Rudersberg

Heimatdichter und Hitler-Verehrer: Soll die August-Lämmle-Schule einen neuen Namen bekommen?

Grundschule Steinenberg
Kann August Lämmle nach den neusten Forschungsergebnissen noch als Vorbild für Schulkinder dienen? © Benjamin Büttner

Seit mittlerweile 70 Jahren trägt die Steinenberger Grundschule den Namen des schwäbischen Heimatdichters August Lämmle. Nun steht dieser Name zur Disposition, denn neuere Forschungen werfen ein schlechtes Licht auf den 1962 verstorbenen Dichter. Während des Dritten Reiches hat sich Lämmle nämlich ohne Not als bedingungsloser Anhänger des Nationalsozialismus präsentiert.

Zu diesem Schluss kommt der Historiker Peter Poguntke in einem Gutachten (hier der Link zur PDF-Datei), das er im Herbst im Auftrag der Stadt Leonberg erstellt hat. Dort gibt es auch eine August-Lämmle-Schule, die sich jetzt aufgrund der Forschungsergebnisse einen neuen Namen geben wird. Auch wurde Lämmle von der Liste der Ehrenbürger Leonbergs gestrichen. Martin Georg Cohn, Oberbürgermeister von Leonberg (zuvor unter dem Namen Martin Kaufmann Bürgermeister von Rudersberg), begründete dies mit den „deutlichen, differenzierten und sehr fundierten Ausführungen Dr. Peter Poguntkes“.

Doch wie kommt der Historiker zu seinen Schlüssen? Für das Gutachten hat er die Archive nach Äußerungen des Dichters durchsucht. Lämmle war, das ist wichtig für das Verständnis, lange Jahre Mitglied einer Freimaurer-Loge „Zu den drei Cedern“, trat dann aber noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten aus. Eine Karriere im Dritten Reich war ihm durch seine frühere Mitgliedschaft verwehrt, weil das Regime die Freimaurerei als internationale Bewegung ablehnte – trotz seiner Hinwendung zum Dritten Reich.

Übersteigerter Nationalismus und Ablehnung des Pluralismus

Lämmle trat bis 1933 parteipolitisch nicht in Erscheinung. Im März 1933 wurde er dann Mitglied der NSDAP, „was aber zumindest zu diesem Zeitpunkt eher seinem Opportunismus als seiner politischen Überzeugung geschuldet sein dürfte“, so Poguntke. Zugleich sieht er aber ideologische Anknüpfungspunkte zwischen dem nationalkonservativen Lämmle und der NSDAP. So habe er etwa die Ablehnung von moderner Kunst und Architektur sowie des Pluralismus geteilt. Außerdem attestiert Poguntke Lämmle einen übersteigerten Nationalismus – und wie die Nationalsozialisten habe er das Bauerntum und das Landleben verherrlicht. Er sah in beidem ein kulturelles Gegengewicht zur Großstadt, der er einen verderblichen Einfluss auf die Gesellschaft zuschrieb.

Während des Dritten Reiches fiel Lämmle dann wiederholt mit Lobeshymnen auf den Führer und das System auf. So schrieb er 1937 in der Zeitschrift „Württemberg“ über die NS-Rassenpolitik: „Dienst am Volkstum ist der Sinn der Hitlerjugend und der Kameradschaft in der SA, ist in seiner zielbewußten Durchdenkung und Durchführung der Arierparagraph und die Beseitigung der Fremdstämmigen aus der Führung des deutschen Volkes und Staates.“

Hitler als „gläubigster und mutigster Mann“ der deutschen Geschichte

Drei Jahre später änderte er dann für die Neuauflage seines Werks „Herz der Heimat“ das ursprünglich unpolitische Vorwort in eine Eloge auf Hitler: „Und da Gott den Mutigen hilft, gab er uns den Führer, den gläubigsten und mutigsten Mann in der Geschichte der Deutschen!“, er nannte ihn darin einen „Marschall Vorwärts, wie ihn die Weltgeschichte nicht kennt“.

Und noch im Januar 1943, als die Schlacht um Stalingrad tobte, schrieb er in der „Schwäbischen Post“: „Das Hauptpotential der deutschen Kraft und Leistung steckt im Glauben an sich selbst, an das deutsche Volk und die deutsche Kultur und an seinen Führer Adolf Hitler.“

Peter Poguntke bewertet das wie folgt: „Lämmles Texte zeugen von einer geradezu peinlichen Verklärung der NS-Ideologie und Verherrlichung Hitlers. Für diese Veröffentlichungen hätte keine Not bestanden. Lämmle wurde von niemandem dazu gezwungen.“ Auch habe er sich nach der NS-Zeit nie von diesen Aussagen distanziert.

Der Historiker kommt schließlich zu folgendem Fazit: „Die Kernfrage, ob Lämmle vor diesem Hintergrund als Namensgeber für eine Schule geeignet ist, kann daher nur mit „Nein“ beantwortet werden, da von Namensgebern öffentlicher Einrichtungen Vorbildcharakter in besonderer Weise erwartet werden muss.“

Lämmle war vier Jahre lang Lehrer an der Steinenberger Volksschule

Dieses Gutachten hat das Staatliche Schulamt all jenen Kommunen zur Verfügung gestellt, die noch eine nach Lämmle benannte Schule haben – und dies mit der Empfehlung verbunden, die Namensgebung doch zu überdenken. Die Gemeinde Rudersberg will noch in diesem Frühjahr über eine mögliche Namensänderung der Steinenberger Grundschule entscheiden.

Wie kam es eigentlich überhaupt zu der Namensgebung vor 70 Jahren? August Lämmle war zwischen 1906 und 1910 selbst Lehrer an der Steinenberger Schule, wie Ortsvorsteher Wilfried Hägele berichtet. Er war zudem Dirigent im Liederkranz, Rechner bei der Darlehenskasse und Organist in der Kirche. In dieser Zeit begann er auch mit der Publikation kulturhistorischer und literarischer Werke. Im Mittelpunkt seiner Gedichte und Geschichten standen die schwäbische Heimat und Kultur sowie das Bauerntum. Nach dem Ersten Weltkrieg ließ er sich vom Schuldienst beurlauben und widmete sich volkskundlichen Studien, 1923 übernahm er einen Posten im Landesamt für Denkmalpflege und 1929 zusätzlich die Schriftleitung der Zeitschrift „Württemberg. Monatsschrift im Dienste von Volk und Heimat“. 1936 erhielt er den Schwäbischen Dichterpreis, 1938 wurde er auf eigenen Wunsch pensioniert.

Der Name einer Schule prägt auch ihr Bild in der Öffentlichkeit

Doch taugt er heute noch als Namensgeber für die Schule? Hägele, der lange Zeit auch Elternbeiratsvorsitzender in Steinenberg war, will der Entscheidung, die noch ansteht, nicht vorgreifen. Aber er gibt zu bedenken: „Eine Schule hat Vorbildcharakter, der Name einer Schule prägt sie, stiftet Identität. Das ist auch die Würdigung einer Persönlichkeit und prägt damit das Bild einer Schule in der Öffentlichkeit.“ Man müsse sich daher schon fragen, ob das Verhalten Lämmles im Dritten Reich ein Vorbild sein kann für junge Menschen.

Die Schulleitung selbst will zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Position beziehen. In einem Elternbrief hat sie vergangene Woche auf die anstehende Entscheidung hingewiesen, möchte sich aber öffentlich nicht dazu äußern. Sie verweist darauf, dass die mögliche Namensänderung schließlich eine politische Entscheidung sei.

Wolfgang Gelfart, von 1983 bis 2016 Rektor der Schule, bezieht hingegen klar Stellung. August Lämmle habe sich mit Sicherheit Verdienste als Heimatdichter erworben, aber „es kann kein Vorbild sein, wie er sich während des Nationalsozialismus verhalten hat“. Gelfart macht das insbesondere an dem erwähnten Vorwort fest, in dem Lämmle den Diktator Hitler einen „Marschall Vorwärts“ nennt. „Das hat er ohne Not geschrieben. Und wenn jemand das aus freien Stücken macht, muss das schon seine Überzeugung gewesen sein“, meint der Rektor im Ruhestand. Er hält es daher für „absolut richtig, den Namen zu ändern“.

Nach seinem Tod hat Lämmle der Schule 2000 Mark vermacht

Ein Verlust werde das für die Schule nicht sein. Denn der Heimatdichter habe im Alltag keine prägende Rolle gespielt. Auszüge seines Gedichts „Steig nuff da Berg guck naus ins Land, was mir a schöne Hoimet hand“ habe er früher den Erstklässlern beigebracht, erinnert sich Gelfart. „Das Gedicht war ganz nett, wenn man Schwäbisch kann. Es war absolut unpolitisch und ein Ausdruck seiner Heimatliebe.“ Und es sei ihm etwa zugutezuhalten, dass er nach seinem Tod der Schule 2000 Mark vermacht hat, die in Lehrmittel investiert werden konnten. Lämmle sei eben eine vielschichtige Persönlichkeit gewesen. An dem Namen hänge er dennoch keineswegs.

Auch Bürgermeister Raimon Ahrens sieht die Rolle Lämmles im Dritten Reich kritisch. Das Gutachten gebe schon „sehr deutliche Hinweise darauf, dass man Zweifel haben muss, ob Lämmle als Namensgeber für eine Bildungseinrichtung geeignet ist“. Er wolle der Beratung in den Gremien nicht vorgreifen, „aber der Auftrag ist nach dem Gutachten relativ klar“.

Entscheiden müsse jetzt aber zunächst der Ortschaftsrat in der Sitzung am Mittwoch, 24. März. Im Anschluss werde sich dann noch der Gemeinderat damit befassen. Sollte eine Namensänderung beschlossen werden, so wolle sich die Gemeinde gemeinsam mit den Eltern und Schülern auf dem Weg zu einem neuen Namen für die Grundschule begeben.

Seit mittlerweile 70 Jahren trägt die Steinenberger Grundschule den Namen des schwäbischen Heimatdichters August Lämmle. Nun steht dieser Name zur Disposition, denn neuere Forschungen werfen ein schlechtes Licht auf den 1962 verstorbenen Dichter. Während des Dritten Reiches hat sich Lämmle nämlich ohne Not als bedingungsloser Anhänger des Nationalsozialismus präsentiert.

Zu diesem Schluss kommt der Historiker Peter Poguntke in einem Gutachten (hier der Link zur PDF-Datei), das er im

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