Remshalden

Straße in Remshalden heißt weiter nach Hitler-Verehrerin

InaSeidel
In Geradstetten-Süd fungiert die NS-Dichterin Ina Seidel als Namensgeberin für eine Sackgasse. © Gaby Schneider

Ina Seidel – nach ihr wurde in den 70er Jahren eine Sackgasse in Remshalden-Geradstetten umbenannt. Die Straßen ringsum erinnern an Schiller, Lessing, Hauptmann, Stifter, Schubert. Eine durch und durch künstlerisch-illustre Runde? Nicht ganz.

Ina Seidel passt da nicht so recht hinein. Während nämlich die Verdienste ihrer namensgebenden Nachbarn unstrittig sind, fällt sie durch glühende Hitler-Verehrung in der Nazizeit aus der Reihe. Darauf hatte vor nicht allzu langer Zeit ein aufmerksamer Zeitgenosse Bürgermeister Reinhard Molt hingewiesen.

Daraufhin hatte die Gemeindeverwaltung zuletzt die 40 Anwohner-Haushalte der Seidel-Straße befragt, ob sie den Straßennamen behalten wollen. 17 stimmten dafür, einer dagegen. Die Mehrheit? Schwieg. Im Gemeinderat wurde daraufhin verkündet: Die Ina-Seidel-Straße soll ihren Namen behalten.

In etlichen Städten gab's Diskussionen zur Umbenennung von Seidel-Straßen

Immerhin soll das Straßenschild nun durch eine Erklärung zur Biografie der Autorin ergänzt werden. So hatte man das auch zuletzt mit der Ernst-Heinkel-Straße gelöst. Mit dieser Vorgehensweise ist die Gemeinde Remshalden übrigens nicht alleine. Quer durch Deutschland finden sich bis heute etliche nach Ina-Seidel benannte Straßen.

Nach Diskussionen um entsprechende Namensänderungen wurden vielen der entsprechenden Straßenschildern Informationstäfelchen hinzugefügt, die erklären, dass sie wegen ihres Wirkens in der NS-Zeit umstritten ist, sie sich aber in den Nachkriegsjahren von ihrer vorhergehenden Haltung distanziert hatte.

Aber wer war die Autorin eigentlich? Und wie sehr hat sie sich Hitler zugewandt? Ina Seidel (geboren 1885 in Halle) war eine glühende Verehrerin Adolf Hitlers. Zwar schrieb sie schon vor 1933 und machte sich als Autorin in einer Männerdomäne einen Namen – dies übrigens noch mit christlich-humanistischen Themen. Doch nach ‘33 änderte sich etwas Entscheidendes. Sie dichtete Lobeshymnen auf Hitler, schrieb Kriegsgedichte, wurde zu einer der bestverlegten Autorinnen in der Nazizeit.

Ina Seidel: „Treueste Gefolgschaft“ Hitlers

1933 unterzeichnete sie das „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ zusammen mit 88 anderen Mitgliedern der „Preußischen Akademie der Künste“. 40 Künstler – unter ihnen Ricarda Huch, Max Liebermann, Thomas Mann, Franz Werfel und Arnold Schönberg – wurden etwa zeitgleich zum Austritt genötigt oder ausgeschlossen.

Gedichte für Soldaten im Feld

Im „Neuen Wiener Tageblatt“ lobte sie 1939 Hitler als den „Eine[n], über dessen Haupte die kosmischen Ströme deutschen Schicksals sich sammelten, um sich geheimnisvoll zu stauen und den Kreislauf in unaufhaltsam mächtiger Ordnung neu zu beginnen.“

1941 dichtete sie für die Soldaten im Feld: „Doch auch wenn ihr vorgeht, immer treten/Wir mit an, ob ihr uns gleich nicht schaut.“ Sie verklärte und verherrlichte den Krieg in diesen Versen, die in etlichen Zeitungen gedruckt und mit zahllosen Feldpostbriefen an kämpfende Söhne gesendet wurden, wie es Anatol Regnier in seinem Buch „Jeder schreibt für sich allein. Schriftsteller im Nationalsozialismus“ erklärt.

Schwärmerisches Gedicht: „Lichtdom“ verherrlicht Hitler

Und er merkt an: „Ina Seidel liest Zeitung, hört Radio. Sie hat den Abriss der Münchner Hauptsynagoge [...] erlebt“, sie muss wahrgenommen haben, dass in Starnberger Gaststätten die Bewirtung von Juden bei Androhung der Schließung verboten wurde. Dennoch verehrt sie Hitler weiter, widmet ihm 1944 gar das schwärmerische Gedicht „Lichtdom“. Darin schreibt sie: „Hier stehn wir alle einig um den Einen,/und dieser Eine ist des Volkes Herz“.

Solche Zeilen gefielen Hitler, schmeichelten ihm. Sie festigten den Führer-Kult, seine Vorstellung von der gesellschaftlichen Ordnung. Und so wurde Ina Seidel 1944 von ihm persönlich, in die „Gottbegnadetenliste“ der angeblich wichtigsten zeitgenössischen deutschen Schriftsteller aufgenommen. Damit wurden sie als unersetzbar geadelt und von jedem Dienst an der Front oder in der Rüstungsindustrie verschont.

Auch nach 1945 gab's für Seidel noch reichlich Ehrungen

Was nach 1945 politisch passierte, ist bekannt. Was mit den von Hitler Geehrten geschah? Ihre Bücher blieben zunächst in den Wohnzimmerschränken stehen. Seidel wurde sogar noch weiter geehrt: Den Wilhelm-Raabe-Preis erhielt sie 1948.“ In der Laudatio kommt der Nationalsozialismus nicht einmal vor, als ob es keine Toten, keine Judenvernichtung gegeben hätte“, ordnet Prof. Dr. Thomas Schmidt, der im Deutschen Literaturarchiv Marbach die Arbeitsstelle für literarische Museen und Gedenkstätten in Baden-Württemberg leitet, auf Anfrage unserer Redaktion ein.

Es folgten noch viele Auszeichnungen, darunter 1964 der Bayerische Verdienstorden. Zwei Jahre später erhielt sie das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland. Und: Zahlreiche Straßen, Schulen, Denkmäler wurden nach ihr benannt. „Sie war damals sehr bekannt“, weiß der Literaturwissenschaftler. Längst ist das anders geworden. Heute sagt der Name nur noch wenigen Deutschen etwas. Gelesen werden ihre Werke nicht mehr. Immerhin hat aber die Literaturwissenschaft die Verblendung der Autorin herausgearbeitet.

Wer eine Straße nach einer Person benennt, bekennt sich zu ihr

Deshalb findet Schmidt die Lösung des Problems mittels eines kommentierten Straßenschildes problematisch. „Straßennamen und Denkmäler sind immer Bekenntnisse, Ehrungen. Wenn man eine Straße nach einer Person benennt, identifiziert man sich unweigerlich mit ihr.“ Abgesehen davon befinde man sich aktuell in einer radikalen Umbruchsituation das kollektive Gedächtnis betreffend.

Vor 20 bis 25 Jahren habe die Debatte darüber begonnen, was in Erinnerung bleiben soll und was nicht. Heute sei das noch immer umkämpft. Ein Straßenname bleibe aber auf jeden Fall im Gedächtnis. „Und will man sich zu jemandem bekennen, der für seine glühende Hitler-Verehrung und kriegsverherrlichenden Gedichte bekannt war?“

Prof. Dr. Thomas Schmidt: „Gemeinde hat eine Verantwortung“

Ein hinzugefügter Kommentar unter dem Straßenschild reicht für seine Begriffe nicht aus. „Jeder, der diese Adresse auf einen Briefumschlag schreibt, schreibt nicht den Kommentar zum Schild hin, sondern den Namen der „Geehrten“. Und der wird so ins kollektive Gedächtnis eingeschrieben.“ Umbenennungen gehörten deshalb noch immer zum erinnerungspolitischen Geschäft dazu. In jedem Fall brauche es eine öffentliche Debatte, eine nachhaltige Aufklärung der Remshaldener Bürger, um auch die kritischen Aspekte dieser Namenspatronin ins kollektive Gedächtnis einzuschreiben.

Wie er den bislang recht geräuschlosen Umgang der Gemeinde mit dem Fall findet? „Bei so einer wichtigen erinnerungspolitischen Sache reicht es nicht, nur die Anwohner zu befragen!“ Die Bezeichnung ihrer Straße könne Bürgern womöglich gleichgültig sein oder eine Selbstverständlichkeit, auch eine Gewohnheit, die ungern abgelegt werde. Die Gemeinde aber habe auch eine ethische Verantwortung, müsste darauf achten, welche Zeichen sie setze.

Ina Seidel – nach ihr wurde in den 70er Jahren eine Sackgasse in Remshalden-Geradstetten umbenannt. Die Straßen ringsum erinnern an Schiller, Lessing, Hauptmann, Stifter, Schubert. Eine durch und durch künstlerisch-illustre Runde? Nicht ganz.

Ina Seidel passt da nicht so recht hinein. Während nämlich die Verdienste ihrer namensgebenden Nachbarn unstrittig sind, fällt sie durch glühende Hitler-Verehrung in der Nazizeit aus der Reihe. Darauf hatte vor nicht allzu langer Zeit ein

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