Rudersberg

Pandemie-Managerinnen am Limit: Wie Arzthelferinnen in Hausarztpraxen mit allen Folgen von Corona kämpfen

Coronaarzthelferinstress
Arzthelferinnen in der Hausarztpraxis im Gesundheitszentrum in Rudersberg-Steinenberg: „Von der Planung und vom Aufwand ist das schlimm – sehr schlimm.“ © Gaby Schneider

Hannelore König, die Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe, warnte kürzlich: Die medizinischen Fachangestellten in den niedergelassenen Praxen seien am Rande des Burn-outs. Anlass war die Aufhebung der Priorisierung der Corona-Impfungen. Auch die Arzthelferinnen aus der Hausarztpraxis im Gesundheitszentrum Rudersberg-Steinenberg berichten von der in der Pandemie immer weiter gewachsenen Arbeitsbelastung, pausenlos klingelnden Telefonen und der undankbaren Aufgabe, mit viel zu wenig Impfstoff und einer Warteliste von Tausenden von Impfwilligen zu jonglieren.

Dabei fühlen sie sich fast ein bisschen vergessen: Wenn in der öffentlichen Diskussion von den Belastungen durch die Corona-Pandemie im Gesundheitssystem die Rede ist, dann geht es meist um das Personal in den Krankenhäusern oder vielleicht noch um die Altenpflegerinnen und Altenpfleger. An deren Arbeitsbedingungen hat sich bisher trotzdem nichts geändert, aber sie bekamen immerhin viel Zuspruch und symbolische Wertschätzung – und auch einen finanziellen Corona-Bonus vom Staat. „Aber wir als MFA, die die erste Anlaufstelle der Patienten sind, wir fallen in dem System einfach runter“, sagt Sandra Hempel. MFA, das steht für Medizinische Fachangestellte, die offizielle Berufsbezeichnung für die Arzthelferinnen.

„Wir dachten schon am Anfang von Corona: Das ist echt heftig. Aber seitdem wird das jede Woche immer heftiger“, sagt Bianca Gläser. Sie und Sandra Hempel arbeiten in der Hausarztpraxis in Steinenberg im Gesundheitszentrum Wieslauftal. Zusammen mit weiteren Kolleginnen – insgesamt gibt es in der Praxis 15 MFA und acht Ärzte – erzählen sie von ihrer Arbeit. Dabei wird klar: Während sich das Land gerade langsam entspannt, weil immer mehr Menschen geimpft sind, die Infektionszahlen sinken und Maßnahmen gelockert werden, rotieren die Arzthelferinnen in den Hausarztpraxen mit unverändert hoher Drehzahl und machen viele Überstunden – um genau diese Entspannung für das Leben der anderen möglich zu machen.

Mehr als 3000 Menschen stehen auf der Impf-Warteliste der Praxis

„Wir machen morgens um 7 Uhr den Anrufbeantworter aus – und dann klingelt das Telefon in einer Tour, bis wir den AB abends wieder einschalten“, sagt Bianca Gläser. Zuletzt hat vor allem die Aufhebung der Impfpriorisierung die Arztpraxen total überrollt. „Du sitzt sonntagabends zu Hause vor dem Fernseher und hörst, wie der Gesundheitsminister verkündet: Ab morgen darf man sich in den Hausarztpraxen impfen lassen“, erzählt sie. Natürlich war daraufhin am nächsten Tag die Hölle los, weil sofort unzählige Impfwillige in der Praxis anriefen und einen Termin vereinbaren wollten. Und die Arzthelferinnen mussten allen geduldig erklären, dass sie an der Priorisierung festhalten müssen und weiterhin Menschen aus den Risikogruppen zuerst drankommen. Mehr als 3000 Menschen stehen derzeit auf der Warteliste der Steinenberger Hausarzt-Praxis.

An einem guten Tag wickelt das Arzthelferinnen-Team dort derzeit mehr als 100 Impfungen ab – zusätzlich zu den 200 bis 300 normalen Patienten. Dabei bekommen die Patienten gar nicht mit, was für ein Aufwand hinter so einem Impftermin steckt, angefangen bei der Organisation im Vorfeld bis zur Dokumentation und Abrechnung hinterher. Die eigentliche Impfung, die Aufklärung, der Piks mit der Spritze – das geht schnell. Aber insgesamt sagt Lea Veihl, bei der die Fäden zusammenlaufen: „Von der Planung und vom Aufwand ist das schlimm – sehr schlimm.“

Es sind immer zu wenig Impfdosen

Immer dienstags kann Lea Veihl die Impfdosen für die kommende Woche bestellen, aber erst donnerstags erfährt sie, wie viele die Praxis bekommt. Und es sind immer zu wenige. Erst freitags kann das Praxisteam die Impfangebote an die Patienten über ein Online-System rausschicken und die Termine ausmachen.

Dann kommen immer die Anrufe mit Nachfragen nach Wunschterminen, es kommen Absagen – und manche erscheinen einfach nicht zum Termin. Immer wieder seien sie mit geradezu unverschämten Reaktionen von Patienten konfrontiert, die telefonisch nicht gleich durchkommen, die keinen Impftermin erhalten oder denen etwas anderes nicht schnell genug geht, sagt Bianca Gläser. Sie hat einerseits Verständnis: „Klar, für jeden ist die Impfung wichtig. Es ist toll, wenn sich jeder impfen lassen will, nur so kommen wir raus aus der Pandemie.“ Aber es gebe eben nur begrenzt Impfstoff, und es sei auch nur bis zu einer bestimmten Kapazitätsgrenze möglich, Patienten durch die Praxis zu schleusen. „Wir müssen uns an die Reihenfolge halten“, betont Gläser.

Dazu kommen seit einer Weile immer mehr Anrufe von Leuten, die eine Bescheinigung brauchen, dass sie mit dem Coronavirus infiziert waren. So eine Bescheinigung erspart den Schnelltest vor dem Friseurbesuch oder dem Shopping-Termin. Und alles soll natürlich meist ganz schnell und sofort gehen.

Die Verwaltungsarbeit bleibt im Praxisalltag oft liegen, weil eben ständig das Telefon klingelt und andere Dinge erledigt werden müssen. Deswegen ist es seit mehr als einem Jahr absolut üblich geworden, dass die Arzthelferinnen länger bleiben, um nach Ende der Sprechstundenzeit in Ruhe Papierkram abzuarbeiten.

Gefragt sind ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten

Um mögliche Ansteckungen mit Corona in der Praxis zu vermeiden, gibt es in Steinenberg eine eigene Infektionssprechstunde. An diesen Tagen steht eine der Arzthelferinnen draußen vor der Tür und leitet die Patienten schon auf den rechten Weg. Die, die mit Verdacht auf eine Infektion kommen, sitzen in einem eigenen Wartezimmer mit viel Platz zwischen den Stühlen. Immer wieder müsse man da auch Diskussionen führen, erzählt Sandra Hempel. Warum muss ich in die Infektionssprechstunde, ich habe doch nur Kopfweh? Aber: Kopfschmerzen, Durchfall – das sind alles mögliche Corona-Symptome, müssen die Arzthelferinnen dann erklären. Ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten sind auf jeden Fall eine Schlüsselqualifikation für diesen Beruf.

Trotz der seit mehr als einem Jahr hohen Arbeitsbelastung hat vom Team der Steinenberger Praxis aber niemand daran gedacht, den Beruf aufzugeben. Sie wirken im Gespräch nicht frustriert oder ausgebrannt, eher kämpferisch – und auch stolz auf das, was sie zusammen täglich wuppen. Sie haben einen vielseitigen und spannenden Job, sagen sie, auch ohne Corona. Herausforderungen seien ja auch was Schönes, meint Bianca Gläser. Außerdem: Wenn man die Dankbarkeit von Patienten spüre, denen man helfen könne, dann entschädige das für alles. „Aus einem einfachen Danke schöpfen wir wieder Kraft, um weitermachen zu können“, sagt Sandra Hempel. Sie und ihre Kolleginnen wollen auch nicht den Eindruck erwecken, dass sie nur mit unverschämten und unfreundlichen Patienten zu tun haben. Nein, betont Hempel: „Viele haben sehr viel Verständnis für alles.“

"Es ist einfach ein krisensicherer Job"

Für Tina Bamberger zählt auch noch etwas anderes sehr viel: „Es ist einfach ein krisensicherer Job.“ Während sie von anderen gehört habe, die in den vergangenen Monaten ihren Job verloren oder in Kurzarbeit gehen mussten, hätten sie sich in der Praxis nie Sorgen machen müssen. Der Haken: „Wie in allen medizinischen Berufen ist der Job unterbezahlt“, sagt Sandra Hempel.

Mit ihrem Arbeitgeber sind die Steinenberger Arzthelferinnen sehr zufrieden – und auch mit ihren Kolleginnen. „Wir sind ein gutes Team“, sagt Bianca Gläser. „Wir harmonieren ganz gut und fangen uns gegenseitig auf.“ Man könne mit den Kolleginnen auch mal lachen. „Und in zehn Jahren können wir uns die Corona-Geschichten erzählen und darüber lachen“, meint Renate Ehmann.

Derzeit ist Bianca Gläser berufsbedingt allerdings noch skeptisch, was die ganz große Erleichterung in der Pandemie angeht, trotz stetig fallender Infektionszahlen. „Ich traue der Sache mit den ganzen Urlaubern nicht so.“ Sie rechnet nach den Pfingstferien mit vielen Patienten in der Infektionssprechstunde.

Hannelore König, die Präsidentin des Verbandes medizinischer Fachberufe, warnte kürzlich: Die medizinischen Fachangestellten in den niedergelassenen Praxen seien am Rande des Burn-outs. Anlass war die Aufhebung der Priorisierung der Corona-Impfungen. Auch die Arzthelferinnen aus der Hausarztpraxis im Gesundheitszentrum Rudersberg-Steinenberg berichten von der in der Pandemie immer weiter gewachsenen Arbeitsbelastung, pausenlos klingelnden Telefonen und der undankbaren Aufgabe, mit viel zu

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