Remshalden

Ohne Strom- und Gasanschluss: Wie man in einem "Power-to-Gas-Haus" nur mit Sonnenenergie leben kann

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Der Vorläufer des energieautarken Power-to-Gas-Hauses: Dieses schlüsselfertige Einfamilienhaus in Grunbach, in dem Wohnwerke-Geschäftsführer Lucas Neddermann selbst wohnt, erzeugt über die Solaranlage auf dem Dach im Sommer mehr Energie als es verbraucht, hat aber noch einen Stromanschluss für den Winter. © Gaby Schneider

Das Bemerkenswerteste an diesem Haus ist, dass man ihm seine bemerkenswerten Eigenschaften nicht auf den ersten Blick ansieht, und es daherkommt wie ein gewöhnliches Einfamilienhaus. Doch was der Remshaldener Bauträger Wohnwerke mit seiner Marke „Neubauten“ in Rudersberg vorhat, ist ein großer Sprung in die Zukunft: Im Ortsteil Asperglen soll ein Haus entstehen, das keine Energiezufuhr von außen mehr braucht, keinen Strom- oder Gasanschluss, das komplett energieautark ist, das heißt, seine Bewohner benötigen keine fossilen Brennstoffe mehr, um es zu beheizen oder heiß duschen zu können.

Entscheidend dafür ist die Nutzung Power-to-Gas-Technik. Das ist der Überbegriff für ein Verfahren, bei dem Energie umgewandelt wird in ein Gas wie Wasserstoff, um sie speichern und transportieren zu können. An der Nutzung der Technik für ein Einfamilienhaus hat der junge Wohnwerke-Chef Lucas Neddermann zusammen mit Fachleuten seit Jahren getüftelt – auch aus einem idealistischen Anspruch heraus.

„Die politischen Zielgrößen sind nicht hoch genug“

„Ich bin kein Ökospinner“, betont der 35-Jährige. „Aber ich sage, dass wir zu viele fossile Brennstoffe verbrauchen, mit allen Folgen wie der Klimaerwärmung. Und ich bin der Meinung, dass wir Planer gefordert sind. Die politischen Zielgrößen sind nicht hoch genug. Man muss da selber noch Engagement zeigen.“ Neddermann bewohnt selbst ein Wohnwerke-Haus. Noch kein energieautarkes, aber ein Plus-Energiehaus. Das heißt: Er verbraucht keine fossilen Brennstoffe mehr fürs Wohnen und versorgt sogar noch sein Elektroauto mit grünem Sonnenstrom vom Dach.

Auch dieses Plus-Energie-Haus, das in einem Wohngebiet, im Remshaldener Ortsteil Grunbach steht, würde einem im Vorbeigehen nicht besonders auffallen. Lucas Neddermann sagt: „Das Haus ist ein Kraftwerk, das nicht nur sich selbst versorgt.“ Was darauf hinweist, ist äußerlich lediglich die Fotovoltaikanlage, die das Süddach abdeckt. Drinnen am Wohnzimmertisch schaut Lucas Neddermann auf sein Handy: „Wir erzeugen gerade 3,4 Kilowattstunden.“ Es ist ein Vormittag Ende November, die Platten der PV-Anlage waren kurz vorher noch eingefroren, nur langsam tauen sie unter den schwachen Sonnenstrahlen auf. Trotzdem fließt gerade Strom in die Speicherbatterie im Keller des Hauses und der Überschuss ins öffentliche Stromnetz.

Das Problem der Energieversorgung eines Einfamilienhauses mit Sonnenkollektoren ist in Deutschland, dass in den Wintermonaten dafür zu wenige Sonnenstunden zusammenkommen, selbst wenn man eine Speicherbatterie im Keller hat. Denn umgekehrt ist natürlich der Winter die Zeit, in der besonders viel Energie gebraucht wird, um ein Haus zu heizen.

Deswegen gibt es zwar Plus-Energie-Häuser wie das von Lucas Neddermann, die vor allem im Sommer die überschüssige Energie ins Netz einspeisen. Aber ein Haus, das sich übers ganze Jahr komplett selbst versorgt, das gibt es allenfalls in Einzelfällen, wenn ein findiger Architekt oder Ingenieur das für sich geplant hat. Schlüsselfertig vom Bauträger ist es eine Neuheit. Neddermann sagt: „Wir werden in Asperglen das erste energieautarke Einfamilienhaus bauen, das man mit Geld kaufen kann.“

So funktioniert das „Power-to-Gas-Haus“

Das „Power-to-Gas-Haus“ funktioniert so: Wenn die Sonne im Sommer ordentlich vom Himmel bratzelt, produziert die Fotovoltaikanlage auf dem Dach einen satten Energieüberschuss. Der fließt zunächst, wie im Plus-Energie-Haus, in eine Speicherbatterie. Von dort wird sie nach und nach abgezogen und mit einem Elektrolyseur umgewandelt in Wasserstoff. Zauberei? Nein, Chemie: Im Elektrolyseur wird mit Hilfe der Energie vom Sonnendach Wasser (H2O) in seine Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff zerlegt. Der Wasserstoff fließt dann in Gasflaschen und bildet dort den Vorrat, von dem das „Power-to-Gas-Haus“ im Winter zehrt. Ist dann nicht genügend Sonnenenergie da, wird sie über eine Brennstoffzelle aus dem Wasserstoff erzeugt.

Eine Schwachstelle dieses Transformationsprozesses ist, dass dabei viel von der Energie-Ausgangsmenge verloren geht. „40 bis 50 Prozent bleiben in Form von Abwärme auf der Strecke“, sagt Lucas Neddermann. Jedoch: „Die nutzen wir, um damit das Haus zu beheizen.“

Diese Idee, ein energieautarkes Haus zu bauen und schlüsselfertig auf den Markt zu bringen, hatte Lucas Neddermann vor Jahren, als er sich nach dem Architekturstudium selbstständig machte. „Wir mussten aber feststellen, dass das technisch noch nicht möglich war.“ Deswegen hat er mit den Experten aus verschiedenen Fachbereichen erst einmal daran gearbeitet ein Haus zu entwickeln, das wirtschaftlich unabhängig ist, das heißt, seinen Bewohnern keine Energiekosten verbraucht, und zwar weder für Strom noch für Wärme. Wichtig war ihm beim Plus-Energie-Haus – und später auch beim Power-to-Gas-Haus – dass architektonisch und bei der Wohnqualität keine Abstriche gemacht werden müssen. „Das Produkt soll gefällig sein“, sagt Lucas Neddermann. Er denkt bei allem Idealismus auch unternehmerisch: Damit sich ein Haus verkauft, muss es gefällig sein.

Und der Preis? „Das Haus ist absolut konkurrenzfähig“, sagt Lucas Neddermann. Etwa 20 000 Euro, müsse man gegenüber einem Haus im Mindestenergiestandard drauflegen. Das habe sich aber nach zehn bis zwölf Jahren amortisiert. „Eine ganz konventionelle Rechnung“, sagt er. „Ich behaupte, dass der Großteil der Kunden vor allem aufs Geld guckt.“ Das Haus kaufe niemand, weil es so umweltfreundlich sei, sondern aus wirtschaftlichen Gründen. Da kann es eben punkten, weil die Bewohner keine Energiekosten haben und durch die Einspeisung ins Netz sogar einen Gewinn erwirtschaften können.

Das Power-to-Gas-Haus ist in dieser Hinsicht noch nicht so weit. „Dieses Haus ist nicht wirtschaftlich“, sagt Lucas Neddermann. Jemand, der das kaufe, müsse das aus ökologischen Gründen tun oder weil es ihm wichtig ist, energieautark zu leben. Das werde sich aber ändern. „In zehn Jahren wird das wahrscheinlich jeder Zweite bauen.“ Schon jetzt wäre das so, wenn nicht ein entscheidender Faktor fehlen würde: „Stand heute muss man sagen, dass die Energie einfach noch zu billig ist.“ Aber: „Wir merken deutlich, dass ein Umdenken stattfindet und die Leute immer bewusster mit dem Thema umgehen.“

Das Bemerkenswerteste an diesem Haus ist, dass man ihm seine bemerkenswerten Eigenschaften nicht auf den ersten Blick ansieht, und es daherkommt wie ein gewöhnliches Einfamilienhaus. Doch was der Remshaldener Bauträger Wohnwerke mit seiner Marke „Neubauten“ in Rudersberg vorhat, ist ein großer Sprung in die Zukunft: Im Ortsteil Asperglen soll ein Haus entstehen, das keine Energiezufuhr von außen mehr braucht, keinen Strom- oder Gasanschluss, das komplett energieautark ist, das heißt, seine

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