Schorndorf

Ärger um Lärm in der Innenstadt

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Auf der Marktplatzbühne ist zu SchoWo-Zeiten oft die Hölle los – zur Freude des Partypublikums, zum Ärger der Anwohner. © Habermann / ZVW

Schorndorf. Eigentlich, sagt Altjazzer Pat Schock, dachte er immer, er sei allein mit seinem Kummer und nur ihn würde die von unzähligen Veranstaltungen begleitete Belebung der Innenstadt nerven. Doch weit gefehlt: Jetzt meldet sich eine Gruppe von Innenstadtbewohnern zu Wort, die sich anlässlich des heutigen Tages gegen Lärm weniger lautstarke Events vor Fachwerkkulisse wünscht – und sich sicher ist: „Wir reden nicht nur für uns.“

Die SchoWo ist der Härtetest für die Innenstadtbewohner, doch im Grunde geht’s ihnen in ihrer Kritik darum, dass die Altstadt zunehmend beschallt wird. Verkaufsoffener Sonntag, Osterbrunnen-Einweihung, Altstadtlauf, Kinderfest, Mitternachtsshopping, Summer in the City, Open-Air-Kino, Weintage, Kunstnacht, Stadtmarkt, Weihnachtsmarkt. Ein Event jagt das nächste – oft beschallt mit Hilfe einer Verstärkeranlage und begleitet vom lautstarken Auf- und Abbau, dem Einsatz der Kehrmaschine und von Laubbläsern.

„Wir müssen keinen Freizeitpark daraus machen“

Und dabei ist die Innenstadt ja zunächst einmal ein Ort zum Einkaufen, Arbeiten, Wohnen und um sich zu treffen: „Wir müssen keinen Freizeitpark daraus machen“, sagt Gabriela Uhde, die seit 20 Jahren in der Archivstraße wohnt und festgestellt hat, dass die Beschallung auf der SchoWo um mehr als 50 Prozent zugenommen hat.

Für den Archivplatz, dessen Musikprogramm in ihrem Wohnzimmer trotz dreifach verglaster Schallschutzfenster lauter ist als das Radio, hat sie ausgerechnet: 1997 gab es dort noch 30,5 Stunden Beschallung, 2017 waren’s schon 41 Stunden, plus siebeneinhalb Stunden auf dem Finanzamtshof und ohrenbetäubende Guggenmusik.

Wie Gabriela Uhde und Pat Schock sind auch Cornelia Kieß, Gerlinde Dannemann und Susanne Busch-Zouhar lärmgeplagt – und überzeugt: Egal, ob Stadt und Veranstalter immer wieder versichern, dass die Grenzwerte eingehalten sind, „wenn Menschen darunter leiden, dann ist es zu laut“.

Und es sind ja nicht nur ein paar Versprengte, die in der Innenstadt leben. „Bis auf wenige Häuser sind alle bewohnt“, sagt Susanne Busch-Zouhar. Tatsächlich leben mehr als 650 Menschen in der Altstadt, die meisten in der Gottlieb-Daimler-Straße und am Marktplatz, letztendlich aber überall von der Archivstraße und dem Archivplatz über die Johann-Philipp-Palm-Straße bis zur Weststadt und in den kleinen Gassen bis hinunter zum Bahnhof.

Fasst man das Gebiet weiter – von der Feuerseestraße bis zur Weststadt und vom Bahnhof übers Arnold-Areal bis zum Burgschloss – sind’s fast 3000. Und mag sich im Pressegespräch auch nur eine Handvoll zu Wort gemeldet haben, sie sind überzeugt: „Wir reden nicht nur für uns.“

Hotel oder Urlaub – keine Option: „Einer muss ausharren“

Dass ihnen die Veranstalter und Rathaus-Mitarbeiter, bei denen sie sich schon beschwert haben, empfehlen, entweder bei geschlossenem Fenster zu schlafen oder sich gleich außerhalb ein Hotelzimmer zu nehmen („Ein Opfer muss man bringen“), das empfinden sie als „Unverschämtheit“.

Vor allem, weil es so einfach nicht immer ist: Gerlinde Dannemann kann ihr Haushaltswarengeschäft, nachdem vor Jahren ein ausgelaufenes Geschirrmobil auf der SchoWo das Erdgeschoss geflutet hat, nicht mehr alleine lassen, auch wenn die Wände wackeln und die Gläser in den Schränken klirren: „Einer muss ausharren“, sagt sie und beklagt, dass an ein normales Gespräch mit den Kunden selbst tagsüber nicht zu denken ist.

Susanne Busch-Zouhar, die an der Johann-Philipp-Palm-Straße wohnt, hat zur SchoWo noch selten Urlaub nehmen können und weiß um die Unwägbarkeiten des Lebens: Einmal lag ihre Tochter ausgerechnet zum Stadtfest mit 40 Grad Fieber im Bett – an einen Kurzurlaub oder ein Ausweichen zu Freunden war also nicht zu denken. Überhaupt, fragt Cornelia Kieß, die am Ochsenberg lebt: „Kinder, die abends ins Bett müssen, wie soll das gehen?“

Die Nachtruhe währt nicht länger als zwei Stunden

Dazu kommt, dass die Nachtruhe nicht länger als eineinhalb bis zwei Stunden währt. Ist die Musik verklungen und haben auch die letzten Nachtschwärmer den Weg nach Hause gefunden, kommen zwischen halb vier und halb fünf morgens die Laubbläser, um den Dreck aus den Ecken in Richtung Straßenmitte zu blasen, damit er von der Kehrmaschine mit viel Getöse aufgelesen werden kann.

Ab fünf Uhr ist dann die Feuerwehr im Einsatz, um bei laufendem Dieselmotor Kopfsteinpflaster und Häusersockel abzuspritzen. Gefolgt vom Lieferverkehr, der oft mit viel zu großen Lastwagen durch die enge Altstadt kurvt.

Für Pat Schock, der in seiner aktiven Zeit als Berufsmusik auch nicht immer nur die leisen Töne gespielt hat, ist die Schmerzgrenze erreicht. Er wohnt beim Brünnele und beobachtet seit einigen Jahren: Die Verstärker-Musik erreicht auf der SchoWo mittlerweile selbst die kleinen Gassen und Plätze.

Für die Kritiker ist das Konzept der SchoWo längst überholt

Dass dabei Schlagzeug und Bässe extra verstärkt sind, das ist für ihn „eine Riesensauerei“, „nicht hinnehmbar“, ja überhaupt „organisierter Krach“. Dass die Leute das ertragen: unbegreiflich. Genauso, dass sie sich bei dieser Lautstärke auf den Bierbänken unterhalten können. Wie Cornelia Kieß, die zwischen Archivplatz und Schlosswallgütern oft gar keine Melodien, sondern nur noch Rhythmen hört, sind die Lärmgeplagten überzeugt: „Viele SchoWo-Besucher wollen doch miteinander reden.“

Im Grunde hat sich für die Kritiker das gesamte Konzept der SchoWo längst überholt: Als das Fest vor 50 Jahren erfunden wurde, sei es die einzige Möglichkeit gewesen, in der Altstadt im Sommer bei Bier und Wein draußen zusammenzusitzen.

Mittlerweile gebe es aber eine große Auswahl an Straßencafés. Sprich: „Die SchoWo ist nicht mehr so nötig.“ Dann sollte sie den Vereinen Einnahmen bescheren; inzwischen sei es bekanntlich aber so, dass viele Vereine die logistische Herausforderung gar nicht mehr leisten könnten, fünf Tage am Stück mit Ehrenamtlichen einen SchoWo-Stand zu bespielen.

„Es kommt nur noch Party-Tourismus“

Die Mittel, mit der die Stadt die SchoWo fördert (allein mit 25 000 Euro Sonderzuschuss für die Jubiläums-SchoWo), könnte sie nach Überzeugung der Kritiker doch direkt in die Vereinsförderung geben. Um Bekannte zu treffen, auch dafür taugt die SchoWo aus ihrer Sicht nicht mehr. Der Grund: viel zu laut. „Es kommt nur noch Party-Tourismus“ – und die Jugend trifft sich am Rande.

Und damit ist es ja nicht getan: Selbst auf dem Weinmarkt, der einst ganz gemütlich angefangen hat, gibt es mittlerweile keine Musik mehr unplugged, sondern seit zwei Jahren elektrisch so verstärkt, dass an den drei Tagen an Ruhe und Schlaf für die Innenstadtbewohner nicht zu denken ist.

Summer in the City bringt an sechs Donnerstagen Besucher und Musik auf den Marktplatz. Und die weißen Plastiksessel, die ab Mai wieder den Oberen Marktplatz beleben sollen, tun dies so effektiv, dass die Anwohner bis tief in die lauen Sommernächte gestört werden: „Das geht“, sagt Gerlinde Dannemann, „erst um 23 Uhr los.“

Lärmreduzierung ist das Gebot der Stunde

Für die Innenstadtbewohner ist es an der Zeit, „sich als Stadt mit neuen, anderen, qualitätsvolleren, kreativen Ideen liebens- und lebenswert zu erweisen“, formuliert Gabriela Uhde und sieht in der Kunstnacht oder im Straßentheaterfestival vor fünf Jahren gelungene Beispiele.

Für sie ist Lärmreduzierung das Gebot der Stunde – und angesichts der Vorbereitungen für die Gartenschau im kommenden Jahr ein wichtiges Anliegen: „Dann gibt’s ja noch mehr Events“ – und dabei haben sie eigentlich jetzt schon genug.

Dass ein Umdenken möglich ist, zeigt für sie schon allein der Umgang mit Silvesterkrachern: Jahrelang eine Selbstverständlichkeit in der Innenstadt, dürfen – zum Schutz der Fachwerkkulisse – mittlerweile keine Feuerwerkskörper mehr gezündet werden: „Wer unsere Häuser schützt“, sagen die Innenstadtbewohner, „wird erst recht Menschen und ihre Gesundheit schützen wollen.“


Grundsätzlich liegen die Grenz- und Richtwerte für Lärm nach Auskunft in der Stadt tagsüber (von 6 bis 22 Uhr) bei 60 Dezibel, was dem Geräusch einer Nähmaschine entspricht, und von 22 bis 6 Uhr bei 45 Dezibel. Geräuschspitzen sollten die Richtwerte tagsüber um nicht mehr als 30 Dezibel und nachts nicht um mehr als 25 Dezibel überschreiten. Bemessungsgrundlage ist dabei die Freizeitlärmrichtlinie.

Klare Regelungen

Da es bei Open-Air-Veranstaltungen aber immer wieder dazu kommen kann, dass die Richtwerte trotz aller Lärmminderungsmaßnahmen und Vorkehrungen der Veranstalter nicht eingehalten werden können, kann für eine gewisse Anzahl an Veranstaltungen eine Überschreitung der Richtwerte zugelassen werden.

„Darunter fallen zum Beispiel Feste mit kommunaler Bedeutung wie Feuerwehr- oder Stadtfeste“, sagt Jörn Rieg, Sachgebietsleiter Ordnungsangelegenheiten. So darf bei der SchoWo freitags und samstags bis 24 Uhr und sonntags bis dienstags bis 22.30 Uhr Musik gespielt werden; bei den Weintagen am Freitag und Samstag bis 23 Uhr, am Sonntag bis 20.30 Uhr und beim Mitternachtsshopping bis 23 Uhr.

Eine Auflage in der jährlich neu erteilten Gestattung zur SchoWo besagt: „Der Veranstalter hat durch geeignete Maßnahmen (zum Beispiel elektronischer Lautstärke-Begrenzer) sicherzustellen, dass am Mischpult ein Leq-Wert von 90 Dezibel nicht überschritten wird. Dies muss durch einen gedruckten Lautstärkebericht belegbar sein, der auf Anforderung dem Fachbereich Sicherheit und Ordnung vorzulegen ist. Diese Regelung gilt für alle elektronisch verstärkten Musikdarbietungen im Freien der Veranstalter, die von dieser Gestattung erfasst sind.“

Keine Häufung an Beschwerden

„Generell sind wir als Ortspolizeibehörde und Verkehrsbehörde sehr bemüht, die unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten zu berücksichtigen“, betont Erster Bürgermeister Edgar Hemmerich – und versichert, dass der Stadtverwaltung aktuell keine Erkenntnisse über eine Häufung an Beschwerden wegen starker Lärmbelästigung im Bereich der Innenstadt vorliegen. Für eine ausgewählte und über einen längeren Zeitraum durchgeführte Lärmmessung sah die Stadt, die auch ein Interesse an der Belebung der Innenstadt hat, bisher also keinen Anlass. Nur Laubbläser und Kehrmaschine könnten nach Hemmerichs Dafürhalten an SchoWo-Tagen tatsächlich etwas später loslegen.

Bis der Kommunale Ordnungsdienst Anfang 2019 mit Schicht- und Nachtdienst aufgebaut ist, sollen City-Streifen der Firma Bunke für Ruhe und Ordnung in der Stadt sorgen. Vertragsgegenstand ist die Bestreifung des Innenstadtbereichs, damit also auch des Marktplatzes. Die Streife ist zwischen 1. April und 30. November an mehreren Wochenenden im Monat von Mitternacht bis 5.30 Uhr unterwegs.

Eine Selbstbeschränkung zur Reduzierung von Emissionswerten

Die Vereinsgemeinschaft (VG), die die SchoWo organisiert, hat sich bereits im Jahr 2006 in Absprache mit der Stadt Schorndorf eine – selbst vorgeschlagene – Selbstbeschränkung zur Reduzierung von Emissionswerten auferlegt. Diese ist seitdem auch in der amtlichen Gestattung der SchoWo festgeschrieben.

Bereits im ersten Jahr der Selbstverpflichtung, erinnert VG-Vorstandsmitglied Jürgen Dobler, „haben wir die beliebteste Band der damaligen SchoWo, „Tuxedo“, im zehnten Jahr ihres Engagements leider aus der SchoWo ausschließen müssen“.

Die Band sei damals nicht bereit gewesen, sich auf die vorgegebene Lautstärke-Grenze zu reduzieren. Später musste die SWR-Band „The Cash“ verabschieden werden, weil sie nicht bereit war, die Brandschutzbestimmungen mit Feuerwerksverbot in der Altstadt zu respektieren.

"Ein Stadtfest ist im Kern der Sache nicht auf Ruhe in der Stadt ausgelegt“

Vor etwa fünf Jahren wurde eine Band aus dem Filstal ausgeschlossen, „weil sie sich nicht an die vorgegebene Schlusszeit zum Anwohnerschutz gehalten hatte“. Diese Schlusszeiten sind Teil der Selbstverpflichtung: So wurden die Musik-Spielzeiten von 1 Uhr nachts am Wochenende auf 24 Uhr vorverlegt. Beim Abbau der SchoWo in der Nacht auf Mittwoch hat die VG außerdem im Verhaltenskatalog für ihre Mitglieder eine empfindliche Geldstrafe vorgesehen, wenn sie sich nicht an Lautstärkevorgaben halten.

„Wir Vereine wissen, nicht zuletzt deshalb, weil viele von unseren Mitgliedern, auch ich selbst mit Familie, in der Innenstadt wohnen, wie wichtig es ist, unsere Anwohner so gut als möglich zu schonen“, sagt Dobler. „Leider ist aber ein Stadtfest im Kern der Sache nicht auf Ruhe in der Stadt ausgelegt.“

Auch deshalb bittet die VG die direkten Anwohner der SchoWo traditionell mit einem Anschreiben, das persönlich in ihre Briefkästen geworfen wird, um Verständnis für die Störungen und bittet, bestenfalls einfach mitzufeiern. Dafür werden jedem Schreiben Verzehrmarken im Wert von 14 Euro beigelegt. „Dieses Geschenk bedeutet für unsere Vereine einen finanziellen Aufwand von vielen Tausend Euro und wird von den Anwohnern schon gewohnheitsmäßig sehr gerne angenommen.“

Es ist auch eine Beschwerde-Hotline eingerichtet, unter der Anwohner ihre Klagen loswerden können und denen dann „zeitnah bis sofort“ nachgegangen wird.


Tag gegen den Lärm

Am heutigen Mittwoch, 25. April, findet der 21. Tag gegen Lärm – International Noise Awareness Day – statt. Das Motto lautet „Laut war gestern!“. In Deutschland ist der „Tag gegen Lärm“ eine Aktion der Deutschen Gesellschaft für Akustik (DEGA e.V.).