Remshalden

Zehn Jahre Remstalwerk: Wilde erste Jahre und neue Pläne für die Energiewende

Remstalwerk
Geschäftsführerin Gabriele Laxander im Lager des Remstalwerk-Betriebshofs im Gewerbegebiet Breitwiesen in Remshalden. © Gaby Schneider

Es war beim Remstalwerk von Anfang an viel Druck auf dem Kessel, Gründung und erste Jahre waren geprägt von Rückschlägen und Nervosität. Und dann waren da noch die Jahre 2017/18, in denen viele Stromausfälle für Ärger sorgten. Inzwischen hat Geschäftsführerin Gabriele Laxander die von Remshalden, Winterbach, Urbach und Kernen gegründete Firma in ruhiges Fahrwasser geführt. Sie hat jetzt schwierige Herausforderungen vor sich, kann aber zum zehnjährigen Bestehen selbstbewusst über den Zustand des Remstalwerks sprechen und zuversichtlich nach vorne blicken.

Keine neuen Strom- und Gaskunden

Derzeit nimmt das Remstalwerk, wie eigentlich alle Energieunternehmen außer den Grundversorgern keine neuen Strom- und Gaskunden mehr auf. Wegen der extremen Preissteigerungen regiert Zurückhaltung beim Einkauf von Strom- und Gasmengen.

Aber das kann nur ein vorübergehender Zustand sein. Für die Bestandskunden sei man bis 2023 noch eingedeckt, sagte Gabriele Laxander unserer Zeitung Ende August. Aber irgendwann müsse man auch für die wieder einkaufen, auch wenn es teuer werde – was dann auch auf steigende Preise für alle Kunden hinauslaufe. Mit einer Eigenkapitalquote von mehr als 40 Prozent habe das Remstalwerk auf jeden Fall eine solide wirtschaftliche Basis, sagt die Geschäftsführerin.

Die zweite Herausforderung ist die Energiewende. Der Wunsch, das mit einem eigenen Kommunalwerk auf lokaler Ebene besser vorantreiben zu können, war unter den Argumenten für die Gründung vor zehn Jahren. Große Sprünge hat das Remstalwerk in dieser Hinsicht bis jetzt nicht gemacht, zu groß waren wohl auch die Pflichtaufgaben. Nun steht es aber vor dem Einstieg in neue Geschäftsfelder.

Wird das Remstalwerk mehr in erneuerbare Energien investieren?

Eines ist auf jeden Fall schon mal sicher: Das Remstalwerk wird nie eigene Windräder bauen, obwohl davon vor zehn Jahren mancher auch schon geträumt haben mag. Gabriele Laxander sagt ganz klar: „Das ist eine Nummer zu groß.“ Ein Windrad bedeute eine Investition von drei bis vier Millionen Euro, das sei nicht zu machen. Vorstellbar seien aber finanzielle Beteiligungen an Windrädern, zum Beispiel über die Stadtwerke Fellbach oder die Alb-Elektrizitätswerke Geislingen, die ihrerseits zu den Mitgesellschaftern des Remstalwerks gehören.

Gabriele Laxander strebt außerdem eine Beteiligung an der „Route de Soleil“ an, also an der Idee, entlang der B 29 von Essingen bis Fellbach Photovoltaikanlagen aufzubauen.

Was das Remstalwerk jetzt schon macht: Es schließt Verträge mit Leuten, die alte Photovoltaikanlagen auf dem Dach haben, bei denen die EEG-Förderung ausgelaufen ist und nimmt diesen den überschüssigen Sonnenstrom ab. Diesen könne man dann als Regiostrom vermarkten, sagt Gabriele Laxander. Wer sich mit seiner Photovoltaikanlage für dieses Modell interessiert, der kann sich beim Remstalwerk melden.

In Zukunft könnte in Sachen Solarenergie beim Remstalwerk aber noch mehr gehen. Dazu habe es schon Gespräche mit dem Aufsichtsrat, in dem auch die Vertreter der Kommunen sitzen, gegeben, um sich abzustimmen, wie und wo das Unternehmen in Sachen Energiewende mehr machen könne, sagt Gabriele Laxander. Es gehe neben Photovoltaik auch um Themen wie Wärmepumpen, Speicher, oder Wallboxen für die E-Mobilität. Auch das weitere Engagement im Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur sei ein Thema.

Ist das Stromnetz für die E-Mobilität und die Energiewende gerüstet?

Wie steht es um die Basis für Mobilitäts- und Energiewende, wie sind die Stromnetze in den Gemeinden gerüstet für eine steigende Zahl der Elektrofahrzeuge, Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen? Dazu sagt Gabriele Laxander: „Das Mittelspannungsnetz sehen wir sehr gut gerüstet.“ Es gehe nun eher um das Niederspannungsnetz, also den Teil des Netzes, der den Strom an die Endverbraucher verteilt und in die heimischen Steckdosen bringt – oder eben in die Wallboxen fürs Elektroauto. Da sei man an Potenzialanalysen, versuche zum Beispiel abzuschätzen: Wie viel Photovoltaik kommt, wie viele Speicher, wie viele Elektroautos, wie viele Wärmepumpen?

Wie steht das Remstalwerk heute insgesamt da?

Knapp 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zehn Jahre nach der Gründung beim Remstalwerk beschäftigt. Es hat rund 7500 Strom- und 1600 Gaskunden in den Gesellschaftergemeinden Remshalden, Winterbach, Urbach und Kernen.

2014 hat das Remstalwerk die Straßenbeleuchtung von den Kommunen übernommen und kümmert sich seitdem darum. Dazu gehört, dass die Beleuchtung auf LED-Technik umgerüstet wird. In Winterbach, Rohrbronn und Teilen von Urbach ist das schon passiert, im Rest des Gebiets ist es für die kommenden Jahre geplant. Außerdem haben die Gemeinden dem Remstalwerk 2016 die technische Betriebsführung für das Wassernetz übertragen.

12,3 Millionen Euro Eigenkapital hat das Remstalwerk inzwischen, das heißt, so viel haben die vier Gemeinden mit den drei weiteren Gesellschaftern, den Stadtwerken Schorndorf und Fellbach sowie dem Alb-Elektrizitätswerk Geislingen schon in das Unternehmen gesteckt. 2017 hat das Remstalwerk zum ersten Mal einen kleinen Gewinn erwirtschaftet. Seit 2018 gibt es eine Gewinnausschüttung, immer zwischen 300.000 und 500.000 Euro, sagt Geschäftsführerin Gabriele Laxander, die unter den Gesellschaftern aufgeteilt wird.

Damit ist das erreicht, was sich die Gründerväter des Remstalwerks als einen zentralen Punkt versprochen haben: dass aus dem Stromnetz und dem kommunalen Unternehmen Geld in die Kernhaushalte der Gemeinden zurückfließt. Gemessen an den Gewinnausschüttungen liege die Verzinsung bei einem Wert zwischen 2,5 und vier Prozent, sagt Gabriele Laxander. Gemessen am Gewinn des Gesamtunternehmens, den das Remstalwerk erzielt, seien die 8,5 Prozent tatsächlich erreicht, die vor der Gründung prognostiziert worden seien.

Welche Schwierigkeiten gab es vor der Gründung und in den ersten Jahren?

Eine „Frechheit“, ein „Affront“ – solche wütenden Reaktionen mussten sich die Weinstädter Stadträte im Frühjahr 2012 von den Remshaldener Ratskollegen anhören. Die Weinstädter hatten kurz vor Torschluss einen Rückzieher gemacht und entschieden, nicht beim Remstalwerk mitzumachen, sondern das örtliche Stromnetz an die eigenen Stadtwerke zu verpachten und mit der EnBW zu kooperieren.

Nachdem zuvor schon Rudersberg und Plüderhausen andere Wege eingeschlagen hatten, war der Weinstädter Rückzug ein Erdbeben, das die Gründungspläne ins Wanken brachte. „Das war ein Schlag“, sagt Geschäftsführerin Gabriele Laxander. Mit Weinstadt hätte man von Kernen bis Winterbach ein durchgängiges Netz gehabt. Die Entflechtung, das Heraustrennen aus dem Netz der EnBW, wäre einfacher und günstiger gewesen.

Aber die vier verbliebenen Kommunen zogen die Sache durch. Die Abstimmungen zur Gründung gingen in den Gemeinderäten mit großen Mehrheiten über die Bühne.

Die Skeptiker und Kritiker, die es auch gab, fühlten sich danach jedoch zunächst bestätigt. 3000 Stromkunden waren bis 2014 als Ziel ausgegeben. Aber bis Ende 2016 waren es gerade mal 2500. Erst zum Jahreswechsel 2016/17 konnte das Remstalwerk das Netz von der EnBW übernehmen – ein Jahr später als geplant. Das heißt, die Einnahmen aus den Konzessionsabgaben flossen auch später. Zudem fielen sie durch die Verzögerung für die Jahre danach geringer aus. Dennoch: Mit der Netzübernahme wurde das Remstalwerk vom Stromverkäufer zum Netzbetreiber, ein Meilenstein war erreicht, der Blick ging nach vorn – und dann kamen die Stromausfälle.

Was hat sich nach den Stromausfällen 2017/18 getan?

2017 und 2018 waren zwei Seuchenjahre für das Remstalwerk. Nach einer Reihe von Stromausfällen, die immer wieder vor allem Kernen betrafen, setzte die Nacht vom 12. auf den 13. November 2018 dem Ganzen die Krone auf: Sieben Stunden lang waren manche Kernener Haushalte ohne Strom. Für viele lag der Schluss nahe: Das Remstalwerk kriegt es nicht auf die Reihe und ist mit dem Netzbetrieb überfordert. Kritik gab es dazu auch an der Informationspolitik.

Als Fazit ließ sich festhalten: Die Stromausfälle an sich waren dem Remstalwerk kaum anzukreiden, so frisch, wie es das Netz übernommen hatte. Aber kritische Fragen zur Dauer insbesondere des siebenstündigen Ausfalls waren absolut berechtigt. Im Rückblick muss man sagen: Gerade im Umgang mit dieser Krise und den Entscheidungen in der Folge zeigte sich eine Stärke des Remstalwerks: eine große Wendigkeit und die Fähigkeit, schnelle, punktgenaue Entscheidungen zu treffen.

Auf das Problem, dass die Menschen, die im Dunkeln saßen, niemand erreichten und keine Infos bekamen, was los ist, reagierte das Remstalwerk durch eine Kooperation mit den Stadtwerken Baden-Baden und der Einrichtung einer 24-Stunden-Hotline. Außerdem werden die Techniker, die rausfahren, um bei Ausfällen die Fehler zu suchen und das Netz wieder funktionsfähig zu machen, inzwischen von einer Leitwarte der Alb-Elektrizitätswerke in Geislingen aus zielgerichtet geleitet und müssen nicht lange herumfahren und suchen. „Das spart Zeit“, sagt Gabriele Laxander.

Zugleich wurde die Investitionstätigkeit ins Netz deutlich verstärkt, vor allem in Kernen, das sich als „Achillesferse“ herausgestellt hatte, wie Gabriele Laxander sagt. Rund drei Millionen Euro steckt das Remstalwerk jedes Jahr ins Netz. Dazu gehörte nach der Ausfallkrise 2017/18 eine umfassende Netzanalyse, um mögliche Schwachstellen ausfindig zu machen, die dann systematisch angegangen wurden. Das Gewerbegebiet in Rommelshausen hat seitdem zum Beispiel vier statt zwei Zuleitungen. Man habe außerdem geschaut, wo man Knotenpunkte entflechten könne, sagt Gabriele Laxander, damit bei Ausfällen die Kettenreaktionen nicht so groß seien.

Vom Umspannwerk der Netze BW in Endersbach wurden neue Leitungen nach Grunbach gelegt und ein neues Schalthaus gebaut. Im März 2022 konnte so beim Ausfall von gleich beiden Leitungen, die auf der anderen Seite zwischen dem Umspannwerk in Schorndorf und Winterbach verlaufen, die Versorgung relativ schnell wieder hergestellt werden.

Welche Vorteile sehen die Gemeinden im Remstalwerk?

Beim Bau der neuen Leitungen zwischen dem Umspannwerk in Endersbach und Grunbach konnte das Remstalwerk im Besonderen zeigen, dass es die Erwartungen vor der Gründung erfüllt: flexibel, schnell und passgenau auf die Bedürfnisse der Kommunen reagieren zu können.

In Remshalden lief damals die Vermarktung für das neue Gewerbegebiet Breitwiesen. Interesse hatte auch die Firma PTS, die Antriebsstränge von Fahrzeugen testet und dabei zunehmend natürlich Elektromotoren und Batterien. Für die Tests braucht die Firma viel Energie – und so kam, als eigentlich die Anbindung des Gewerbegebiets schon fertig geplant war, plötzlich die Frage ans Remstalwerk: Könnt ihr zehn Megawatt mehr Leistung liefern? „Wir haben es innerhalb von drei Wochen geschafft, eine Zusage zu geben“, sagt Gabriele Laxander.

In Remshalden sagen viele: Das hätte der schwerfällige Riese EnBW so schnell und unkompliziert nie hinbekommen. Hätten wir das Remstalwerk nicht gehabt, dann hätte PTS nicht bei uns gebaut.

Neben dem ganz nackten, finanziellen Aspekt, dass inzwischen nach den schwierigen Anfangsjahren Teile des Gewinns zurückfließen in die Gemeindehaushalte, gibt es weitere Pluspunkte, die die Kommunen am Remstalwerk schätzen: die Erreichbarkeit vor Ort auch für Kundinnen und Kunden, Bürgerinnen und Bürger. Und: Es gibt die vielbeschworenen „Synergien“ durch die Übernahme der Straßenbeleuchtung und der Betriebsführung beim Wassernetz. Es muss sich zum Beispiel nicht mehr jede Gemeinde eigene Wassermeister leisten, eigene Technik und Fahrzeuge halten.

Wie feiert das Remstalwerk am Sonntag?

An diesem Sonntag, 18. September, feiert das Remstalwerk sein Jubiläum von 13 bis 17 Uhr mit einem Familienfest.

In der Geschäftsstelle in der Stuttgarter Straße in Remshalden-Grunbach ist Tag der offenen Tür. Mit einem Shuttlebus können Interessierte zu Besichtigungstouren zum Umspannwerk in Winterbach oder zu einem Wasserhochbehälter in Remshalden aufbrechen.

Im Betriebshof in der Riedstraße 67 in Remshalden-Grunbach gibt es Essen und Trinken, lokale Vereine und Betriebe bewirten. Jeder Besucher erhält zwei Verzehrgutscheine. Für Kinder gibt es eine Hüpfburg, Schminken, Popcorn und ein Glücksrad mit Sofortgewinnen. Für Unterhaltung sorgt DJ Konstantinos Matzios.

Es war beim Remstalwerk von Anfang an viel Druck auf dem Kessel, Gründung und erste Jahre waren geprägt von Rückschlägen und Nervosität. Und dann waren da noch die Jahre 2017/18, in denen viele Stromausfälle für Ärger sorgten. Inzwischen hat Geschäftsführerin Gabriele Laxander die von Remshalden, Winterbach, Urbach und Kernen gegründete Firma in ruhiges Fahrwasser geführt. Sie hat jetzt schwierige Herausforderungen vor sich, kann aber zum zehnjährigen Bestehen selbstbewusst über den Zustand

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