Rudersberg

Stefan Sauer ist ein Phänomen: Mit 92 Jahren lief er noch auf Händen, mit 94 gipste er eine Hauswand alleine zu

94 Jahre
Stefan Sauer mit seiner Tochter Roswitha Schäffer: „Wichtig ist es, immer in Bewegung zu bleiben.“ © ALEXANDRA PALMIZI

An seinem 92. Geburtstag ist Stefan Sauer auf Händen gelaufen - fürs Pressefoto. Inzwischen lässt der mittlerweile 94-Jährige derlei Kunststückchen zwar lieber bleiben. Seine Hände in den Schoß zu legen, das käme ihm trotzdem nicht in den Sinn: Bei bester Gesundheit hat der ehemalige Maurer und Gipser erst kürzlich eine komplette Wand am Haus seiner Tochter verputzt. Der in Rudersberg bestens bekannte Senior ist ein Phänomen. Ist es vielleicht die tägliche Suppe, die ihn so fit hält?

Es gibt Dinge, die muss man nicht verstehen – man darf sie einfach nur still bewundern und bestaunen. Stefan Sauer ist im hohen Alter von 94 Jahren rege wie ein junger Hüpfer: Im Bekanntenkreis hilft er gerne handwerklich aus, er schmeißt seinen kompletten Haushalt selbst, baut im Garten vor dem Haus eigenes Gemüse an, geht zu Fuß einkaufen und denkt nicht daran, sein Leben in jüngere Hände zu legen. Solange es die beweglichen und kraftvollen Hände mitmachen, wird er weiterhin gerne und mit großem Vergnügen mit der Kelle Speis an Wände werfen – da hat seine Tochter Roswitha Schäffer spätestens seit der letzten Aktion mit ihm keinerlei Bedenken.

„Bei uns ist kurzfristig der Handwerker abgesprungen, er hat uns allen aus der Patsche geholfen“, erzählt sie. Vor dem Winter musste es schnell gehen, um den Außenbereich nicht Schnee und Kälte auszusetzen. Es sei alles schon aufgegraben worden, die Lücke habe nicht geschlossen werden können, bevor alles vergipst ist. So habe sie den Vater angerufen. Der meinte in seiner unvergleichlich gelassenen Art: „Solange ich nicht auf eine Leiter steigen muss, mache ich’s.“

Beim Telefoninterview strahlt er mit jedem Satz etwas ansteckend Frohes aus. Seine Stimme klingt fest, und er formuliert lebendig, sein Kopf macht mit. Er schiebt es auf seinen aktiven Lebensstil: „Ich mache viel draußen, wichtig ist es, immer in Bewegung zu bleiben.“

Weltkrieg, Arbeitsdienst und Lungendurchschuss überstanden

Seine Erinnerungen reichen zurück in die Jugendzeit in der tschechischen Heimat. Seine Eltern hatten, ganz klassisch für die damalige Zeit, Landwirtschaft. „Ich war ein richtiger Bauernbursche“, sagt er. Als junger Kerle habe er nach der Schule auf dem Feld gestanden: Kirschen pflücken und Gurken ernten für die bekannten Znaimer Gurken. Sein Vater war zudem Bürgermeister – die Amtsgeschäfte beschränkten sich in dem 50-Seelen-Dorf Gurwitz im Kreis Znaim in Südmähren aber auf wenige Stunden am Wochenende. Was nach der Jugend folgte, wäre genug, um ein Buch zu füllen, und hat sich tief in die Seele eingebrannt: Stefan Sauer hat im Zweiten Weltkrieg gekämpft, Internierungslager, Arbeitsdienst und Lungendurchschuss überstanden, in Schwaben gelang dann der Neuanfang. Über das Rote Kreuz hat die Familie wieder zusammengefunden. Auch seine spätere Frau hat Stefan Sauer so ausfindig gemacht, die Frau, die er schon als 13-Jähriger kennenlernte.

1950 ist das Paar nach Rudersberg gezogen, 1954 haben dann die Hochzeitsglocken geläutet, sie haben drei Kinder bekommen, ein Haus gebaut. Stefan Sauer war von Anfang an tätig als Maurer und Gipser. Die Ankunft im schwäbischen Rudersberg hat er nie vergessen: „Wir kamen am Samstag an und konnten gleich am Montag anfangen zu arbeiten.“ Seine Frau sei in der Fabrik Isoklepa untergekommen, die Badematten herstellte. Er habe sich als Handwerker für eine Baufirma in Stuttgart verdingt. „Damals kam jeden Morgen der Bus aus Schorndorf und hat alle eingesammelt und hingefahren“, berichtet er von der S-Bahn- und „Wiesel“-losen Zeit. Ein Auto hat er nie besessen, ein Krankenhaus nur ein einziges Mal von innen gesehen, als er sich die Ferse gebrochen hat.

Beim Hausbau habe er viel selbst gemacht. Nicht nur dort: In ganz Rudersberg, wo er auch Mitglied in mehreren Vereinen ist, hat er zig Häuser gegipst, Wände verputzt und gemalert. Alleine 450 Arbeitsstunden waren’s, als er beim Anbau der katholischen Kirche mitgeholfen hat. Die Frage, an wie vielen Häusern im Ort er seine Spuren hinterlassen hat, bringt ihn zum Lachen: „Ich traue mich gar nicht, sie zu zählen, so viele waren es.“ Er sagt, er sei immer mit Freude zur Arbeit gegangen. Sobald es ums Renovieren geht, wird sein Redefluss noch schwungvoller als eh schon. Das „Schaffige“ verhalf nun seiner Tochter auf die Schnelle zur frisch verputzten Wand.

„Immer lustig und fröhlich sein ist auch ganz wichtig“

Stefan Sauer hat etwas höchst Aufmunterndes an sich, wenn er erzählt, wie er seinen Haushalt bis heute selbst schmeißt. Viel Wert legt er auf einen strukturierten Tagesablauf. Der Mittagsschlaf gehört dazu, abends zum Vesper ein Trollinger-Lemberger. Keinen Tag beginne er, ohne die Schorndorfer Nachrichten von vorne bis hinten zu lesen, dazu gibt’s Kaffee, Hefezopf und Marmelade. Bis zum Mittag halten ihn die Hausmannspflichten in Schwung: Putzen, staubsaugen, Wäsche waschen und einkaufen beim Metzger und Bäcker – natürlich verbunden mit einem Fußmarsch an der frischen Luft. Die hält ihn bei Laune und die Knochen beweglich. Dazu kommt eine positive Einstellung: „Immer lustig und fröhlich sein ist auch ganz wichtig.“

Verreist ist Stefan Sauer nie. Der einzige „Luxus“ waren Lebensmittel: „Am Essen wurde nie gespart, es gab immer Gutes zum Essen“, hebt Sauers Tochter Roswitha Schäffer hervor. Als Vorspeise kam immer eine Suppe auf den Tisch. Stefan Sauer kocht sich bis heute täglich eine frische Suppe. Gut möglich, dass ihn die Abwechslung aus Nudelsuppe, Flädlesuppe, Leberknödelsuppe oder Gemüsesuppe so fit und gesund hält. Die Grundzutaten erntet er vor seiner Haustür, denn in seinem hohen Alter pflanzt er noch Kartoffeln, Sellerie, Karotten, Bohnen und Tomaten an - auch bei der Gartenarbeit kennt der Sohn einer Landwirtsfamilie keinen Schmerz. Und der Mann hat auch im hohen Alter noch Pläne. Ein Flug an den Wohnort seines Enkels in San Francisco scheide aktuell wegen Corona aus. Aber es ist immer noch sein Wunsch, einmal in seinem Leben zu fliegen.

An seinem 92. Geburtstag ist Stefan Sauer auf Händen gelaufen - fürs Pressefoto. Inzwischen lässt der mittlerweile 94-Jährige derlei Kunststückchen zwar lieber bleiben. Seine Hände in den Schoß zu legen, das käme ihm trotzdem nicht in den Sinn: Bei bester Gesundheit hat der ehemalige Maurer und Gipser erst kürzlich eine komplette Wand am Haus seiner Tochter verputzt. Der in Rudersberg bestens bekannte Senior ist ein Phänomen. Ist es vielleicht die tägliche Suppe, die ihn so fit

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