Rudersberg

Wieslauftal-Kläranlage versorgt künftig auch Althütte und wird energieeffizienter

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Machen sich ein Bild vom Stand der Sanierungsmaßnahme (von links): Raimon Ahrens (Rudersberger Bürgermeister), René Schaal (Bauamtsleiter), Falk Gräsing (Klärwärter) und Oliver Hedderich (stellvertretender Leiter des Bauamts und technischer Leiter der Kläranlage). Im Hintergrund zu sehen: Der neue Faulturm der Kläranlage im Wieslauftal. © Ralph Steinemann Pressefoto

Wenn unser Abwasser den Abfluss hinuntergelaufen ist, kümmert es uns meist nicht mehr. Wir gehen schlicht davon aus, dass es fachgerecht geklärt und verarbeitet wird. Dabei ist ein funktionierendes Abwassersystem keine Banalität. Mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit müssen darauf verzichten. Deshalb zählt die Kläranlage im Wieslauftal mit ihren drei Mitarbeitern klar zum systemrelevanten Bereich.

Pro Sekunde pumpt die Anlage rund 180 Liter Abwasser aus dem Kanal. Zwischen 5000 und 15 000 Kubikmeter Abwasser werden hier tagtäglich geklärt, also in die Bestandteile zersetzt und gereinigt. Ein komplexer Prozess, an dessen Ende das Wasser frei von Toilettenpapier, Sand, Fett Schlamm und Exkremente in die Wieslauf geleitet werden kann.

Wer vom Sportplatz in Miedelsbach Richtung Michelau läuft, muss gerade an Baufahrzeugen vorbei und auf ein Maisfeld ausweichen. Am Wegesrand sind Bauarbeiter beschäftigt. Sie verlegen gerade einen Gasanschluss, der zur Kläranlage führt. Auch ein Kran über den Klärbecken macht deutlich: Hier wird gebaut.

An- und Umbau der Anlage kostet 6,8 Millionen Euro

Seit gut zwei Jahren wird die Kläranlage Mittleres Wieslauftal um- und ausgebaut. Ein großer Teil der Maßnahme ist bereits abgeschlossen: Die Rechenanlage hat ein zweites Becken bekommen, das Hebwerk eine neue, vierte Pumpe, das neue Vorklärbecken steht, ebenso der Faulturm mit Maschinengebäude sowie der Gasbehälter und die Gasfackel. Noch fehlt indes das künftige Blockheizkraftwerk.

Nach dem Ausbau wird auch Althütte an die Kläranlage angeschlossen sein. In zwei Teilorten der Gemeinde war dies bereits bislang der Fall. Künftig soll die Anlage das Abwasser von insgesamt 15 500 Einwohnern der beiden Kommunen klären, davon rund 4000 aus Althütte. Rund 6,8 Millionen Euro wird der Um- und Anbau kosten, 15,8 Prozent davon übernimmt Althütte, den Rest Rudersberg. Die Maßnahme wird mit 1,8 Millionen Euro vom Land gefördert. „Wir hoffen im Moment noch auf eine Nachförderung“, sagt Rudersbergs Bürgermeister Raimon Ahrens. Auch, weil die Baumaßnahme deutlich teurer geworden ist als ursprünglich geplant. Hauptsächlich weil die Ausschreibungen, was derzeit häufig der Fall ist, höhere Kosten zum Ergebnis hatten. Vor sechs Jahren, als die Planungen begannen, war man noch von 4,5 Millionen ausgegangen. Die Nachförderung kann aber erst nach Abschluss der Erweiterung erfolgen. Stand jetzt sollen bis zum Sommer 2021 die Bauarbeiten abgeschlossen sein.

Dafür rechnet man künftig mit geringeren Betriebskosten. Denn im Rahmen der Kläranlagen-Erweiterung wird auch das Verfahren für die Schlammverarbeitung umgestellt – „und zwar von aerob auf anaerob“, sagt Oliver Hedderich, technischer Leiter der Kläranlage. Bislang wurde der Schlamm, bevor er in die Trocknungsanlage kam, mit Hilfe von Sauerstoff entwässert. Dabei sind die im Klärschlamm enthaltenen organischen Bestandteile zu humusartigen und zu mineralischen Stoffen umgewandelt worden.

Der Klärschlamm wird künftig ausgefault – und betreibt ein Blockheizkraftwerk

Künftig wird der Schlamm aus dem Vorklärbecken in einen Faulturm (Fassungsvermögen: 650 Kubikmeter) gepumpt – und dort dann mit Hilfe von Bakterien „ausgefault“. Das dabei entstehende Gas fließt in ein Blockheizkraftwerk, das den Faulturm auf 38 Grad erwärmt – und zugleich Strom produziert, der dann wieder in die Kläranlage zurückfließt. „Dadurch können wir unsere Energiebilanz deutlich verbessern“, sagt Hedderich. (Der Anschluss an das Gasnetz, der gerade geschaffen wird, ist notwendig, falls das ebenfalls noch geplante Blockheizkraftwerk, das den Faulturm erwärmt, einmal gewartet werden muss oder ausfallen sollte.)

Außerdem lässt sich ausgefaulter Schlamm besser entwässern. Das ist wichtig bei der Entsorgung, die etwa thermisch in der Müllverbrennungsanlage, im Tagebau oder als Trockensubstrat in der Zementindustrie geschieht. Denn je höher der Wasseranteil, desto teurer wird die Entsorgung. Mit Hilfe des Faulturms verringert sich die Menge des anfallenden Schlamms. Die Gemeinde spart somit dauerhaft Entsorgungskosten.

Erst kürzlich stillgelegt wurde die Trocknungsanlage auf dem Gelände. Was von außen wie eine Gärtnerei aussieht, war ein Prototyp, der so nicht mehr auf dem Markt ist. Das sorgte bei Reparaturen für lange Lieferzeiten und hohe Kosten. „Vom Prinzip her war das schon eine gute Idee“, sagt Hedderich. Denn in der Anlage wurde der bereits aerob verarbeitete Schlamm mit Hilfe von Sonne und Wärme getrocknet. Allerdings sei der Energiebedarf dafür, vor allem im Winter, recht hoch gewesen. Und man habe nicht ganz verlässlich sagen können, wie hoch der Wasseranteil am Ende sein wird, so Hedderich. Der Rudersberger Gemeinderat hat, nachdem es kürzlich zu einem Lagerschaden kam, entschieden, die Anlage nicht mehr zu ertüchtigen.

Wenn unser Abwasser den Abfluss hinuntergelaufen ist, kümmert es uns meist nicht mehr. Wir gehen schlicht davon aus, dass es fachgerecht geklärt und verarbeitet wird. Dabei ist ein funktionierendes Abwassersystem keine Banalität. Mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit müssen darauf verzichten. Deshalb zählt die Kläranlage im Wieslauftal mit ihren drei Mitarbeitern klar zum systemrelevanten Bereich.

Pro Sekunde pumpt die Anlage rund 180 Liter Abwasser aus dem Kanal. Zwischen 5000

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