Rudersberg

Freizeitwengerter gesucht: Rudersberg will Weinbau wieder aufleben lassen

Freizeitwengert
Dieses Wengerthäusle unterhalb des Hangs erinnert daran, dass im Wieslauftal bis vor etwa hundert Jahren Wein angebaut wurde. © Gaby Schneider

Ein Lindentaler Heunisch oder Wieslauftäler Räuschling: Das könnte schon in wenigen Jahren Wein-Realität werden. Denn in Rudersberg startet jetzt ein Projekt, bei dem historische Rebsorten wiederbelebt werden sollen. Doch Moment: Weinanbau im Wieslauftal? Geht das überhaupt?

Wer durch die Streuobstwiesen von Rudersberg und Lindental, Schlechtbach oder Steinenberg läuft, mag es kaum vermuten: Das ging hier sogar ziemlich lange Zeit gut. Denn das Wieslauftal war einstmals ein gar nicht so kleines Weinanbaugebiet. Vor 150 Jahren wurden dort noch 171 Morgen Fläche gezählt. Abnehmer waren damals hauptsächlich die Wirtshäuser auf dem Welzheimer Wald.

Weshalb der Weinbau aus dem Wieslauftal verschwand

Für den Niedergang der Weinkultur gibt es gleich mehrere Gründe: Zum einen kam Ende des 19. Jahrhunderts die Reblaus aus den USA nach Württemberg und sorgte für hohe, teils totale Ernteausfälle. Hinzu kamen mehrere Jahre mit schlechter Witterung um die Jahrhundertwende. Außerdem machte den Wengertern die Konkurrenz aus dem Remstal zu schaffen, die den Weinpreis in den Keller drückte. Das Ende für den Weinbau in und um Rudersberg besiegelte schließlich der Erste Weltkrieg, der vielen Familien die männlichen Arbeitskräfte nahm. Statt der arbeitsaufwendigen Reben wurden im Wieslauftal dann die vergleichsweise pflegeleichten Streuobstbäume heimisch. Der Most entwickelte sich in der Folge zum schwäbischen Nationalgetränk.

Wer heute rund um Steinenberg spazieren geht, kann noch Spuren der einstigen Weinkultur in Form von verwitterten Mäuerle entdecken. Und in Lindental steht bis heute ein historisches Wengerthäusle in den Streuobstwiesen. Auf einer Tafel an diesem steinernen Unterschlupf heißt es, im Jahre 1922 seien in Lindental die letzten Reben herausgerissen worden.

Was in Rudersberg jetzt geplant ist

Genau hundert Jahre später startet nun ein Projekt, das oberhalb dieses Wengert-Schützenhäusle den Weinbau im Wieslauftal wieder aufleben lassen soll. Dort ist die Gemeinde im Besitz eines 13 Ar großen, bislang unbepflanzten Grundstücks.

Rudolf Scharer, Schlechtbacher Ortsvorsteher und Klimamanager von Rudersberg, will hier gemeinsam mit anderen Freizeitwengertern Reben pflanzen und kultivieren. „Entstanden ist diese Idee bei einem Ausflug des Ortschaftsrats“, berichtet Scharer. Dieser führte an dem historischen Wengerthäusle vorbei. Ratsmitglied Oliver Schaal habe daraufhin die Initiative ergriffen. Gleich von der Idee angetan gewesen sei auch Marcel Sperr, der seit April den Bauhof in der Gemeinde leitet, gelernter Winzer ist und in Zumhof eine Cidremanufaktur betreibt. Insgesamt 14 Interessierte aus Rudersberg haben sich mittlerweile zusammengefunden. Auch Bürgermeister Raimon Ahrens macht bei dem Projekt mit. Ein erstes Treffen fand kürzlich statt, bei dem Scharer präsentierte, was ihm vorschwebt. Näheres soll nun bei einem Vor-Ort-Termin geklärt werden.

99 Reben mit alten Sorten zum Start

Angedacht ist, zunächst einmal mit der Pflanzung von 99 Reben zu beginnen. Die symbolische Zahl habe er deshalb gewählt, so Scharer, weil es unterhalb der Grenze von einem Ar zusammenhängender Fläche hierzulande möglich sei, ohne Genehmigung einen Hobbyweinberg zu betreiben. Die Auswahl der Fläche sei bereits mit dem Landratsamt abgestimmt. Lediglich in einem Teilbereich dürfe der Hang nicht bepflanzt werden, weil dort hochwertige Wiesenpflanzen wachsen.

Beginnen soll der Neustart für den Weinbau in Rudersberg zunächst am unteren Rand der Wiese. Dort sollen drei bis vier Reihen Reben gepflanzt und gepflegt werden, „am liebsten mit alten Rebkulturen“, so Scharer. Welche, das sei bislang noch nicht entschieden. „Entscheidend wird sein: Was bekommen wir? Und was passt in die Lage?“ Historisch sollen möglichst auch die Erziehungsformen der Reben sein. Und es ist ein Wengertmäuerle angedacht. Zu einem späteren Zeitpunkt sollen dann im oberen Teil auch noch neuzeitliche, pilzresistente Sorten angepflanzt werden.

Gekeltert werden soll der Wein, wenn die Reben so weit sind, natürlich auch. Dafür können die Freizeitwengerter auf die Fachkenntnisse von Marcel Sperr zurückgreifen.

Biologischer Anbau und Handarbeit

Der Weinberg soll möglichst biologisch und in Handarbeit kultiviert werden. „Das Charmante ist, dass das in einer größeren Gruppe ja gar nicht anstrengend ist“, findet Scharer, der ein solches Hobbyweinbauprojekt bereits in Weissach im Tal, wo er zuvor tätig war, initiiert hat.

Bürgermeister Raimon Ahrens freut sich schon darauf, bald selbst im Wengert zu stehen. Das Projekt sei „eine tolle Sache“, sei „gut für das Gemeinschaftsgefühl“. Das Grundstück, oberhalb von Lindental gelegen, sei „sehr gut dafür geeignet“. Und eines erhofft sich Ahrens noch als Nebeneffekt: „Wenn wir es schaffen, dass sich dadurch auch wieder mehr um die Streuobstwiesen gekümmert wird, wäre das ein Gewinn.“

Wo sich Interessierte melden können

Wer Interesse hat, kann sich den Rudersberger Freizeitwengertern gerne anschließen. Weitere Informationen und Rückfragen beantwortet Rudolf Scharer unter der Telefonnummer 0 71 83/93 28 05 oder per E-Mail an die Adresse r.scharer@rudersberg.de.

Ein Lindentaler Heunisch oder Wieslauftäler Räuschling: Das könnte schon in wenigen Jahren Wein-Realität werden. Denn in Rudersberg startet jetzt ein Projekt, bei dem historische Rebsorten wiederbelebt werden sollen. Doch Moment: Weinanbau im Wieslauftal? Geht das überhaupt?

Wer durch die Streuobstwiesen von Rudersberg und Lindental, Schlechtbach oder Steinenberg läuft, mag es kaum vermuten: Das ging hier sogar ziemlich lange Zeit gut. Denn das Wieslauftal war einstmals ein gar nicht

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