Remshalden

Remshaldener Pilzexperte Manfred Hennecke warnt: 2021 ist das Jahr der Knollenblätterpilze

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Hier gut zu erkennen: Die Scheide, aus der der Stiel des Grünen Knollenblätterpilzes herauswächst. © Kölbl

Treffpunkt Waldspielplatz Buocher Höhe. Hier wartet Manfred Hennecke, Pilzkenner durch und durch. Rein geht’s in den Wald, runter von den vorgegebenen Wegen. Den Blick hält er immer auf den Boden gerichtet. Wer Pilze finden will, braucht scharfe Augen. Seit mehr als 50 Jahren kartiert und sammelt er Pilze, aber so etwas wie in diesem Jahr hat der Remshaldener noch nicht erlebt. „Es gibt so viele Knollenblätterpilze wie noch nie!“

Und die Medizinische Hochschule Hannover, die die Giftnotrufe sammelt, habe seit diesem Spätsommer 60 Prozent mehr Vergiftungen registriert als üblicherweise. Um davor zu warnen, hat er sich bei den Schorndorfer Nachrichten gemeldet. Eine ganze Gruppe hellgrüner Knollenblätterpilze hat er neulich im Wald entdeckt – das kommt selten vor, weiß er. Sonst stehen sie mal vereinzelt, vornehmlich neben Eichenbäumen, ihren Symbiose-Partnern. Woran diese Häufung liegt?

Pilze schießen wegen des feuchten Sommers aus dem Boden

Stefan Fischer von der Deutschen Gesellschaft für Mykologie (DGfM) erklärt auf telefonische Nachfrage: „Wir hatten eine große Feuchtigkeit im Sommer.“ Viele Flächen im Wald sind so wieder durchfeuchtet worden. Und dann geht alles ganz schnell. Das, was im Wald eines Tages so still und stumm als Pilz auftaucht, ist nämlich schon längst als Knospe unter der Erde im Wurzelgeflecht der Pilze angelegt.

Regnet es einmal richtig ausdauernd einen ergiebigen Landregen, dauert es bei entsprechender Wärme etwa noch fünf Tage, bis die Pilze sich aus dem Boden geschoben haben, erklärt auch Manfred Hennecke. Und das ist vor einigen Wochen genau so passiert. Das wiederum habe regional große Pilzvorkommen zur Folge.

Anteil an genießbaren Pilzen gering

Und dementsprechend häufiger treffen Pilzsammler so auch auf giftige Exemplare. Immerhin, so erklärt es Manfred Hennecke: Der Anteil an genießbaren Pilzen ist denkbar gering. „Angenommen, es gibt in Europa rund 5000 Pilzarten: An 4950 lauf ich vorbei“, sagt er, während er durch raschelndes Laub mitten im Wald, irgendwo zwischen Buoch und Birkmannweiler stapft.

Gerade mal gute zwei Dutzend Pilze gelten als schmackhafte Speise, einige mehr als essbar. Aber der Anteil an ungenießbaren oder gar giftigen Pilzen ist ungemein größer.

Keine Handy-App kann Pilze zuverlässig bestimmen

Gleichzeitig gebe es immer mehr Menschen, die mit einer Handy-App ausgerüstet in den Wald drängten, um so Pilze zu bestimmen. „Das ist völlig unmöglich“, warnt er. Jeder einzelne Pilz könne ganz unterschiedlich aussehen, je nachdem, wie lange er schon steht, ob es zuvor Niederschlag gab oder nicht. Wer in die Pilze geht, so rät er, sollte vorher einen anständigen Kurs absolviert haben. „Sonst haben Sie verloren.“

Kleine Unaufmerksamkeit kann tödlich enden

Denn ein kleiner Fehler kann beim Pilzefinden außerordentlich gefährlich enden. Hennecke bleibt stehen. „Da sind sie“, sagt er und geht in die Knie. Er hat die Gruppe der giftigen Pilze wiederentdeckt. Er dreht einen Knollenblätterpilz aus dem Boden. Mit seinem Messerchen, das er flink aus der Tasche seiner Funktionsjacke zieht, schneidet er ein etwa ein Quadratzentimeter großes Stückchen ab.

„Das reicht für Sie.“ Gelangt das kleine Bröckchen in eine Pilzpfanne, wird’s voraussichtlich tödlich enden. Das Tückische: Geschmacklich fällt der extrem giftige Pilz nicht auf. Die ersten Beschwerden setzen erst nach etwa sechs bis 20 Stunden mit Übelkeit, Erbrechen, krampfartigen Bauchschmerzen und Durchfall ein. Doch wenn das Gift auf diese Weise seine Wirkung zeigt, hat es sich bereits im ganzen Körper verteilt.

„Das Gift braucht drei Tage, bis es die Leber angegriffen hat, dann ist sie ganz durchlöchert.“ Ist es einmal so weit, kann keiner mehr helfen.

Wichtigste Regel: Niemals einen Pilz mit dem Messer abschneiden

Drum rät er Pilzsuchern, bei jedem einzelnen Pilz schon im Wald den Giftigkeitscheck zu machen und nicht vor lauter Gier Pilz um Pilz ungeprüft in den Korb zu stapeln. Die Wurzelgeflechte von Pilzen können sich über weit mehr als 20 Meter erstrecken. Allein wegen eines Standortes beispielsweise könne man nie unterscheiden, ob es sich um einen Wiesenchampignon oder einen Grünen Knollenblätterpilz handle, der an sich in Eichensymbiose wächst.

„Bei Pilzen muss man sich zu 110 Prozent sicher sein.“ Wie man ausschließen kann, dass es sich um einen Grünen Knollenblätterpilz handelt?

Punkt 1: Den Pilz nicht abschneiden, sondern vorsichtig herausdrehen. Auf diese Weise bleibt auch der untere Teil des Pilzes erhalten, der für die Bestimmung wichtig ist. So wächst der Stiel des Knollenblätterpilzes aus einer Scheide heraus. Diese grenzt sich durch einen schmalen Rand von dem Pilzfuß ab. Beim Wiesenchampignon, mit dem der Giftpilz leicht verwechselt werden kann, fehlt sie.

Punkt 2: Die Lamellen. Spritzen kleine Teile von ihnen ab, während man leicht mit dem Messer an ihnen entlang um den Pilzhut entlangfährt, liegt die Vermutung nahe, dass es sich um den giftigen Knollenblätterpilz handelt. Und: Die Lamellen des Knollenblätterpilzes sind weiß bis blassgrün, die des Champignons rosa bis kakaobraun. Deshalb empfiehlt Hennecke den Hut eines vermeintlichen Champignons quer aufzuschneiden, um auch dahingehend sichergehen zu können.

Punkt 3: Apfelbruch. Der giftige Pilz bricht in größeren Flächen auseinander. Andere Pilze würden faserig auseinanderbrechen – wie ein Rhabarber oder Stangensellerie.

Punkt 4: Geruch. Der Knollenblätterpilz riecht nach Kartoffelkeller.

Punkt 5: Manschette. Der Giftpilz hat eine Manschette am oberen Ende des Stiels. Das sind Überreste des Velums. Das ist die Hülle, in der der noch junge Pilz anfangs noch steckt, wenn er sich aus der Erde schiebt. Diese Haut reißt aber auf, wenn der Schirm sich aufspannt. Ihre Reste bleiben an Stiel hängen und bleiben auch als kleine Fetzen auf dem Schirm zurück.

Treffpunkt Waldspielplatz Buocher Höhe. Hier wartet Manfred Hennecke, Pilzkenner durch und durch. Rein geht’s in den Wald, runter von den vorgegebenen Wegen. Den Blick hält er immer auf den Boden gerichtet. Wer Pilze finden will, braucht scharfe Augen. Seit mehr als 50 Jahren kartiert und sammelt er Pilze, aber so etwas wie in diesem Jahr hat der Remshaldener noch nicht erlebt. „Es gibt so viele Knollenblätterpilze wie noch nie!“

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Und die Medizinische Hochschule Hannover, die

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