Rudersberg

Wie gefährlich ist Borreliose?

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Symbolbild. © Ramona Adolf
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Peter Höschele (64), seit 1986 als Allgemeinmediziner im Wieslauftal (Schwerpunkt Kinder-, Sport- und Hautkrankheiten) und sein Sohn Philipp (35) vor der Rudersberger Gemeinschaftspraxis mit inzwischen sieben Allgemeinmedizinern. © Benjamin Büttner

Rudersberg. Die Zahl von Patienten, die unspezifische Symptome wie chronische Müdigkeit und Rückenschmerzen auf eine unerkannte Borrelioseerkrankung zurückführen, wächst. Die Leidenden fühlen sich von den Ärzten nicht ernst genommen und suchen in alternativen Angeboten und Selbsthilfegruppen ihr Heil. Der Rudersberger Allgemeinmediziner Peter Höschele hält das für eine ungute Entwicklung. Ein Gespräch.

"Als eingebildete Krankheit stigmatisiert": Stellungnahme der AOK zu den Aussagen Peter Höscheles

„Man muss bei diesem Thema vorsichtig sein“, sagt der Allgemeinarzt Peter Höschele in seiner Gemeinschaftspraxis im Rudersberger Ortsteil Steinenberg. Borreliose ist zum Reizthema geworden, bei dem die gegenseitigen Vorwürfe zwischen Patienten und Medizinern das Klima einer sachlichen Auseinandersetzung unnötig aufgeheizt haben. Höschele setzt auf Aufklärung.

Borreliose kann mit Antibiotika behandelt werden

Zunächst einmal versichert er: „Borreliose ist keine Krankheit, die gefährlich ist. Sie hat Symptome, die man behandeln kann, ohne dass, in der Regel, Spätfolgen auftreten.“ Die Borrelioseerreger einer von ihnen befallenen Zecke nisten in deren Darm und es dauert acht Stunden, bis sie über das eingesaugte Blut in die Beißwerkzeuge des Tieres gelangen und von da auf den Menschen übertragen werden. Bei Befall tritt als Symptom meist nach acht bis zehn Tagen eine Wanderröte auf. Diese ist gut zu erkennen und „mit einem Antibiotikum über zwei bis drei Wochen kann man das dann hervorragend behandeln.“

Fokus auf angeblich nicht erkannte Borreliose „gibt scheinbar Halt“

Dagegen hält Höschele die auf Patiententagen von Selbsthilfegruppen wie Anfang Juli in Fellbach angebotenen, oft teuren Therapieformen (wir berichteten) für fragwürdig, ja gefährlich. „Die Leute werden hier auf eine falsche Fährte gelockt.“ Der Fokus hinsichtlich der Beschwerden sei dort ganz auf eine – angeblich nicht erkannte – Borreliose ausgerichtet. Und genau „das gibt scheinbar Halt bei Beschwerden, für die man keine eindeutige Ursache finden kann“, vermutet der Arzt und erklärt: „Es gibt keine chronische Borreliose!“ Und genau das würde von diesen Therapieangeboten ignoriert und bestritten.

Patienten vermuten häufig Borreliose-Erkrankung

„Eine Wanderröte sehe ich im Sommer vier- bis sechsmal im Monat. Sehr selten einen Fall im zweiten Stadium.“ Aber, so Höschele, „tagtäglich“ kämen in seine Praxis Patienten mit Beschwerden, die sie auf eine vermutete Borreliose-Erkrankung zurückführen. „Die Leute sagen dann, sie würden systematisch abgestempelt und schimpfen, dass sie angeblich nicht ganzheitlich behandelt würden.“ Dabei, so Höscheles Beobachtung, „sind sie selbst nur auf einen Fokus ausgerichtet: die Borreliose. Dabei spielt bei vielen Beschwerden nicht eine einzelne Ursache eine Rolle, sondern sie müssen im Kontext der Lebensumstände gesehen werden. Und der ist eigentlich die Domäne der Hausarztmedizin.“

Anti-Körper Untersuchung schafft keinen Nachweis für eine Erkrankung

Stattdessen lassen viele Patienten dann ihr Blut auf Anti-Körper untersuchen. „Wenn dort dann etwas nachgewiesen wird, ist das aber noch keine Krankheit, wie die selbst ernannten Heiler behaupten. Das heißt nur, dass der Körper Abwehrmechanismen gebildet hat und irgendwann die Erreger bekämpft hat“, erklärt Höschele. Auch Bio-Resonanz-Verfahren mit kostspieligen Geräten versprächen durch Schwingungen Krankheiten heilen zu können. „Das wird teuer verkauft. Den Leuten wird vorgegaukelt, dass es die Lösung ihrer Probleme ist.“

Bei chronischer Müdigkeit wollen Leute auf Borreliose getestet werden

„Jeden Tag kommen Patienten mit Müdigkeitserscheinungen und Ähnlichem zu uns und wollen auf Borreliose getestet werden. Müdigkeit kann ein Zeichen von vielen Infektionen sein. Es gibt Tausende von Erregern.“ Aber, so Höschele, „solche Beschwerden gehören zum Alltag und haben auch mit unserem Lebensstil zu tun. Dazu gehören Ess- und Bewegungsverhalten, Arbeits - Familienumfeld und die eigene Lebensgeschichte. Stattdessen projiziert man die Beschwerden auf eine Borreliose.“ Gerade das Gegenteil von Ganzheitlichkeit, denn Lebensstil und -umstände blieben so weiterhin außen vor.

Die Höscheles plädieren für eine Stärkung der Allgemeinmedizin

„In Zeiten des Internets organisiert man sich dann in Gruppen als Lebens-Religions-Ersatz, um nur noch über dieses eine Thema zu reden und alle Andersgläubigen zu verdammen: böse Ärzte, böse Pharmaindustrie. Das ist ein Glauben, da kommt man mit Tatsachen nicht mehr an.“

Der Ansatz von Peter Höschele und seinem Sohn Philipp, Facharzt für Innere Medizin, der gerade selbst auch die Zusatzausbildung zum Allgemeinarzt macht, ist ein anderer. Sie plädieren für eine „Stärkung der Allgemeinmedizin, denn sie ist auch Familienmedizin. Schwerpunkt ist die Lebensbegleitung.“ Philipp Höschele hat erfahren, dass man oft „mit Technik allein nicht weiterkommt“. Die medizinische Behandlung soll das gesamte Lebensumfeld des Patienten berücksichtigen. Dafür setzt sich Peter Höschele ein. „Wir hier in Rudersberg sind eine Lehrpraxis der Universität Tübingen. Diese Arbeitsweise wollen wir weitergeben.“


FSME

Die Fälle von FSME (Frühsommer- Meningoenzephalitis) in Peter Höscheles Praxis nehmen zu. „Vielleicht auch durch den Klimawandel“, vermutet er. Die Fälle sind aber nach wie vor selten. „Etwa vier bis acht Patienten pro Saison im Rems-Murr-Kreis.“ Gegen diesen Virus gibt es einen Impstoff zur Prävention, der, „das ist sinnvoll“, in der Rudersberger Gemeinschaftspraxis etwa 1000-mal im Jahr verabreicht wird.

 

„Als eingebildete Kranke stigmatisiert“

Ute Fischer vom „Borreliose und FSME Bund Deutschland e. V.“ nimmt Stellung / Patiententag war von der AOK gefördert

Der Borreliose-Patiententag Anfang Juli in Fellbach ist sehr wohl von der AOK gefördert worden. Die AOK hat sich bei Ute Fischer vom „Borreliose und FSME Bund Deutschland e. V.“ dafür entschuldigt, dass das Gegenteil in dieser Zeitung vom 14. August behauptet worden ist. Ute Fischer nimmt zudem Stellung zu den Aussagen des Rudersberger Arztes Dr. Peter Höschele. Die Aufregung bei Patienten nach unserer Extraseite vom 14. August sei groß.

„Wir bedauern sehr, dass es zu dieser Fehlinformation gekommen ist“, sagt Joachim Härle von der AOK Ludwigsburg/Rems-Murr. Wie kam es zu der Fehlinformation, der Borreliose-Patiententag von Anfang Juli in Fellbach sei nicht von der AOK gefördert worden? „Aufgrund der Urlaubszeit waren für die Selbsthilfe-Förderung zuständige AOK-Mitarbeiter sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene leider nicht erreichbar. Da es sich um die Veranstaltung einer Bundesorganisation handelte, waren die Abteilungen der Öffentlichkeitsarbeit der AOK Baden-Württemberg (Hauptverwaltung und Bezirksdirektion) nicht entsprechend informiert.“

Wertvolle Arbeit der Selbsthilfeorganisationen

Härle bestätigt deshalb noch mal in aller Form: Der Patiententag in Fellbach ist von der AOK mit Projektfördermitteln (Landesmittel) der Selbsthilfe gemäß § 20 h SGB V gefördert worden. „Hintergrund war eine Anfrage des AOK-Bundesverbands, da dort keine Gelder mehr vergeben werden konnten.“ Grundsätzlich fördere die AOK Baden-Württemberg die sehr wertvolle Arbeit der Selbsthilfeorganisationen. Erfahrungsgemäß orientieren sich diese in der Regel am neusten wissenschaftlichen Stand. Für die Inhalte sehe sich die AOK Baden-Württemberg nicht in der Verantwortung.

Um die Inhalte und mutmaßlichen (!) Inhalte des Patiententages ist nach unserem Bericht vom 3. Juli ein Meinungsstreit entbrannt, der uns veranlasste, am 14. August eine Extraseite „hinterherzuschicken“. Hier kam dann insbesondere der Rudersberger Allgemeinarzt Dr. Peter Höschele zu Wort. Daraufhin hat sich nun Ute Fischer vom „Borreliose und FSME Bund Deutschland e. V.“ mit einer Stellungnahme gemeldet, die wir hiermit dokumentieren:

Verzweifelte Suche nach Praxen, die Borreliose-Patienten ernst nehmen

„Immer wenn eine Selbsthilfegruppe entsteht, ist dies ein Indiz, dass Patienten von ihren Ärzten mit ihren Sorgen alleine gelassen werden“, schreibt Ute Fischer. „Wenn Borreliose so einfach zu erkennen und zu behandeln wäre, wie es eine Rudersberger Arztpraxis darstellte, bräuchte es keine Selbsthilfeorganisation.“

„Von den Irritationen zwischen Arzt und Patient künden mehr als 100 Borreliose-Selbsthilfegruppen in Deutschland; allein acht in Baden-Württemberg und eine Borreliose-Beratung direkt im Einzugsbereich dieser Zeitung, in Winnenden. In deren Umfeld ist die Aufregung groß aufgrund der Berichterstattung (dieser Zeitung, Anm.) vom 14. August. Mehrere Patienten wurden bereits als eingebildete Kranke stigmatisiert und suchen verzweifelt nach einer Arztpraxis, wo sie ernst genommen werden.“ „Als Patientenorganisation ist es Zweck und Pflicht, Patienten aufzuklären, dass die üblichen Antikörper-Testverfahren nicht standardisiert sind, weil es mehr als 20 verschiedene Testhersteller gibt. Man kann mit dem gleichen Blut in einem Labor hochpositiv und in einem anderen negativ getestet werden. Den meisten Ärzten ist das unbekannt. Sie verlassen sich auf ihr Labor und entscheiden danach, ob eine Borreliose vorliegt oder nicht. Ein positiver Labortest beweist keine Borreliose und ein negativer schließt sie nicht aus“, schreibt Ute Fischer.

„Angeblich typische Wanderröte nur in rund 50 Prozent der Fälle“

„Es ist auch wichtig zu verstehen, dass sich jede Borreliose anders zeigt, und dass ausschließlich die Symptome zu einer korrekten Diagnose führen. Von großer Bedeutung ist das Wissen, dass sich Borreliose nur in rund 50 Prozent der Fälle mit einer angeblich typischen Wanderröte zu erkennen gibt. Dies und wie man selbst für ein intaktes Immunsystem sorgt, waren Themen auf dem Patiententag in Fellbach. Darüber referierten vier Schulmediziner, die sich in der ärztlichen Fachgesellschaft Deutsche Borreliose-Gesellschaft fortbilden und ihre Erfahrungen einbringen: eine Allgemeinärztin mit Kassenzulassung, ein global renommierter Laborarzt, ein Zahnarzt, der zugleich Humanmediziner ist sowie ein Neurologe, Chefarzt einer Reha-Klinik, bei dem Patienten landen, die häufig unter den Verdacht einer Multiplen Sklerose oder einer psychischen Störung gestellt werden, als austherapiert gelten, aber doch viel lieber noch arbeiten möchten.“

Gefördert und wertgeschätzt von allen gesetzlichen Krankenkassen

Der Borreliose und FSME Bund Deutschland e. V. existiere seit 23 Jahren. Er werde gefördert und wertgeschätzt von allen gesetzlichen Krankenkassen, im Falle des Fellbacher Patiententages sehr wohl von der AOK Baden-Württemberg.

„Er ist Mitglied des Paritätischen, der BAG Selbsthilfe und der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Selbsthilfegruppen und unterwirft sich deren strengen Prämissen. Das Finanzamt bewertet ihn seit Anbeginn als gemeinnützig. Langjährige Mitglieder wurden ausgezeichnet mit Ehrenzeichen ihres Bundeslandes und einer Einladung zum Bundespräsidenten.“

In puncto Information und Beratung, weist Ute Fischer auf Folgendes hin: „Es existiert eine Hotline, wo sich jedermann telefonischen Rat einholen kann: www.borreliose-bund.de.“


„Immer mehr Borreliose-Fälle“

In dem Beitrag vom 14. August sei der Anschein erweckt worden, „als sei die Zahl der Borreliose-Infektionen in den Jahren 2011 bis 2014 relativ konstant geblieben“, schreibt Ute Fischer. Da in Baden-Württemberg eine generelle Meldepflicht für Borreliose zwar von Sozialminister Manfred Lucha angemahnt, aber noch nicht umgesetzt worden sei, seien Zahlen unrealistisch, wenn sie ausschließlich auf Angaben der AOK Rems-Murr-Kreis resultieren. Aufgrund der Meldezahlen in neun meldepflichtigen Bundesländern stiegen die Borreliosefälle von 2015 auf 2016 um bis zu 71 Prozent (Quelle: Robert Koch-Institut).