Rudersberg

Keine Liebesheirat: Wie Rudersberg und Steinenberg vor 50 Jahren zusammenfanden

50 Steinenberg
Arbeiten gut zusammen: der Steinenberger Ortsvorsteher Wilfried Hägele (links) und Rudersbergs Bürgermeister Raimon Ahrens. © Gabriel Habermann

Am 1. Oktober jährt sich der Zusammenschluss von Rudersberg und Steinenberg zum 50. Mal. Die zwei zuvor eigenständigen Gemeinden gehen seitdem gemeinsame Wege. Gewisse Eigenheiten sind zwar weiter vorhanden. „Man muss die Gemeinde heute aber immer in ihrer Gesamtheit denken“, sagt Bürgermeister Raimon Ahrens.

"Unlust" an Gemeindefusion in Steinenberg

Dass die Unterschiede inzwischen keine so große Rolle mehr spielen, sagt auch Wilfried Hägele, Ortsvorsteher von Steinenberg. Seit er das Amt vor drei Jahren übernahm, habe er im Ortschaftsrat jedenfalls nie irgendwelche Neid-Diskussionen erlebt.

Als Anfang der siebziger Jahre die Gemeindegebietsreform im Südwesten anstand, war die Stimmung indes noch ganz anders. Steinenberg und seine 1300 Einwohner wären damals am liebsten selbstständig geblieben. In einem Artikel der Schorndorfer Nachrichten vom 9. August 1971 ist von einer „Unlust“ der Steinenberger die Rede. Doch es war erklärtes Ziel der Landes, mit der Gebietsreform größere und leistungsfähigere Kommunen (mit mindestens 5000 Einwohnern) zu schaffen.

Und da eine Fusion mit Schlechtbach und Miedelsbach damals in den Nachbargemeinden zunächst auf Ablehnung stieß, klopften die Steinenberger 1971 bei der Stadt Schorndorf an. „Eine kritische Zeit im Gemeinderat“ sei das gewesen, erinnert sich der damalige Bürgermeister Gerhard Kontermann. Das Gremium habe unbedingt mit Schorndorf verhandeln wollen.

Weshalb es die Steinenberger zunächst nach Schorndorf zog

Wofür aber auch einiges sprach. In der Sitzung vom 6. Oktober 1971 nannte Kontermann selbst mehrere Gründe: die Facharztversorgung und das Krankenhaus, Gymnasien und Berufsschulen, die Apothekenstruktur, die Deckung des gehobenen Einkaufsbedarfs, die Behörden, die Banken, die Betreuung der Stadt Schorndorf bei der Müllabfuhr und bei der Straßenbeleuchtung sowie die Zahl der Pendler. Auch suchte Steinenberg einen Partner, der den Wohnungsbau in der Gemeinde fördert – „und dieser kann nur die Stadt Schorndorf sein“, so Kontermann laut Protokoll. Außerdem sei in der Bürgerversammlung vom 2. Oktober ein Anschluss an Rudersberg „als völlig undiskutabel“ bezeichnet worden. Als einen Monat später eine Bürgeranhörung stattfand, sprachen sich dann bei einer Wahlbeteiligung von knapp 70 Prozent rund 61 Prozent für einen Anschluss an Schorndorf aus. Auch im Gemeinderat gab es für das Ziel eine klare Mehrheit.

Doch zu diesem Anschluss sollte es nie kommen. Schuld daran war das Innenministerium, das seine Zustimmung verweigerte und eine Lösung nur mit Rudersberg in Aussicht stellte. Dass der gewünschte Anschluss nie zustande kam, sorgte in der Gemeinde eine Zeit lang für großen Unmut.

Der Wind drehte sich Richtung Rudersberg

An Rudersberg führte fortan kein Weg vorbei – und auch in der Bürgerschaft drehte sich der Wind, wie ein Protokoll der Gemeinderatssitzung vm 2. Februar 1972 zeigt. Darin heißt es über eine zuvor abgehaltene Versammlung zu dem Thema: „Die Bürger haben sich mehrheitlich für ein Umdenken in der Frage der Gemeindereform ausgesprochen.“ Angedacht war nun ein Zusammenschluss von Rudersberg, Asperglen, Steinenberg und Schlechtbach – unter einem neuen Namen. Doch während sich am 27. Februar 1972 in Steinenberg gut 85 Prozent (Wahlbeteiligung gut 30 Prozent) für den Zusammenschluss aussprachen (und auch Rudersberg und Asperglen grünes Licht gaben), war in Schlechtbach eine klare Mehrheit dagegen.

Der Weg zur Gemeindefusion

Asperglen (das damals einen Verbund mit Steinenberg und daher den gleichen Bürgermeister hatte) wählte daraufhin den Weg des Anschlusses an Rudersberg – und Steinenberg verhandelte mit Rudersberg um einen Zusammenschluss. Dabei seien laut Kontermann zwei Punkte besonders wichtig gewesen: der Bau einer Kläranlage sowie einer Mehrzweckhalle mit Sportgelände (die mit viel Eigenleistung später auch umgesetzt wurde). Eine Reihe weiterer Vorhaben für Steinenberg sind in der Vereinbarung über die Neubildung der Gemeinde festgesetzt: darunter der Ausbau des Kindergartens sowie viele Straßenbaumaßnahmen.

Am 1. Oktober 1972 wurden beide Gemeinden fusioniert. Seitdem gibt es in Steinenberg einen eigenen Ortsvorsteher sowie einen Ortschaftsrat. Der seit 1952 Steinenberg vorstehende Bürgermeister Kontermann wechselte damals ins Rudersberger Rathaus und wurde Hauptamtsleiter.

Keine Liebesheirat, aber ein Gewinn

Auch wenn es zunächst keine Liebesheirat war, so hat der Zusammenschluss für Steinenberg im Rückblick doch viele Vorteile gehabt. „Die Gemeindekassen waren zuvor immer leer“, auch weil es im Ort, anders als in Rudersberg, kaum Industrie gab, so Hägele. Knapp 1800 Einwohner hat Steinenberg heute – und aus der einstigen Unlust sei „ein gelungenes Zusammenwachsen“ geworden, findet der Ortsvorsteher rückblickend. Eines, bei dem auch für die einzelnen Ortschaften Raum geblieben sei, um ihre Identität zu leben.

Ein bisschen Rivalität sei schon in Ordnung, ergänzt Bürgermeister Ahrens, „solange sie spielerisch ist – und solange alle das große Ganze im Blick behalten“.

Ein Video mit Zeitzeugen-Interviews, aus dem auch zwei Zitate von Kontermann in diesem Text stammen, ist ab Samstag online auf www.rudersberg.de sowie auf www.steinenberg.info zu finden.

Am 1. Oktober jährt sich der Zusammenschluss von Rudersberg und Steinenberg zum 50. Mal. Die zwei zuvor eigenständigen Gemeinden gehen seitdem gemeinsame Wege. Gewisse Eigenheiten sind zwar weiter vorhanden. „Man muss die Gemeinde heute aber immer in ihrer Gesamtheit denken“, sagt Bürgermeister Raimon Ahrens.

"Unlust" an Gemeindefusion in Steinenberg

Dass die Unterschiede inzwischen keine so große Rolle mehr spielen, sagt auch Wilfried Hägele, Ortsvorsteher von Steinenberg.

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