Remshalden

Mit Hobby-Fotograf Benedikt Sauer auf der Suche nach „Lost Places“ und dem Sinn eines Ehrenkodexes

Benedikt Sauer
Benedikt Sauer fotografiert verlassene Orte. Der 38-Jährige kommt aus Remshalden. © Gabriel Habermann

Wo hängen Überwachungskameras, wie könnte man in das Gebäude kommen, und seit wann war hier wohl keiner mehr? Solche Fragen sind es, die sich Benedikt Sauer aus Remshalden und andere Anhänger der Szene stellen. Seit einigen Jahren erfreuen sich die Bilder sogenannter Lost Places (deutsch: verlorene Orte) vor allem in den sozialen Netzwerken großer Beliebtheit. Doch von den Eigentümern solcher Immobilien sollte man sich besser nicht erwischen lassen.

Ein Loch in der Wand

Das Gelände ist mit Gestrüpp zugewachsen, die Vertäfelung an der Hauswand fängt schon an, sich zu lösen, und die Schriftzüge an so mancher Tür sind verblasst. Ein Teil einer Hauswand ist sogar schon komplett eingefallen, der Blick ins Innere des Gebäudes steht offen. Von oben tropft Regenwasser herunter, das nicht mehr richtig abläuft. Benedikt Sauer zeigt, was so ein Lost Place ausmacht. Doch der genaue Ort soll geheim bleiben. Es gehört zur Ehre innerhalb der Szene, die Orte nicht in der breiten Öffentlichkeit zu verraten.

In der Region um Remshalden gebe es nur wenige Lost Places, Grundstückspreise sind hoch, Wohnraum begrenzt, heruntergekommene Häuser oder ganze Anlagen sind da eher untypisch. Wer wirklich viele spannende Orte entdecken will, muss reisen. In den vergangenen Jahren ging es für Sauer deshalb oft in die ehemalige DDR. Dort gebe es einige ehemalige volkseigene Betriebe, VEB genannt, die noch stehen. Aber auch in Belgien gebe es viele leerstehende Wohnhäuser. Manchmal finde man dort sogar komplett eingerichtete Wohnungen vor. „In einer Wohnung lagen sogar noch alte Briefe auf einer Kommode“, erzählt Sauer.

Bunker, Schwimmbäder oder Schulen

Wer auf der Suche nach Lost Places in der Region ist, wird aber ebenfalls fündig. In Stuttgart war Sauer beispielsweise schon in verschiedenen Bunkern unterwegs, dort hineinzukommen sei aber nicht ganz einfach. Die Schutzbauten, die beispielsweise aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, sind gut verschlossen. Über Führungen eines Vereins komme man aber auch dort hinein.

Orte im Remstal?

Auch im Remstal gibt es das ein oder andere Gebäude, das in der Szene als Lost Place gehandelt wird. Ein altes Schwimmbad, eine alte Schule oder auch ein altes Jugendheim. Doch im Kontext mit Benedikt Sauers Namen und dem ungewöhnlichen Hobby sollen die genauen Ortsangaben an dieser Stelle nicht genannt werden, auch wenn so manchem aufmerksamen Zeitungsleser der ein oder andere Ort ohnehin bekannt vorkommen dürfte. Eine Ausnahme kann an dieser Stelle aber gemacht werden: Unter anderem die alte Schorndorfer Lederfabrik war in der Szene ein beliebter verlassener Ort. Weil das Gebäude inzwischen aber ohnehin abgerissen worden ist, kann hier wohl eine Ausnahme vom Kodex gemacht werden. Fenster voll Spinnenweben, alte Arbeitstische aus Holz und Lederreste gab es dort lange zu finden.

Der 38-Jährige spricht über den Ehrenkodex der Szene

Sauer erklärt, was es mit dem Ehrenkodex genau auf sich hat. Die Szene wolle verhindern, dass ganze Massen zu solchen Orten reisen und sie verwüsten. Zu den besonderen Regeln der Szene gehört es beispielsweise auch, dass an den besuchten Plätzen nichts kaputt gemacht, umgestellt oder sogar mitgenommen werden darf. Türen aufhebeln oder sogar Fenster einschlagen sei tabu. Ohnehin sei das keine gute Idee, schließlich sei das schlicht Einbruch. „Da ist die Grenze erreicht“, sagt Sauer.

Hausfriedensbruch

Zur Wahrheit dieses Hobbys gehört aber auch: Das unbefugte Betreten eines Gebäudes ist Hausfriedensbruch, auch ohne eingeschlagene Scheiben. Doch die entsprechende Anzeige müsse der Eigentümer oder Besitzer stellen, so Benedikt Sauer. Er habe bislang immer Glück gehabt, rechtliche Probleme habe er noch nie bekommen. Vor acht Jahren hat Sauer mit dem Hobby angefangen. „Die Bilder von Lost Places haben mich einfach fasziniert“, erzählt er.

Die Orte sollen erhalten bleiben

Die Idee des Kodex unter anderem: So wie die Orte einst verlassen wurden, sollen sie bleiben. Schmerzlich habe die Community immer wieder feststellen müssen, dass sich manch besonderer Ort mit seinem Bekanntheitsgrad verändert. Nach ein paar Jahren sei manches Objekt nahezu komplett leer gewesen. „Tourismus soll verhindert werden“, sagt der 38-jährige Remshaldener.

Aber wie finden Hobby-Fotografen wie Sauer dann überhaupt solche Orte? Alles laufe über die persönliche Kommunikation. Sauer ist dafür unter anderem in der Facebook-Gruppe „Lost Places in Baden-Württemberg“ aktiv. Er und andere teilen dort ihre Bilder und Erfahrungen. Fast 5000 Menschen sind in der Gruppe angemeldet. Doch auch dort werden Orte nicht öffentlich genannt. Nur auf direkte persönliche Nachricht werden sie weitergegeben, lautet eine Regel der Gruppe. Wer also mehr wissen will, muss sich vernetzen, erklärt Sauer. Doch dies sei eben auch eine der schönen Seiten des Hobbys. In den vergangenen Jahren hat er über das Fotografieren auch schon Freundschaften geschlossen.

Der Nervenkitzel beim Betreten solcher Orte gehört dazu

Über die Jahre habe man so manche Erfahrung beim Fotografieren der besonderen Orte gemacht, erzählt Sauer. Einmal sei er von einem Eigentümer in einer alten Fabrik beim Fotografieren erwischt worden, der habe wissen wollen, was Sauer macht. Nachdem er ihm erklärt hatte, dass er kein Einbrecher sei, sondern lediglich Fotos machen möchte, habe der Eigentümer ihn sogar herumgeführt und ihm die gesamte Fabrik gezeigt. Es sind Begegnungen wie diese und der Nervenkitzel in so mancher Situation, die das Hobby mit ausmachen, sagt Benedikt Sauer.

Wo hängen Überwachungskameras, wie könnte man in das Gebäude kommen, und seit wann war hier wohl keiner mehr? Solche Fragen sind es, die sich Benedikt Sauer aus Remshalden und andere Anhänger der Szene stellen. Seit einigen Jahren erfreuen sich die Bilder sogenannter Lost Places (deutsch: verlorene Orte) vor allem in den sozialen Netzwerken großer Beliebtheit. Doch von den Eigentümern solcher Immobilien sollte man sich besser nicht erwischen lassen.

Ein Loch in der

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