Remshalden

Job gekündigt: Remshaldener Michael Haberkorn läuft, so weit ihn die Füße tragen

Michael Haberkorn
Michael Haberkorn und sein Rucksack im Wald. © Haberkorn

Michael Haberkorn ist dann mal weg. Er will den Weg unter seinen Füßen spüren, in den Knochen fühlen, was er schafft. Er will Landschaften durchwandern, dem Wetter ausgesetzt sein. Fernweh, Abenteuerlust, Reisefieber - das alles hat ihn hinausgezogen in die Weite.

Seinen sicheren Job bei der Gemeindeverwaltung Winterbach hat er gekündigt – ohne Option auf eine Rückkehr.

Sich festlegen auf ein Datum, an dem er wieder daheim ist, das will der 34-Jährige auf keinen Fall. Natürlich sei das nicht einfach, vor allen Dingen für die Freundin und die Familie. Für ihn aber bedeutet diese Reise – das Erleben absoluter Freiheit – alles.

Telefongespräch vor einer Schutzhütte im hessischen Nirgendwo

„Im Moment ist mein Fokus nur auf dem Weg, ich plane nicht mehr als zwei Tage im Voraus“, sagt er, während er mitten im hessischen Nirgendwo auf der Bank vor einer Schutzhütte sitzt und per Telefon von seiner Reise berichtet.

Haberkorn genießt jeden Tag, der gelingt, jeden Schritt, den er weiterkommt. Die Route zwischen Bodensee und Flensburg in den Urlaubsetappen eines Arbeitnehmers zu gehen, käme für ihn nicht infrage. Etliche Wanderer, die er auf dem E1, dem Europäischen Fernwanderweg, der zwischen dem Nordkap und dem Süden Italiens verläuft, trifft, machen das genauso.

„Aber die Frage ist, wie gut kann ich dann abschalten? Was ist, wenn es mir in drei Tagen nicht gut geht?“ Er will Freiheit erleben. So richtig. Das verträgt sich nicht mit einem vereinbarten Rückkehrdatum.

"Der beste Zeitpunkt für einen Traum ist immer jetzt"

Der junge Grunbacher will dieses Abenteuer einfach unbedingt. „Viele schieben solche Dinge bis zur Rente auf, und dann kommt es nicht dazu“, weiß er. Er will keinen Traum haben, der nie Wirklichkeit wird. Haberkorn findet: „Der beste Zeitpunkt für einen Traum ist immer jetzt.“

Immerhin musste er sein Abenteuer schon einmal verschieben. Ursprünglich hatte er seine Auszeit sogar nur als Sabbatjahr geplant. Damals lief er schon von zu Hause auf dem Jakobsweg nach Santiago. Als er schon auf dem nächsten Abschnitt seiner Reise in Kanada war, überraschte ihn Corona.

Das „Work and travel“-Programm, mit dem er unterwegs war, musste er abbrechen, er kehrte vorzeitig nach Hause, ordnete sich wieder im Berufsleben ein.

"Das Feuer brennt in mir"

Die Arbeit im Rathaus machte Haberkorn zwar wie zuvor auch richtig Spaß – für den Veranstaltungsbereich, Kultur, Integration und Bürgerbeteiligung war er dort zuständig: „Aber der Wunsch für diese Auszeit war weiter da. Das Feuer brennt noch in mir.“

Seit der Reise auf dem Jakobsweg hatte er die Lust am langsamen Reisen entdeckt. Der Wunsch, die Welt zu Fuß zu entdecken, ließ ihn nicht los. Und so startete er erneut.

Es erfüllt ihn, langsam durch die verschiedenen Regionen eines Landes zu laufen, mit einem großen Rucksack auf dem Rücken. „Du nimmst die Welt ganz anders wahr, kannst stehen bleiben, die unterschiedlichen Regionen entdecken und auch, wie sich der Dialekt alle zwei bis drei Täler ändert. Das ist ein eigener Mikrokosmos.“

Ziel: Teil der Landschaft werden

Es sei ganz anders als in einem zeitlich begrenzten Urlaub. Auf solch einer langen Reise fühle man sich nicht mehr als Fremdkörper in der Natur, sondern als Teil dessen, wo man gerade sei.

Wer auf dem Wanderweg E1 läuft, muss pro Kilometer rund zwei bis drei Euro an Kosten einplanen. Ein angespartes finanzielles Polster gibt Haberkorn Sicherheit. Mal gibt’s Schutzhütten, in denen sich ein kostenloses Nachtlager aufschlagen lässt, mal gibt’s Zeltplätze, mal muss es doch eine kleine Pension sein.

Und so manches Mal erlebte er auch nachts Erstaunliches: „Im Wald bei Denkendorf ging’s nachts richtig ab mit Fuchsgeschrei“, erzählt er. Und als er gegenüber dem Kloster Beuron zeltete, läuteten die Glocken alle Viertelstunde. Selbst mit Ohrstöpseln gestaltete sich die Erholung in diesem Lager schwierig.

Blasen halten Haberkorn nicht vom Weitergehen ab

Pro Tag knackt Michael Haberkorn rund 20 Kilometer. Sein Rekord bislang lag bei knapp 50 Kilometern, weil eine anvisierte Unterkunft geschlossen war. „Die ersten zwei Wochen dauert es immer, bis der Körper sich an die Belastung gewöhnt hat.“

Das Ergebnis waren auch dieses Mal wieder jede Menge Blasen. „Aber keine, die mich darin gehindert hätte, zu laufen.“ Außerdem plagen ihn ab und an Knieschmerzen. Dennoch: „Der Körper gewöhnt sich ganz gut dran, wenn man einfach weitermacht.“ Und eine Rechnung stimmt eben auch: Je nördlicher Haberkorn kommt, desto schneller kommt er vorwärts - schließlich wird die Landschaft auch erheblich flacher.

Wenn Haberkorn in Flensburg angekommen ist, wird er rund 1900 Kilometer in 80 Tagen gelaufen sein. Und dann? Vielleicht zieht es ihn dann  Richtung Asien, nach Korea oder Japan, überlegt er. Oder er ist schon nach einem halben Jahr wieder zurück. Wer weiß das schon. Und das ist sie, die große Freiheit, die ihn gerade so glücklich macht.

Info

Wer mehr über Haberkorns Reise wissen möchte, kann im Internet unter https://www.youtube.com/c/generationwalk seine Videos sehen, die er auf dem Weg filmt.

Michael Haberkorn ist dann mal weg. Er will den Weg unter seinen Füßen spüren, in den Knochen fühlen, was er schafft. Er will Landschaften durchwandern, dem Wetter ausgesetzt sein. Fernweh, Abenteuerlust, Reisefieber - das alles hat ihn hinausgezogen in die Weite.

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