Remshalden

Gastwirt verärgert: Warum durfte das 3E-Zentrum in Remshalden trotz Corona offen bleiben?

E3 Zentrum
Ulrich Marquardt steht auf seinem Stückle. Von hier aus hat er, wie im Bild zu erkennen, einen guten Blick auf das 3E-Zentrum. © Benjamin Büttner

Dienstag, 14. April, der erste Tag nach Ostern. Ulrich Marquardt steht auf seinem Stückle in Remshalden und mäht den Rasen. Als er aufblickt, bemerkt er über ein Dutzend Autos. Sie parken, so wird er es unserer Redaktion später erzählen, am 3E-Gesundheitszentrum für alternative Krebstherapien.

Das macht ihn wütend. Sehr wütend. Marquardt nimmt das Telefon in die Hand. Er ruft beim Gesundheitsamt an.

„Beim Gesundheitsamt haben sie gesagt, die Gemeinde ist zuständig. Bei der Gemeinde haben sie gesagt: Das ist alles in Ordnung, die machen da Behandlungen, das dürfen die wie jede andere Klinik auch.“

„Das sind doch keine Ärzte“

Ulrich Marquardt klingt immer noch wütend, als er die Geschichte unserer Redaktion Wochen später erzählt. „Das ist doch keine Klinik. Da sind doch keine Ärzte. Die ziehen da oben Leinöl durch die Zähne.“

Am 3E-Zentrum in Remshalden werden „alternative Krebstherapien“ angeboten, heißt es auf der Webseite der Einrichtung. Basis des „3E-Programms“ („Ernährung“, „Entgiftung“ und „Energiearbeit“) seien Gespräche mit Menschen, die den Krebs „besiegt“ haben.

Wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit des Programms findet man auf der Webseite nicht. Ebenso geht aus den Informationen auf der Webseite nicht hervor, ob dort Ärzte beschäftigt sind.


Und auch wenn man größtenteils den Eindruck vermeidet, in der Einrichtung Krebs heilen zu können, finden sich auf der Webseite Formulierungen wie diese: „Bei der Heilung von Krebs (bei unserer Alternativen Vorgehensweise) arbeiten wir mit einer Vielzahl an Ärzten, Heilpraktikern und sonstigen Therapeuten zusammen.“

Das 3E-Zentrum stand in der Vergangenheit mehrfach in der Kritik. Nach investigativen Recherchen von SWR und Correctiv wurde Mitarbeitern des Zentrums vorgeworfen, Krebskranken falsche Hoffnungen zu machen und ihnen gar eine Mitschuld an ihrer Erkrankung zu suggerieren. Die Verantwortlichen hatten die Kritik damals zurückgewiesen.

Marquardt fühlt sich ungerecht behandelt

Ulrich Marquardt ist Gastwirt. Im Zuge der Corona-Pandemie musste sein Landgasthof „Zom Fässle“ für mehrere Wochen schließen, die Gäste blieben aus. Und mit ihnen die Einnahmen.

„Wir haben kein Geld verdient, wir durften nicht aufhaben, trotz Hygiene-Maßnahmen“, sagt er am Telefon. „Und die vom 3E-Zentrum haben Kohle gemacht als wäre alles in Ordnung.“

Doch für Marquardt scheint nichts in Ordnung. Für ihn hat das, was auf der Buocher Höhe geschieht, mit Gesundheit nichts zu tun. Und der Gemeinde wirft er vor, untätig zu sein.

Was sagt die Gemeinde?

Nachdem Ulrich Marquardt von der Gemeinde zu hören bekam, dass der Betrieb des 3E-Zentrums trotz Corona-Pandemie in Ordnung gehe, habe er sich direkt an Bürgermeister Reinhard Molt gewandt.

„Herr Marquardt hat sich, als es mit dem Lockdown losging, an das Sachgebiet Bau- und Ordnungsverwaltung gewandt“, sagt Reinhard Molt. Der Gastwirt habe sich dort beschwert, dass das 3E-Zentrum weiter offen bleiben dürfe – im Gegensatz zu seinem Gasthof.

„Herr Marquardt war sehr aufgebracht. Er war der Meinung, hier hätte das Ordnungsamt einschreiten müssen.“ Dies weist der Bürgermeister von Remshalden entschieden zurück.

„Die zuständige Mitarbeiterin hat Herrn Marquardt dann mitgeteilt, dass Kliniken und klinikähnliche Einrichtungen nicht schließen müssen.“ Erst Mitte Juni habe Ulrich Marquardt dann persönlich mit ihm telefoniert, sagt Bürgermeister Molt. „Ich habe ihm gesagt, dass es keinen Anhaltspunkt gab, das 3E-Zentrum zu schließen.“

Was ist ein Gesundheitszentrum?

Klinikähnliche Einrichtungen, das schließt offenbar auch das Gesundheitszentrum in Remshalden mit ein. Das Ministerium für Soziales und Integration in Baden-Württemberg schrieb kürzlich in einer Stellungnahme, dass es keine einheitliche Definition des Begriffs „Gesundheitszentrum“ gebe.

Dort heißt es: „Gesundheitszentren können auch Primärversorgungszentren und -netzwerke sein. In sogenannten Primärversorgungszentren arbeiten Angehörige unterschiedlichster Gesundheitsberufe Hand in Hand unter einem Dach. In enger Zusammenarbeit bieten die verantwortlichen Bürgerinnen und Bürgern hier eine umfassende Betreuung in gesundheitlichen Fragen.“

Nächtliche Notarzteinsätze?

Ob das im 3E-Zentrum geschieht, bezweifelt der Gastwirt. „Wie oft war schon der Notarzt oder Rettungswagen da“, fragt Marquardt, und berichtet gleich von mehreren Fällen.

Diesen Vorwurf zu prüfen, gestaltet sich schwierig. Zu Einsätzen am 3E-Zentrum kann und will das Deutsche Rote Kreuz keine Angaben machen, so ein Sprecher des Kreisverbands Rems-Murr.

„Fest steht allgemein: Bei Einrichtungen, die sich mit der Gesundheit von Menschen beschäftigen, ist die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzaufkommens von Rettungsdienst oder Krankentransport grundsätzlich gegeben", so der Sprecher.

Eine Anfrage an das 3E-Zentrum bleibt mehrere Tage unbeantwortet. Erst nach der Veröffentlichung einer ersten Version dieses Artikels auf unserer Webseite meldet sich Lothar Hirneise, Mitgründer des Zentrums, bei unserer Redaktion. In einer Mail spricht er von „abstrusen Anschuldigungen“ und „angeblichen Notfällen“. Teile unserer Anfrage lässt er dabei unbeantwortet.

Dem Gastwirt bietet Hirneise an, einem Termin mit ihm auszumachen. „So kann er sich vor Ort einen eigenen Eindruck verschaffen von unserer Arbeit, da er ja offensichtlich eine fast schon ins verwirrend gehende Ansicht über unser Tun hat.“

Polizeikontrolle auf der Buocher Höhe

Eine Sprecherin des Landratsamts sagt zu den Vorwürfen von Ulrich Marquardt: „Es ist schlicht so, dass es sich beim 3E-Zentrum um ein Gesundheitszentrum handelt. Diese mussten nach der Corona-Verordnung des Landes nie schließen. Das ist hier der entscheidende Punkt.“

Weiter schreibt die Pressestelle: „Natürlich haben wir Verständnis dafür, dass die coronabedingte Zeit der Schließung für viele Unternehmen, darunter auch die Gastronomie, mit Einschränkungen verbunden war. An oberster Stelle musste allerdings der Gesundheitsschutz stehen.“

Auch die Polizei hat die Einrichtung auf der Buocher Höhe nach Marquardts Anrufen bereits am 15. April überprüft. Ein Sprecher des Präsidiums in Aalen teilt auf Nachfrage mit, dass bei der Kontrolle keine Verstöße gegen die Corona-Verordnung des Landes festgestellt wurden.

Seitdem Ulrich Marquardt wütend auf seinem Stückle stand, und Richtung 3E-Zentrum schimpfte, sind über zwei Monate vergangen. Die Behörden haben die Vorwürfe geprüft, und auch das „Zom Fässle“ in Remshalden ist mittlerweile wieder geöffnet. Teile unserer Anfrage an die Einrichtung auf der Buocher Höhe bleiben weiterhin unbeantwortet  - und der Gastwirt bleibt bei seiner Meinung.

Dienstag, 14. April, der erste Tag nach Ostern. Ulrich Marquardt steht auf seinem Stückle in Remshalden und mäht den Rasen. Als er aufblickt, bemerkt er über ein Dutzend Autos. Sie parken, so wird er es unserer Redaktion später erzählen, am 3E-Gesundheitszentrum für alternative Krebstherapien.

Das macht ihn wütend. Sehr wütend. Marquardt nimmt das Telefon in die Hand. Er ruft beim Gesundheitsamt an.

„Beim Gesundheitsamt haben sie gesagt, die Gemeinde ist zuständig. Bei der

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