Remshalden

Remshalden: Michael Hagenmayer wandert auf eine Insel aus: "Ein großes Abenteuer"

Michael Hagenmayer
Michael Hagenmayer zeigt, wo er bald leben wird: „Ich möchte noch mal ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen.“ © Gabriel Habermann

Eins betont Michael Hagenmayer gleich am Anfang, das ist ihm wichtig: Er wandere nicht mit irgendeinem Groll aus, er sei kein „Querdenker“, der sich vom Staat ungerecht behandelt fühle. Nein, er möge sein Leben in Deutschland, er sei hier glücklich. Warum zieht es einen 57-jährigen Remstäler dann aber ans andere Ende der Welt auf die indonesische Insel Flores? Ein Teil der Antwort: Neugier und Abenteuerlust. Doch es gibt auch noch einen ganz praktisch-materiellen Grund.

Seit Wochen sitzt Michael Hagenmayer mehr oder weniger schon auf gepackten Koffern. Am 17. Januar geht sein Flug nach Indonesien. Sein Haus im Remshaldener Ortsteil Grunbach hat er verkauft, sein Auto auch schon. In seinem Wohnzimmer steht nur noch das Nötigste. Die Schrankwand dort, sagt er, die verschenke er, so wie seine anderen Möbel auch. Seit 25 Jahren lebt er hier. „Es ist natürlich schon hart. Man darf nicht sehr wehmütig sein, wenn man das alles ausräumt. Da wandern viele Dinge auf den Müll, die einem lieb und teuer waren.“ Wenn dieser Artikel erscheint, ist er bereits ausgezogen und wohnt vorübergehend bei seiner Familie in Schorndorf.

Auswandern wird er nur mit drei Koffern, ein paar Gitarren, etwas Technik dazu und zwei kleinen Mischpulten, die er braucht, um Musik aufzunehmen. Für Klamotten bleibe nur ein Koffer, sagt er. Einige persönliche Dinge wird er in seinem Elternhaus in Schorndorf einlagern, zum Beispiel eine Sammlung alter Kassetten mit Aufnahmen eigener Musik. „Da bringe ich es nicht übers Herz, die wegzuschmeißen.“

Zittern, ob die Einreisebestimmungen noch verschärft werden

Bevor sein neues Leben beginnt, muss Michael Hagenmayer auf Bali, wo er landet, erst einmal zehn Tage in einem Hotel in Quarantäne – nach heutigem Stand, denn er zittert bis zum Schluss, dass die Einreisebestimmungen wegen Corona nicht noch verschärft werden und im schlimmsten Fall eine Einreise gar nicht möglich ist.

Sein Ziel ist dann die Insel Flores, etwa 50 Flugminuten von Bali entfernt, die unter anderem bekannt ist durch den Homo floresiensis, einer Urmenschenart, die dort 2003 entdeckt wurde. Und durch den Komodo-Nationalpark, wo die gleichnamigen, riesigen Warane leben.

Wie kommt der im Remstal verwurzelte und durch seine Auftritte vielen bekannte Musiker und Gitarrenlehrer darauf, sich gerade auf dieser Insel im Indischen Ozean niederzulassen? Das kam so: „Ich habe einen alten Freund, mit dem ich in Schorndorf aufgewachsen bin“, erzählt er. Der Freund ging irgendwann aus beruflichen Gründen nach Malaysia und Michael Hagenmayer besucht ihn dort seitdem regelmäßig für mehrere Wochen in den Sommerferien. Zusammen sind die Freunde durch alle möglichen südostasiatischen Länder gereist und Hagenmayer war auch auf eigene Faust dort unterwegs. So kam er eines Tages auch nach Bali.

„Ich habe dort eine junge Frau kennengelernt“, erzählt er. Eine ganze Weile seien sie liiert gewesen, bis die Beziehung vor einem Jahr auseinandergegangen sei. Er habe inzwischen jedoch ein großes Netzwerk vor Ort, auch in der Familie seiner Freundin, und könne die Sprache einigermaßen sprechen, verstehen und lesen. Viele der Leute, die er kenne, seien auf der Insel Flores beheimatet.

"Ein wunderschönes, fast unberührtes Tauchparadies"

Als Wohnsitz hat sich Michael Hagenmayer Labuan Bajo rausgesucht, ein Hafenstädtchen am westlichen Ende der Insel. Der Ort sei etwa so groß wie Grunbach, sagt er, 5700 Einwohner. Dort sei alles vorhanden, was er brauche: Restaurants, Märkte, Bars, ein Flughafen. Auch ein paar Hotels gebe es, weil die Stadt der touristische Ausgangspunkt für Ausflüge in den Komodo-Nationalpark sei. „Das ist ein wunderschönes, fast unberührtes Tauchparadies“, sagt Michael Hagenmayer. Ja, sogar eines der schönsten Tauchgebiete, das er kenne, und er sei schon auf der ganzen Welt tauchen gewesen. Er wird sich in Labuan Bajo ein kleines Haus mieten, so sein Plan.

Mit seinem schmalen Budget komme er dort gut zurecht, sagt Michael Hagenmayer. Und das ist auch mit einer der Gründe für seine Auswanderung: „Es hat einen wirtschaftlichen Aspekt. Als Musiker gehört man natürlich nicht zu den Großverdienern. Da hätte ich schon eine echt armselige Rente in Deutschland, aber in Asien kann ich gut davon leben.“ Bis zur Rente komme er mit dem Erlös aus dem Verkauf seines Hauses in Grunbach über die Runden.

"Ich werde dort kein Leben in Saus und Braus führen"

Michael Hagenmayer sieht sich in einer glücklichen Situation. „Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die so etwas auch gerne machen würden. Aber die Lebensumstände müssen es eben hergeben.“ Er sei Single, habe keine Kinder, sein Vater sei noch rüstig und könne sich selbst versorgen. Das alles erlaube es ihm, jetzt den Schritt zu machen. „Ich werde dort kein Leben in Saus und Braus führen“, betont er. „Ich will dort ein ganz stilles Leben führen.“

Im Grunde, sagt er, sei er „ein total glücklicher Mensch“, er habe in Deutschland eine tolle Kindheit und ein schönes Leben gehabt. „Ich bin einfach neugierig. Ich möchte noch mal ein neues Kapitel in meinem Leben aufschlagen. Ich betrachte es als ein großes Abenteuer.“

Arbeiten, um Geld zu verdienen, will Michael Hagenmayer vorerst nicht. Dazu bräuchte er ein Arbeitsvisum in Indonesien. Das Rentnervisum, das er sich besorgen will, bekomme man in Indonesien für 700 Euro im Jahr ab 55. Das sei in dem Inselstaat das Renteneintrittsalter. „Die meisten Indonesier arbeiten in der Landwirtschaft“, berichtet Hagenmayer. „Ich habe Leute erlebt, die sehen mit 55 aus wie Greise. Die Lebenserwartung ist niedriger als in Deutschland.“

Seine Pläne: Gitarre in Bars spielen, als Tauchbegleiter arbeiten, soziale Projekte

Michael Hagenmayer sagt für sich aber auch: „Ich bin noch zu jung für die Hängematte. Ich fühle mich nicht als Rentner. Ich suche mir neue Ziele.“ Er kann sich vorstellen, mit Gitarre in Hotels oder Bars aufzutreten. Das habe er auf seinen Reisen schon immer wieder gemacht. Außerdem er denkt darüber nach, als Tauchbegleiter zu arbeiten.

In erster Linie hat er jedoch die Vision, ein soziales Projekt zu starten. Er denkt zum Beispiel an Gitarren- oder Englischunterricht für Waisenkinder. Und vor allem hat er die Idee, vor Ort Schwimmunterricht zu organisieren. „In Indonesien kann fast niemand schwimmen“, sagt er. Und das, obwohl viel Verkehr zwischen den Inseln mit Booten laufe. Deswegen komme es immer wieder zu so fatalen Unglücken auf See, bei denen viele Menschen sterben. Michael Hagenmayer schwebt vor, eine Stiftung oder einen Verein zu gründen, um Schwimmlehrer anzustellen, die den Kindern das Schwimmen beibringen, eventuell in Hotelpools, wenn diese für die Touristen gerade nicht gebraucht werden. Das könne er nicht selbst finanzieren, sondern wolle Spenden sammeln. Starten könne er das aber erst, wenn er vor Ort sei. Einen Namen hat er sich schon für sein Projekt ausgedacht: „Coco Bambu Kids Foundation“.

Keine Angst vor Erdbeben und Folgen des Klimawandels?

Zunächst muss er ohnehin erst einmal sein Leben organisieren, wenn er in seiner neuen Heimat ankommt. Ob er für immer dortbleibe, könne er jetzt noch nicht sagen, meint Michael Hagenmayer. Machen ihm das hohe Erdbebenrisiko, der Klimawandel, extremer werdende Regenfälle und die steigenden Meeresspiegel in seiner Inselwelt keine Sorgen? Der 57-Jährige ist in dieser Hinsicht keineswegs naiv. Er kennt die Auswirkungen des Tsunamis von 2004, der Indonesien besonders hart traf und 165.000 Todesopfer forderte. Von seinen Freunden in Malaysia weiß er, dass sie bewusst nach Häusern gesucht haben, die neun Meter über dem derzeitigen Meeresspiegel gebaut wurden. Er lese selbst viel über Ozeanografie. „Der Klimawandel ist natürlich eine Katastrophe für alle Inselstrukturen“, sagt er. Selbst hat er allerdings keine Angst davor, zum Flutopfer zu werden.

Dass er irgendwann nach Deutschland zurückkehrt, schließt er aber nicht aus. Aus Erfahrung weiß er, dass das viele Auswanderer im höheren Alter tun, wenn sie nicht mehr so beweglich sind und eine gute medizinische Versorgung brauchen. „Vielleicht habe ich dann mal Zeit, meine ganzen alten Kassetten anzuhören“, sagt Michael Hagenmayer.

Eins betont Michael Hagenmayer gleich am Anfang, das ist ihm wichtig: Er wandere nicht mit irgendeinem Groll aus, er sei kein „Querdenker“, der sich vom Staat ungerecht behandelt fühle. Nein, er möge sein Leben in Deutschland, er sei hier glücklich. Warum zieht es einen 57-jährigen Remstäler dann aber ans andere Ende der Welt auf die indonesische Insel Flores? Ein Teil der Antwort: Neugier und Abenteuerlust. Doch es gibt auch noch einen ganz praktisch-materiellen Grund.

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