeit vorbei ist"

Warum macht Putin das – ist die Freiheit der Ukraine, die sich zunehmend am Westen orientiert hat, eine Bedrohung für sein autoritäres Regime? Maryna Udovychenko wiegt den Kopf und überlegt lange. Ja, das könne man vielleicht schon sagen. „Ich denke, er will einfach an der Macht bleiben. Der versteht nicht, dass seine Zeit vorbei ist. Die brauchen in Russland einen neuen Präsidenten, der andere Gedanken hat.“

Dass der russische Machthaber seine kruden Gedanken so in die Tat umsetzt und das Nachbarland überfällt, das hätte Maryna Udovychenko nicht glauben können – obwohl er es in anderen Ländern wie Georgien auch getan und das russische Militär in Syrien ganze Städte plattgemacht hat. „Jetzt ist klar, dass er das lange geplant hat. Aber für mich war das vorher nicht klar.“ Sie sagt, sie sei eigentlich nie besonders interessiert an Politik gewesen, sie habe sich nicht an Entwicklungen wie der Orangenen Revolution oder den Demonstrationen auf dem Maidan beteiligt.

„Die Russen wollen das auch nicht, die wollen keinen Krieg“

Als ihre Mutter schon in Panik war angesichts der russischen Truppen, die sich an den Grenzen sammelten, habe sie gesagt: „Alles wird gut, die reden schon seit Monaten darüber, aber da passiert nichts. Das will niemand.“ Und sie ist sicher: „Die Russen wollen das auch nicht, die wollen keinen Krieg.“ Deswegen dürfe man die Leute nicht kollektiv in die Haftung nehmen und verurteilen.

Sie selbst muss jetzt viele Fragen von deutschen Freunden und Kollegen beantworten, die wissen wollen, wie sie helfen können, wo sie Spenden abgeben sollen. Maryna Udovychenko ist studierte Bauingenieurin. Sie arbeite bei einem Ingenieurbüro als Technische Hilfskraft, erzählt sie.

Mit ihrem Mann, der als Raumausstatter arbeitet, hat sie eine Wohnung in Grunbach gefunden, nachdem sie aus der Remshaldener Asylunterkunft des Landkreises in der Alfred-Klingele-Straße ausziehen mussten. Wenig später kam Tochter Yasmin zur Welt. Die Kleine und ihr Vater haben eine Aufenthaltserlaubnis. Maryna Udovychenko hat nur einen Duldungsstatus, den sie alle paar Monate verlängern muss. Sie darf damit nicht einmal in andere EU-Länder reisen. „Dafür kenne ich jetzt Deutschland ziemlich gut und alle Sehenswürdigkeiten hier“, lacht sie.

"Frag lieber Putin"

Wie geht es jetzt weiter in der Ukraine? Maryna Udovychenko rollt die Augen und lächelt gequält. „Frag lieber Putin“, sagt sie. „Ich denke, der Krieg wird weitergehen – bis wohin? Ich weiß es nicht.“

Sie ist froh, dass sie selbst in Sicherheit ist, aber die Sorge um die Lieben in der Ukraine ist quälend. Viel tun kann sie für sie nicht. Aber an diesem Wochenende kommt die Tochter einer Freundin ihrer Mutter in Stuttgart an. „Wir werden sie dort treffen und ihr helfen“, sagt Maryna Udovychenko.

Normalerweise, sagt Maryna Udovychenko, beginne ihr Tag mit einer Tasse Kaffee. „Jetzt fängt mein Tag mit Nachrichten an.“ Kriegsnachrichten auf dem Handy, in sozialen Netzwerken, Lebenszeichen von ihrer Mutter aus Dnipro im Osten der Ukraine. Sie habe das nicht kommen sehen, sagt die 30-Jährige und ringt um Fassung, wenn sie über den russischen Angriff auf ihr Heimatland redet, das sie 2015 verlassen hat, um mit ihrem iranischen Mann nach Deutschland zu gehen.

Während des Gesprächs

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