Rudersberg

Steinmetze: Warum sie noch auf die Walz gehen

Gesellen Steinmetz Walz Schlechtbach Wanderschaft Stenz Handwerk_0
Sie lernen, und sie reisen: Die Gesellen Johannes Brennsteiner (links) und Leif Herrmann sind auf der Walz und machen beim Steinmetzbetrieb von Volker Müller in Schlechtbach Station. Unser Bild zeigt sie in der traditionellen Arbeitskleidung, die auch „Scheniegelkluft“ genannt wird. © Gaby Schneider

Rudersberg-Schlechtbach. Alles, was sie brauchen, passt in ihr Bündel. Das heißt „Charlottenburger“. Ihr Wanderstock ist der „Stenz“. Unterwegs sind sie per Anhalter oder zu Fuß: Johannes Brennsteiner und Leif Herrmann heißen die zwei Handwerksgesellen auf der Walz, die derzeit bei einem Steinmetz in Schlechtbach arbeiten. Der schwäbische Betrieb ist für sie eine Station auf ihrem Weg, der sie bereits um die halbe Welt geführt hat.

Für Johannes Brennsteiner ist die Steinerei Müller in Schlechtbach, ein Steinmetzbetrieb, die letzte Arbeitsstelle, bevor er den Heimweg nach Dingolfing in Niederbayern antritt. Mehr als drei Jahre lang wird er dann unterwegs gewesen sein. Der Holzbildhauergeselle, „die Gewerke sind ja verwandt“, sagt er zu seiner Tätigkeit beim Steinmetz, ist viel herumgekommen, „die meiste Zeit in Europa“. Der 24-Jährige war zum Beispiel in Dänemark, Rumänien, in Frankreich, Spanien, Italien, im Kaukasus. Wie hat er sich dort verständigt? „Das geht gut. Die Leute sind freundlich.“ Ein bisschen Englisch half, der Eine oder Andere konnte Deutsch, was sonst noch nötig war, „die paar Brocken, das haben wir schnell gelernt“.

Im Gedächtnis geblieben ist auf jeden Fall: „Die Leute waren wahnsinnig gastfreundlich.“ Auch in Georgien, Armenien und der Ukraine ist Johannes Brennsteiner herumgekommen, „und von dort per Anhalter zurück nach Rumänien“. Wenngleich der Geselle häufig als Mitfahrer und auch gern zu Fuß unterwegs ist, mitunter musste er auch Flugzeug und Fähre nutzen.

"Oft ist es auch total unromantisch"

Das Vorankommen „auf Schusters Rappen“ hat seinen Reiz. Als Wanderer, frei und ungebunden, die Sonne im Gesicht: „Es gibt so Tage“, weiß Johannes Brennsteiner. Es gibt ebenso die anderen, verregneten und kalten. „Oft ist es auch total unromantisch.“ Ein eigenes Auto freilich käme für Johannes Brennsteiner derzeit nicht in Frage. „Man darf selbst kein Auto besitzen“, erklärt er eine Regel der Walz. Eine weitere lautet, kein Geld für Fortbewegung und Unterbringung auszugeben. „Das war am Anfang gar nicht so leicht.“ Aber Brennsteiner hat festgestellt: „Man lernt das auch, auf Leute zuzugehen.“ Seine Erfahrung: „Es ergibt sich immer etwas.“

Sich im Zweifelsfall kurzerhand mal daheim einzuquartieren, wäre für den Handwerksgesellen übrigens gar keine Option. Zu seinem Heimatort muss er für die Zeit der Walz 60 Kilometer Abstand halten.

Die Gelgenheit, die Welt kennenzulernen

Mit dem Unterwegssein hat auch Leif Herrmann schon viele Erfahrungen gesammelt. Der Steinmetzgeselle macht zurzeit ebenfalls bei der Steinerei Müller Station. Der 23-Jährige stammt aus Lüneburg und ist seit zweieinhalb Jahren auf der Walz. „Ich werde es noch ein bisschen ziehen“, hat er sich vorgenommen. Nicht, dass er bisher nicht herumgekommen wäre, im Gegenteil. In Österreich, der Schweiz, in Dänemark, Polen, Kambodscha, Burma und Thailand ist Herrmann bereits gewesen.

Nun sind die beiden Weitgereisten vorübergehend in Schlechtbach tätig. Die Unterstützung durch die zwei Gesellen ist Steinmetz Volker Müller willkommen. Sie erhalten hier ein Quartier und schaffen mit. So bietet die Walz Gelegenheit, die Welt kennenzulernen, sein Können im eigenen Beruf zu erweitern und in verschiedenen Betrieben mitzuarbeiten. „Die Kluft öffnet einem viele Türen“, sagt Johannes Brennsteiner. Und Gelegenheiten zu lernen, an die er in Jeans und T-Shirt nie herangekommen wäre. Die Kluft ist die traditionelle Zunftkleidung der Handwerksgesellen. Für Brennsteiner steht fest: „Die drei Jahre haben schon viel gebracht.“

Ein Friedhof als Schlafplatz

Arbeiten die Gesellen während ihrer Wanderjahre in ihrem Beruf, werden sie vom jeweiligen Arbeitgeber auch wie normale Angestellte nach Tarif bezahlt. Bei Steinmetz Müller können die Gesellen in einer kleinen Wohnung über der Werkstatt wohnen. Sie nehmen unterwegs auch mit weniger komfortablen Unterkünften vorlieb. Eine Stunde am Tag in einen Schlafplatz investieren, das gehört zum Alltag, wenn sie kein festes Quartier haben. Im Notfall nächtigen sie unter freiem Himmel.

Seine kälteste Nacht hat Leif Herrmann im Oktober draußen verbracht. Sonst fragen sie in Kneipen nach Quartieren, in größeren Städten werden sie in besetzten Häusern aufgenommen, in Pfarrhäusern wird weitergeholfen, zur Not wird auch mal im Foyer einer Bankfiliale der Schlafsack ausgebreitet. Sogar auf dem Friedhof hat sich schon ein Schlafplatz gefunden - sehr zum Erschrecken des Wächters. Die Suche nach einem Obdach zur Nacht bereitet Leif Herrmann und Johannes Brennsteiner für gewöhnlich wenig Sorgen. „Man lernt über den Tag Leute kennen“, wissen sie. Und: „Die Leute sind schon hilfsbereit.“

Reisen mit leichtem Gepäck

Häufig führt der erste Weg in einem Ort ins Rathaus. „Da kann man ziemlich viel in Erfahrung bringen.“ Dort gibt es auch einen Stempel ins Wanderbuch, mit dem die Zeit der Walz dokumentiert werden kann.

Wenn die Gesellen weiterziehen, packen sie ihr Bündel, Charlottenburger genannt. Nur wenig kommt hinein: Arbeitskleidung und Unterwäsche etwa, nennt Leif Herrmann Beispiele, Zahnbürste, Rasierer und Zahnpasta kommen in der Jacke unter. Auch ein Schlafsack gehört zum Gepäck. Alles in allem trägt Johannes Brennsteiner dann acht Kilo Gewicht. „Eigentlich ist es immer weniger geworden“, stellt er fest.


Sogar in Afrika

Was die Walz bedeutet, weiß Volker Müller von der Steinerei Müller in Schlechtbach, bei dem die beiden jungen Handwerksgesellen gerade arbeiten, aus Erfahrung. Der nunmehr seit Jahren niedergelassene Steinmetz war in jungen Jahren, von 1990 bis 1993, selbst auf der Walz. Sein Weg führte ihn durch Europa, Südamerika und nach Afrika. Kein Wunder, dass sich Müller in den mit der Walz verbundenen Traditionen bestens auskennt.