Rudersberg

August Lämmle: Kritik an Historiker-Gutachten zur Rolle des Dichters im Nationalsozialismus

Grundschule Steinenberg
Die Umbenennung der Steinenberger Grundschule ist bereits beschlossene Sache. © Benjamin Büttner

Die Entscheidung zur Umbenennung der August-Lämmle-Schule in Steinenberg ist längst gefallen. Ende April hat der Gemeinderat dies einstimmig beschlossen. Ob auch die nach dem Volkskundler und Dichter benannte Straße im Rudersberger Ortsteil einen neuen Namen bekommen soll, ist indes noch nicht geklärt. Auch in Schorndorf hat die AfD-Fraktion jüngst die Umbenennung des August-Lämmle-Wegs gefordert.

Angestoßen wurde diese Diskussion von einem Gutachten des Historikers Dr. Peter Poguntke (hier nachzulesen als PDF), der im Auftrag der Stadt Leonberg die Rolle Lämmles im Dritten Reich untersucht hat – und dabei zum Schluss kam, dass der 1962 verstorbene Dichter wegen seiner Äußerungen in der NS-Zeit nicht als Namensgeber für eine Schule infrage komme. Eine Umbenennung von Straßen hat er jedoch nicht für notwendig erachtet.

Dr. Ursula Fink, eine weitläufige Verwandte August Lämmles aus Großbottwar, kritisiert nun diese Studie als „miserabel“. Zu sehr würde sie mit Deutungen und Vermutungen arbeiten. Sie wirft Poguntke vor, mit dem Werk des Dichters gar nicht wirklich vertraut zu sein – und Aspekte, die für ihn sprechen, erst gar nicht berücksichtigt zu haben.

Sie kritisiert außerdem, dass die in dem Gutachten genannten Vorwürfe gar nicht neu seien. Insbesondere das während des Dritten Reiches geänderte Vorwort zu seinem Werk „Herz der Heimat“, in dem er Hitler als „den gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen“ sowie als „Marschall Vorwärts“ bezeichnete, sei bereits im Spruchkammerverfahren ausführlich thematisiert worden (was Poguntke auch erwähnt). Bei dem Entnazifizierungsprozess war Lämmle 1947 als „Mitläufer“ eingeordnet worden. Schon damals habe er sich von seinen Äußerungen distanziert. Im Rahmen des Verfahrens habe Lämmle sie als „bittere Pille“ bezeichnet. Und weiter: „Ich konnte nicht wissen (...), dass hinter diesem Menschen ein solch wahnsinniger Narr stecken konnte.“

Für Fink ist das Vorwort ohnehin nur im Kontext verständlich. Sie hält die Äußerungen für nicht so kritisch wie Poguntke. Der Dichter sei 1938 nach Österreich gereist und habe die euphorische Stimmung nach dem Anschluss ans Dritte Reich erlebt. „Das hat auf die Religiosität Lämmles eingewirkt“, meint Fink. Der starke schwäbische Pietismus habe ihn hier in seiner Gutgläubigkeit zur irrigen Annahme verführt, dass Gott den Deutschen mit Hitler einen Führer gab. Außerdem sei das Vorwort noch vor dem Krieg verfasst worden. (Erschienen ist es indes erst 1940). Poguntke fehle als Bayer wohl auch das Verständnis für den schwäbischen Pietismus, mutmaßt Fink.

Fink kritisiert, dass Entlastendes in dem Gutachten weggelassen wurde

Poguntke habe zudem Entlastendes aus der Biografie Lämmles nicht in sein Gutachten einfließen lassen. Etwa, dass er sich während der NS-Zeit für seinen jüdischen Kollegen Bernhard Blume bei der Reichsschrifttumskammer eingesetzt, und als dies nichts half, Geld für die Emigration nach Amerika gegeben habe.

„Ich kann nur den Kopf schütteln über diese Einseitigkeit“, sagt Fink, die sich auch gewünscht hätte, dass für das Gutachten Lämmle-Kenner zu Wort kommen. Der Freundeskreis August Lämmle in Oßweil, wo der Dichter geboren wurde, habe von der Diskussion etwa erst erfahren, als der Gemeinderat von Leonberg den Beschluss zur Umbenennung der nach dem Dichter benannten Schule bereits gefasst hatte.

Fink zweifelt an Korrektheit mehrerer Lämmle-Zitate

Und nicht zuletzt stört sich Fink daran, dass Poguntke in seinem Gutachten so starken Bezug auf Cornelius Renkl nimmt. Der ehemalige Leiter der KZ-Gedenkstätte in Leonberg ist ein linker Antifa-Aktivist „und als solcher allen, die nicht Widerstandskämpfer waren, feindlich gegenübergestellt“, vermutet sie.

Auch sät sie Zweifel an der Korrektheit mehrerer Lämmle-Zitate aus Zeitschriften und Zeitungen im Dritten Reich, auf die sich Renkl bezieht. Zumindest habe sie diese im Original noch nicht selbst überprüfen können. Etwa jenes Zitat von 1943 aus der Schwäbischen Zeitung: „Das Hauptpotenzial der deutschen Kraft und Leistung steckt im Glauben an sich selbst, an das deutsche Volk und die deutsche Kultur und an seinen Führer Adolf Hitler.“

Ist hier eine "Cancel Culture" am Werk?

Fink, die August Lämmle von Familienbesuchen als Kind noch in guter Erinnerung hat, fordert: „In die Debatte sollte wieder etwas mehr Ruhe reinkommen – und einiges vom Kopf auf die Füße gestellt werden“. Weil das Gutachten jetzt landesweit als Grundlage für Umbenennungsdebatten dient, hat sie sich an das Regierungspräsidium gewandt. Ursula Fink sieht hier nämlich eine „Cancel Culture“ am Werk, also den Versuch, unliebsame Namen aus der Öffentlichkeit zu entfernen. Und sie wirft dem Historiker Fehler beim Quellenstudium vor, da als Hauptquelle des Gutachtens ein Vortrag von Cornelius Renkl diene.

Peter Poguntke indes verteidigt sein Gutachten - und er verwahrt sich gegen Vorwürfe, wissenschaftlich nicht korrekt gearbeitet zu haben. „Es war nicht mein Job, eine Biografie über Lämmle zu schreiben, sondern dessen Zitate im Dritten Reich auf Authentizität zu überprüfen“, stellt er klar. Ursprünglicher Ausgangspunkt der Debatte in Leonberg sei ein Vortrag eines Mitglieds der KZ-Gedenkstätten-Initiative von 2005 gewesen. Darin kamen Äußerungen Lämmles zur Sprache, die der Antifa-Aktivist Renkl recherchiert hatte. Nach einem offenen Brief der KZ-Gedenkstätteninitiative zur Person Lämmle sei dessen Person wieder öffentlich diskutiert worden.

„Ich habe jedes Zitat überprüft“, sagt Historiker Poguntke

Daraufhin habe die Stadt das Gutachten in Auftrag gegeben. „Meine Recherchen haben ergeben, dass alle Zitate wahr sind. Dafür habe ich jedes Zitat in den Bibliotheken und Archiven quellenkritisch geprüft.“ Hat Renkl etwas dazugedichtet? „Nein, das hat er nicht getan“, betont Poguntke.

Der von Fink im „Oßweiler Blättle“ geäußerte Vorwurf (hier nachzulesen als PDF), er habe wegen der Corona-Pandemie die Archive gar nicht besuchen können, sei falsch. Als Historiker habe er schon viele solcher Aufträge erhalten. Aber noch nie sei die Angelegenheit so persönlich geworden wie im Fall des Gutachtens über Lämmle.

Auf der Seite des Lämmle-Freundeskreises etwa wird Poguntke in gleich zwei Gedichten, einmal auf Hochdeutsch, einmal auf Schwäbisch, geschmäht. Darin heißt es unter anderem: „Der Historiker Peter Poguntke / ist derzeit fast in aller Munde / aber, eventuell ist’s für ihn ein Spiel / und bekannt zu sein ist sein Ziel“. Oder „Von hender Minchen kommt ‘r her / schreibt ebbas zsamma, ohne Gwähr / moint, so ond so kennt ‘s gwäsa sei / ziagt Sach grad an de Hår herbei“. Das habe er schon als Kritik unter der Gürtellinie empfunden. Dass er seit 2020 in Neufahrn bei München wohne, sei zwar richtig, bis dahin habe er aber 21 Jahre in Stuttgart gelebt, wo er im Bereich Unternehmenskommunikation eines großen Konzerns tätig war.

Zuvor hatte Poguntke Stationen bei der Süddeutschen Zeitung und dem Bayerischen Rundfunk durchlaufen. Promoviert hat er an der Uni Stuttgart über die „Rotkreuzgemeinschaften im NS-Staat“. Derzeit arbeitet er noch als freier Journalist und Historiker. Poguntke war unter anderem als Gutachter mehrmals fürs Stadtarchiv Stuttgart tätig, unter anderem zum Thema „Straßenumbenennungen im Dritten Reich und nach 1945“. Er ist auch Verfasser des historischen Reiseführers „Stuttgart und die Region 1933 bis 1945“.

Der Pietismus als Ursache? Poguntke findet das „absurd“

Dass er mit der Region oder dem Pietismus nicht vertraut sei, weist der Historiker daher von sich. Die Annahme von Fink, dass Lämmle deshalb den Führer als Messias angesehen habe, hält Poguntke für „absurd“.

Der Historiker hätte nicht gedacht, dass sein Gutachten einen solchen Wirbel auslösen würde. Zumal er mit seiner Arbeit „sicher nicht hausieren gegangen“ sei. „Ich fahre ja nicht durchs Land und versuche, den Lämmle schlechtzumachen.“

Ursula Fink will indes nicht lockerlassen und um das öffentliche Bild ihres Vorfahren kämpfen. Denn mit Lämmles Zitaten aus den Jahren 1935 bis 1943 würden gerade einmal acht Jahre aus einem 85-jährigen Leben herausgeschnitten. Und das werde ihm und seinem Werk einfach nicht gerecht.

Die Entscheidung zur Umbenennung der August-Lämmle-Schule in Steinenberg ist längst gefallen. Ende April hat der Gemeinderat dies einstimmig beschlossen. Ob auch die nach dem Volkskundler und Dichter benannte Straße im Rudersberger Ortsteil einen neuen Namen bekommen soll, ist indes noch nicht geklärt. Auch in Schorndorf hat die AfD-Fraktion jüngst die Umbenennung des August-Lämmle-Wegs gefordert.

Angestoßen wurde diese Diskussion von einem Gutachten des Historikers Dr. Peter Poguntke

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