Rudersberg

„Der Heinz“ macht ihm und anderen Freude

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Zwei mit Humor und markanter Brille: Jürgen Bossert mit einem Bild des Komikers Heinz Erhardt. © Büttner / ZVW

Rudersberg. „Unter eines Baumes Rinde ...“ Oder „Fährt der alte Lord fort“: Kaum jemand, der die Gedichte und Sprüche von Heinz Erhardt nicht ergänzen kann. Jürgen Bossert sowieso. Der Kulturforums-Aktive sagt dies und ganze Reimwerke aus dem Gedächtnis auf. Durch eine Lesung beim Kulturforum kam er einst dazu, sich näher mit dem Komiker zu befassen. Inzwischen tritt er mit einem eigenen Programm auf. Wobei „der Heinz“, wie Bossert sagt, mehr zu bieten hat als nur etwas zum Lachen.

Schon als Jugendlicher hat Jürgen Bossert die Redensarten von Heinz Erhardt gekannt. „Seine Sprüche, die waren halt einfach gut.“ Der Humorist war in dieser Zeit in aller Munde. Heinz Erhardt, „in den 50er und 60er Jahren war das ‘ne Nummer.“

Soweit die frühe Begeisterung. Den Komiker wiederentdeckt hat Jürgen Bossert dann im Jahr 2009. Da hatte das Kulturforum auf Initiative von Anne Sommer eine Lesung zum 100. Geburtstag von Heinz Erhardt eingeladen. Jürgen Bossert, der frühere Lehrer am Rudersberger Schulzentrum und spätere Rektor in Alfdorf, ließ sich nicht lang bitten. Er suchte Gedichte heraus, kaufte Bücher, ein Manuskript entstand. 100 Besucher kamen zur Lesung in den Rathaussaal. „Das war dann die Begegnung mit dem Heinz.“

Und der Beginn einer, wenn man so will, erneuerten „Freundschaft“. Jürgen Bossert kam über Jürgen Wöhrle aus Schorndorf, einem Lehrer und Kulturbegeisterten, zu Vorträgen in einer Weinstube in der Daimlerstadt. An Themen herrschte kein Mangel: Schiller, Eugen Roth, schwäbische Weihnacht, und eben Heinz Erhardt. „Der Wirt kochte, die Leute tranken Wein, ich hab’ dann mein Ding gemacht.“ Sehr gemütlich ist’s zugegangen, erinnert sich Bossert.

Auch das Fernsehen war schon dabei

Über die Auftritte in der Weinstube wurde er empfohlen an Angelika Feuerbacher, die einst ein Dessous-Geschäft in Schorndorf betrieben hatte und ein Ein-Zimmer-Restaurant in Hohengehren eröffnet hat. Auch hier trat und tritt Jürgen Bossert mit seinem Heinz-Erhardt-Programm auf. Die Wirtin kocht dazu wie in den 60er Jahren, Russische Eier etwa, oder reicht eine Bowle „Kalte Ente“. „Dieser Heinz wurde da oben ein Renner.“ Zu Beginn des vergangenen Jahres kam sogar der Südwestrundfunk und zeichnete einen Beitrag auf, mitsamt dem Heinz-Erhardt-Programm.

Wenn Tische und Ambiente zur Wirtschaftswunder-Zeit passen, dann will auch der Vortragende nicht nachstehen. Sich passend zu kleiden, fällt Jürgen Bossert nicht schwer. Er hat 1965 geheiratet. „Der Hochzeitsanzug passt mir heute noch“. Eine rote Fliege gesellte sich dazu, die inzwischen extra angefragt wird. Fertig ist das gediegene, konservative Erscheinungsbild, das Heinz Erhardt auszeichnete.

Zwei Dinge sind’s, die Jürgen Bossert an dem Unterhaltungskünstler besonders gefallen. Da ist „natürlich seine Doppeldeutigkeit beim Umgang mit der Sprache“. Mit der geht Erhardt auch sehr kreativ um. Kleines Beispiel: der „Taucher“ von Schiller. „Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in diesen Schlund“, heißt’s im Original. Erhardt macht daraus: „Wer wagt es, Knappersmann oder Ritt, zu schlunden in diesen Tauch?“ Bei Schiller soll ein Jüngling auf Geheiß des Königs hinabtauchen in grausige Tiefen, für eine Wiederholung des Abenteuers wird die Tochter des Herrschers versprochen. Erhardt rät ab: „Da schlichen die Mannen und Knappen von dannen. Bald waren sie alle verschwunden. Sie wußten verlässlich: Die Tochter ist grässlich.“

Und da ist die Wilhelm Busch ähnliche Art, wenn auch mit anderer Ausdrucksweise und anderen Themen. Der Zuhörer lacht, aber es gibt auch einen sehr ernsten Hintergrund. „Man merkt erst beim zweiten Mal, dass nicht alles zum Lachen ist“, erklärt der 76-Jährige. Zum Beispiel, wenn Erhardt sagt, dass seine Eltern dreimal den Bund fürs Leben schlossen. Oder im Vierzeiler: „Zu spät“ heißt es: „Die alten Zähne wurden schlecht, und man begann, sie auszureißen, die neuen kamen grade recht, um mit ihnen ins Gras zu beißen.“

Dazu kommt, dass sich Heinz Erhardt vieler Themen annahm. Es gibt Tiergedichte, Alltägliches, Satirisches. Etliche Werke karikieren zudem Arbeiten berühmter Dichter, zitieren klassisches Bildungsgut.

Und: „Über das Menschliche, allzu Menschliche, schreibt er eben auch“, weiß Jürgen Bossert. Etwa im Gedicht „Der Einsame“: „Einsam irr’ ich durch die Gassen, durch den Regen, durch die Nacht. Warum hast du mich verlassen, warum hast du das gemacht?“ Allzu viel Mitgefühl mit dem leidenden Alter Ego ist aber nicht ratsam. „Wo bleibt Tod im schwarzen Kleide, wo bleibt Tod und tötet mich? Oder besser noch, uns beide. Oder besser, erstmal dich“, endet das Gedicht.

Gern stellt Jürgen Bossert seinem Publikum zudem das kleine Gedicht „Warum die Zitronen sauer sind“ vor. Die waren einst süß. „Bis sie einst sprachen: Wir Zitronen, wir woll’n so groß sein wie Melonen. Auch finden wir das Gelb abscheulich, wir wollen rot sein oder bläulich.“ Davon wollte der liebe Gott nichts wissen. „Ihr müsst so bleiben, ich bedauer’. Da wurden die Zitronen sauer.“ Nicht selten lässt Jürgen Bossert ein paar Worte aus und lässt seine Zuhörer den Reim ergänzen, was diese mit Freude tun.

Zur Komik des Originals trug bei, dass Heinz Erhardt seine Werke mit treuherziger Art und etwas Tollpatschigkeit vortrug. Hier unternimmt Jürgen Bossert aber nicht den Versuch, den Künstler imitieren zu wollen. Er konzentriert sich auf die Texte, lässt diese ihren Witz entfalten - und lässt dem Original seinen ihm eigenen Charme.

Kein leichtes Leben

So heiter er auf der Bühne war, so schwierig war mitunter das Leben von Heinz Erhardt. Geboren 1909 in Riga, trennten sich die Eltern kurz nach seiner Geburt. Der Weg zur Bühne verlief mit einigen Wirrungen. Als sich die ersten großen Erfolge einstellten, kam der Zweite Weltkrieg. Erhardt unterhielt Soldaten im Auftrag der Wehrmacht. Nach dem Krieg ging’s zunächst mühsam, aber bergauf. Erhardt wurde dann auch im Film berühmt. 1971 erlitt er einen Schlaganfall. Er konnte nicht mehr sprechen - bis zu seinem Tod 1979, weiß Jürgen Bossert.