Schorndorf

12. September 1944: „Ganz Schlichten eine Feuerglut“

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Rund um die Kirche sind beim Bombenangriff auf Schlichten zwölf Häuser und eine Scheune abgebrannt. © Archiv Schlichten
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Betroffen waren die Schurwald- und der Kaiserstraße.
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In den Ruinen haben bis zum Wiederaufbau der Häuser die Kinder im Ort gespielt.

Schorndorf-Schlichten. Als am 12. September 1944 zwischen 22 und 23 Uhr Bomben auf Schlichten niedergingen, brannten in einem Feuersturm zwölf Häuser und eine Scheune ab. Zeitzeugen, die von der Katastrophe heute noch berichten können, waren damals im Kindesalter. Doch an den Schlag der Sprengbombe, deren Wucht im Ort Scheiben eindrückte und Dächer abdeckte, und an das verheerende Feuer können sie sich noch gut erinnern. Und auch daran, wie sie als Kinder in den Ruinen ganz unbekümmert gespielt haben.

Als der Bombenbrand vor 75 Jahren rund um die Schlichtener Kirche zwölf Häuser und eine Scheune zerstörte, war sie noch keine fünf Jahre alt. Doch wie das erst im Jahr 1938 erbaute Elternhaus in der Kaiserstraße abbrannte, das weiß die alte Schlichtenerin noch genau. Ihren Namen mag sie nicht in der Zeitung lesen, doch zu erzählen hat sie von der Brandkatastrophe einiges: Als am 12. September zwischen 22 und 23 Uhr eine Sprengbombe etwa 150 Meter östlich des Schlichtener Friedhofs auf freiem Feld einschlug, war erst ein Schlag zu hören und dann gab’s im Keller, in dem sie sich mit anderen Kindern und Frauen versteckt hatte, „keine Tür und kein Fenster mehr“.

In den Ruinen gespielt – „Fangerles“ und Schlupferles“

Und die Wucht der Bombe hat im ganzen Dorf Scheiben eingedrückt und Dächer abgedeckt. Als in der Folge Brandbomben auf Schlichten fielen, war die Zerstörung verheerend: „Ganz Schlichten eine Feuerglut“, erinnert sich die 79-Jährige und hat die schreienden Leute und heulenden Kinder noch vor Augen, die im Keller des Schulhauses in Sicherheit gebracht und vom Lehrer gehütet wurden. Bis heute muss sie, wenn sie Feuer sieht, an diese Katastrophe denken. Was in dieser Nacht in Schlichten geschehen ist, „das werd’ ich nie vergessen“, sagt sie und weiß auch noch, wie sie als Kinder ganz unbekümmert in den abgebrannten Ruinen Tage und Wochen gespielt haben, „Fangerles“ und „Schlupferles“. Und wie die Familie – der Vater war im Krieg gefallen – im kalten Winter 1947/48 ohne Dach gehaust und auf Rupfensäcken geschlafen hat.

Der Schlag der Bombe hat sich auch Ludwig Leitenberger ins Gedächtnis gebrannt. Er war 13 Jahre alt, als am 12. September 1944 von der Schurwaldhöhe das Bombardement der Alliierten auf Stuttgart zu sehen war – und in der gleichen Nacht auch Schlichten brannte. Als Sohn des Försters hat er den Bombenabwurf in dem vor dem Dorf gelegenen Forsthaus erlebt. Als der Ort brannte, war er draußen auf der Straße und sah, wie die Feuerwehrmänner versuchten, die Brände zu löschen. Wasser gab es im Ort nicht, also haben die Menschen in ihrer Verzweiflung die Flüssigkeit aus den Mistgruben gepumpt und das Feuer mit Gülle gelöscht.

Und auch wenn er über die alten Zeiten nicht gerne spricht, Leitenberger, der 1952 von Schlichten weggezogen ist, weiß noch, dass das für „uns junge Kerle“ auch ein großes Abenteuer war. So gut kann sich sein kleiner Bruder Manfred, der damals sieben Jahre alt war und noch heute im Ort lebt, nicht erinnern. Dass es „eine ganz schlimme Nacht“ war und die Männer im Ort gefehlt haben, weiß aber auch er noch und sagt: „Gott sei Dank ist niemand ums Leben gekommen.“

Kurz nach dem Bombenabwurf hat der ehemalige Baierecker Pfarrer Stahl einen Katastrophenbericht an den Oberkirchenrat nach Großheppach geschrieben, der 1985 auch in der Festschrift zur 800-Jahr-Feier in Schlichten und zum 125-jährigen Bestehen der Schlichtener Feuerwehr abgedruckt war. Darin schreibt er: „In der für Stuttgart verhängnisvollen Nacht vom 12. zum 13. September d. J. ist zwischen 22 und 23 Uhr in dem zur Pfarrei gehörigen, gegen 300 Einwohner zählenden [...] Dorf Schlichten durch feindlichen Bombenabwurf ein Großfeuer entstanden.“ Etwa ein Fünftel des Dorfes, schätzte Stahl in seinem Bericht, sei der Katastrophe zum Opfer gefallen, „auch die kleine Kirche hat beträchtlichen Schaden erlitten“, das Dach der Sakristei ist abgebrannt. Zwölf Familien wurden obdachlos und haben „fast ihr gesamtes bewegliches Eigentum und ihre Vorräte an Heu, Stroh und Frucht verloren“. Tote gab es nicht, doch einige Kälber, Schweine und Geflügel starben infolge des Angriffs.

Bombenloch auf dem Feld: Groß genug für ein kleines Haus

„Ob der feindliche Bomber durch den unvermeidlichen Lichtschein einer Maschinendrescharbeit an dem der Kirche zunächst gelegenen Hause [...] angelockt worden ist, das lässt sich nicht sicher sagen“, schreibt Pfarrer i. R. Stahl weiter. Bis heute gibt es Spekulationen, dass der Bombenabwurf auf Schlichten womöglich gar nicht beabsichtigt war.

Von „furchtbaren Schäden“ ist auch bei Altbürgermeister Hudelmaier zu lesen, der in seinem Bericht das Bombenloch außerhalb Schlichtens – im Gewann Kirchlesäcker, rechts des geteerten Feldweges bevor es den Hang hinuntergeht – so beschreibt: Es war so groß, „dass ein kleines Haus darin verschwunden wäre. Mehrere Pferde- und Schlepperfuhrwerke fuhren eine Woche lang Schutt, um dieses wieder aufzufüllen“. Mit dem Brandschutt der zerstörten Häuser wurde damals auch der Spiel- und Sportplatz in der Strut neben dem Feuersee aufgefüllt. „Sogar die Böschung an der Baierecker Straße zum Freibad“, schreibt Hudelmaier, „ist eigentlich ein Trümmerwall“.

Im Ort selbst begann der Wiederaufbau rund um die Kirche, in dem der Schorndorfer Alt-OB Reinhard Hanke, der seit 1981 in einem der wiederaufgebauten Häuser in Schlichten wohnt, einen wegweisenden Schritt sieht: Dadurch sei eine für den Ort charakteristisch prägende Mitte erhalten geblieben, die trotz aller Veränderungen noch im Ortsbild ablesbar ist. „Ohne diesen Mut zur Zukunft der damaligen Schlichtener hätte der Ort wohl eine ganz andere Entwicklung genommen und Schlichten würde heute ganz anders aussehen.“


Anna Rosers Erlebnisbericht

2004 erschien Anna Rosers Erlebnisbericht „Bomben auf Schlichten“ in der von der Gemeinde Lichtenwald herausgegebenen Anekdoten- und Geschichtensammlung „So ebbes!“

Auf Schwäbisch beschreibt sie den Bombenangriff und die Folgen. Und auch wenn sie selbst damals im Schorndorfer Krankenhaus lag, ihre Mutter hat ihr von der Katastrophe eindrücklich erzählt: „Sie häb no die dreckige Kloidr vom Dresche oaghett ond nausguckt zom Fenschdr, om a zehne, halbelfe rom, noa häb se denkt, ja Hergoläss, doa dänt joa scho d’Sirene von onde rauf em Remsdal. Ha, jetzt brauchsch de gar et ausziage. Die Sirene hoat mr noa scho näher ghört. Sie isch nübr ens Noachborhaus ond hoat’s dene gsait, au dass se d’Lichter ausmache sollet. Dia hen noa gmoint, ‘s isch et schlemm, mir hen an Sack noaghengt vor d’Lamp, dass s’Licht noach onde fallt ond mr send sowieso mit Dresche fertig. Mr dänt jetzt aber zerschd z’Nacht esse, bevor mr mit em Strohaufreime oafanget, vielleicht isch noa s’meischde vrbei. Mai Muedr isch noa wieder gange, dia Leut send raus, hend sich abstaubt ond grichtet. Noa isch aber blitzfenk ganga. Dia hen könne nemme esse. Dr Broade, d’Nudle on dr Salat sind uffm Herd vrbrennt mitsamt em ganze Haus.“

Ihr Elternhaus wurde getroffen, Mutter, Vater und ihre Kinder kamen aber zum Glück bei Nachbarn unter. Von drei verletzten Schlichtenern, die sie im Krankenhaus im Aufzug getroffen hat, erfuhr sie diese Begebenheit: „Dr Herr Ortsgruppenleiter sei komme, en de gwichste Stiefl, sei Montur oa, s’Mützle uff ond häb den Bombegschädigte an Vordrag ghalte: Älle kriaget’r neue Häusr, mir müasset bloß vorher dr Sieg han. Was hen mr kriagt? Schiergar hoat mr müässe no feschde Danke sage, dass mr mit 3000 Mark abgfonde worde isch für dr ganze Fliegerschade.“