Rudersberg

ZVW-Sommertour mit Glockenschlag

1/23
68e7b051-ebe8-49a2-850c-eaa5cde88c59.jpg_0
Er weiß, was die Glocke geschlagen hat: Günter Schäfer lässt für die Sommertour-Teilnehmer die Glocken läuten. © ZVW / Habermann
2/23
50187612-fd16-4a55-b629-a8c65f212a60.jpg_1
Der langjährige Mesner Günter Schäfer (ganz rechts) erklärt das alte Uhrwerk. © ZVW / Habermann
3/23
2e5a5e45-2b14-44e8-a0cf-e74ade5dc23b.jpg_2
Über den Dächern von Rudersberg: Der Blick vom Turm der Johanneskirche. © ZVW / Habermann
4/23
602ba222-1ee1-495a-9a97-6c4d687ad89f.jpg_3
Zu Gast im historischen Gewölbekeller von Familie Lang in Schlechtbach. Gleich gibt’s Most für alle. © ZVW / Habermann
5/23
693db5e7-d2be-48cb-aab6-dfcb154696cb.jpg_4
Hier wohnte Ehrenbürger Dr. Michael Hockertz. © ZVW / Habermann
6/23
1d2c6e17-8e71-4aae-9e31-222e54aa5a9e.jpg_5
Im heutigen Pfarrhaus (hinten) lebte einst der Schorndorfer Stadt- und Festungskommandant. © ZVW/ Habermann
7/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 21_6
© Gabriel Habermann
8/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 19_7
© Gabriel Habermann
9/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 18_8
© Gabriel Habermann
10/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 17_9
© Gabriel Habermann
11/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 16_10
© Gabriel Habermann
12/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 15_11
© Gabriel Habermann
13/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 14_12
© Gabriel Habermann
14/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 13_13
© Gabriel Habermann
15/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 12_14
© Gabriel Habermann
16/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 09_15
© Gabriel Habermann
17/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 08_16
Sommertour "Auf den Spuren der Geschichte" in Rudersberg . Es führt Jürgen Bossert. hier Krichenglocken Kirche Rudersberg © Gabriel Habermann
18/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 06_17
© Gabriel Habermann
19/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 05_18
© Gabriel Habermann
20/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 04_19
© Gabriel Habermann
21/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 03_20
© Gabriel Habermann
22/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 02_21
© Gabriel Habermann
23/23
Sommertour Rudersberger Geschichte(n) - Bild 01_22
Sommertour "Auf den Spuren der Geschichte" in Rudersberg . Es führt Jürgen Bossert. hier Krichenglocken Kirche Rudersberg © Gabriel Habermann

Rudersberg. Weit schwingen die Glocken über Rudersberg. Hoch droben lauschen die Sommertour-Gäste ihrem Klang. Für einen Moment verschmelzen Gestern und Heute, scheint die Zeit im alten Glockenstuhl stehengeblieben. Auf die Spuren der Rudersberger Geschichte hat sich die Sommertour begeben, hat liebenswürdige Gastgeber über und unter der Erde getroffen, hat am Haus des Schorndorfer Stadtkommandanten Halt gemacht, Spannendes über Wein erfahren - und Most probiert.

Video: Mit der Sommertour auf den Kirchturm der Rudersberger Johanneskirche

Vergessen ist die leise Orgelmusik in der Kirche, als die Glocken oben im Turm zu schwingen beginnen. Die Lautstärke beeindruckt, auch wenn man Stimmgewalt erwartet hat, füllt die kleine Stube hoch über dem Ort vollständig aus. Günter Schäfer, der frühere Mesner, lässt alle Glocken läuten, ein zeitloses Bild vor alten Balken, ein Motiv, das die Jahrhunderte überdauert.

Günter Schäfer kennt sich aus mit den Glocken und dem Turm. Schon sein Großvater war Mesner in der Johanneskirche. Er selbst erinnert sich noch gut an die Zeiten, als man von Hand am Glockenseil zog und wehe, man fasste nicht richtig zu. Wehe Hände vom sausenden Seil waren die Folge.

Die Sommertour-Gäste hören und staunen. Über den weiten Blick auf den Ort in der Tiefe, über die knarrenden alten Holztreppen hinauf auf den Turm, über das mächtige Dachgebälk über der Kirche. Denn auch auf den Dachboden dürfen die Sommertour-Gäste einen Blick werfen, bevor der Weg am alten Uhrwerk und an gotischen Steinbögen vorbei nach oben führt.

Gotische Verzierungen? Der Turm, erklären Mesner Uli Freudenreich und sein Amtsvorgänger Günter Schäfer, ist älter als die Kirche. Er stammt aus dem 15. Jahrhundert und diente als Wehrturm. Feuer und Gefahr wurden hier erkannt und notfalls Alarm gegeben. Ein Zeuge aus alter Zeit ist die Marienglocke von 1495 im Turm. Im Zweiten Weltkrieg drohte auch ihr das Einschmelzen für Kriegszwecke. Mit Ölfarbe war schon „Kirchengemeinde Rudersberg“ auf die Glocke geschrieben worden. War's ihr hohes Alter, ihre Größe, die den Transport schwierig machte, oder ihr Gewicht von fast einer Tonne? Zum Glück blieb der Marienglocke das Einschmelzen erspart.

Pietismus und Reformation

Unten in der Kirche macht Jürgen Bossert, unser kundiger und humorvoller Sommertour-Führer, die Besucher mit Details des Bauwerks bekannt. Die Kirche wurde als Betsaal gebaut. Der Pietismus brachte Schlichtheit mit sich, Ablenkung war nicht gewünscht. „Das Wort ist wichtig“, betonte Jürgen Bossert. Über den Vorgängerbau ist wenig bekannt oder überliefert. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete das Land, mehrere Pestepidemien verringerten die Bevölkerung und machten auch vor Pfarrersfamilien nicht halt, die die Kirchenbücher führten. Moderne Rathäuser oder Standesämter gab es ja damals noch nicht.

Später dann war Rudersberg auch ein Mittelpunkt des Pietismus. Die Reformbewegung war bei der Obrigkeit nicht beliebt, sagte Jürgen Bossert. Man traf sich privat und ging in die „Stund“, die Herrschenden wussten nicht, was da „geschwätzt“ wurde.

Auch von den Rudersberger Pfarrern der jüngeren Vergangenheit weiß Jürgen Bossert viel zu berichten. Ihre Bilder sind in der Johanneskirche zu finden. Hermann Josenhans zum Beispiel, der Anfang der 1930-er Jahre hier Pfarrer war, hat eine Ortschronik von Rudersberg und Schlechtbach geschrieben. Von Pfarrern mit jüngerer Amtszeit weiß Jürgen Bossert, der als Lehrer 1963 nach Rudersberg kam, manche Anekdote zu berichten.

Auch mit dunklen Kapiteln

Der Pädagoge und Heimatkundige ging auch auf die Zeit des Nationalsozialismus ein. Der frühere Pfarrer Friedrich Ettwein, in Rudersberg wirkte er von 1923 bis 1930 als Geistlicher, war ein Gründungsmitglied der NSDAP-Ortsgruppe Rudersberg, wie auch der Ingenieur Karl Mayer, berichtete Jürgen Bossert. Der Fabrikant Hermann Bürglen gründete eine SA-Gruppe in Rudersberg. Im Zusammenhang mit der Nazi-Zeit ist auch Karl Buck ein wichtiger Name. Er richtete das Konzentrationslager in Welzheim ein und arbeitete dort als Kommandant sowie im KZ in Stetten am kalten Markt, in Ulm und in einem Konzentrationslager im Elsass, sagte Jürgen Bossert. „Man konnte ihm keine Ermordung beweisen.“ Er verbrachte seinen Lebensabend in Rudersberg.

Auch vom einstigen Frauenarbeitserziehungslager in Rudersberg berichtete Jürgen Bossert. Es wurde von der Gestapo 1942 eingerichtet in der früheren „Ritterburg“, einem Ausflugslokal, gearbeitet wurde unter anderem in einen danebenliegenden Holzwerk. Hunderte Frauen wurden hierher von überall her verbracht, „Frauen, denen man nachsagte, sie würden nicht gern arbeiten“, so Bossert. Teils seien auch Rudersberger zwangsverpflichtet worden, zu arbeiten. Sie schufteten „unter fürchterlichen Bedingungen, es war grausam“. Ein Denkmal auf dem Friedhof erinnert auch an die Leiden der Frauen, wobei Jürgen Bossert keinen Hehl daraus macht, dass er eines am Ort des Lagers bevorzugt hätte.

Ohne Friedhof, aber mit Pfarrhaus

Eigentlich hätte die Sommertour auch auf dem Friedhof Station machen wollen, aber ein Blick auf die Uhr zeigte, alles würde zeitlich nicht mehr klappen. Aber ein Abstecher zur Straße Im Hof musste sein. Hier, im Pfarrhaus, im einstigen „Schlössle“, residierte im 18. Jahrhundert der Stadt- und Festungskommandant von Schorndorf.

Vom idyllischen Platz geht's weiter an die Dr.-Hockertz-Straße, benannt nach dem Ehrenbürger von Rudersberg Dr. Michael Hockertz. Er kam 1882 nach Rudersberg und betreute als Arzt die Wieslauftalgemeinde und den Raum Althütte, Allmersbach sowie Miedelsbach. Der Mediziner war den Menschen sehr zugetan. „Er war eine Seele von Mensch“, sagte Jürgen Bossert. Seine Frau stammte aus Norddeutschland, woran ein Spruch über der Haustür des früheren Wohnhauses erinnert.

Ging's zu Beginn der Sommertour hinauf, so hieß es zum Abschluss, hinab zu steigen, und zwar in den mittelalterlichen Gewölbekeller der Familie Lang am Jakob-Dautel-Platz in Oberschlechtbach. Wo genau der gleichnamige Rebell des Aufstands des Armen Konrads hier lebte, ist nicht ganz klar, „es muss hier irgendwo gewesen sein“, ist sich Jürgen Bossert sicher. Der Lang'sche Keller hat so oder so auf jeden Fall Geschichte, die fein behauenen Deckensteine zeigen's. Er wurde im Laufe der Zeit wohl vom Gasthauses „Sonne“ genutzt, als noch Bier gebraut wurde, diente als Eiskeller und bot im Zweiten Weltkrieg Schutz. Heute beherbergt er Mostfässle. Bald haben die Sommertour-Gäste Apfel- und Birnenmost im Glas und lassen den Abend im historischen Steingewölbe ausklingen.