Schorndorf

42-Jähriger stalkt Welzheimerin monatelang

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Symbolbild. © Laura Edenberger

Schorndorf. Im Sommer 2015 kamen sie zusammen, ein halbes Jahr später hat sie Schluss gemacht. Zu Ende war die Beziehung damit aber nicht: Bis die Polizei aktiv wurde, hat ein 42-Jähriger aus Althütte einer 35-jährigen Welzheimerin monatelang nachgestellt, an ihrer Tür geklingelt, ihr unzählige Whatsapp- und Facebook-Nachrichten, ja sogar drei fremde Männer mit eindeutiger Absicht nach Hause geschickt, war mit seinem Audi TT einfach immer überall. Wegen Stalkings wurde der Angeklagte jetzt im Amtsgericht Schorndorf zu einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt.

Seit zwei Jahren ist mit den Nachstellungen Schluss, bei der Verhandlung im Amtsgericht musste das 35-jährige Opfer dennoch immer wieder mit den Tränen kämpfen. Sie hat unter Panik und Verfolgungsängsten gelitten, an Schlaflosigkeit und Nervosität, war krankgeschrieben, musste ihr Studium unterbrechen, war in psychotherapeutischer Behandlung, wirkt noch immer angeschlagen – und hat sich dennoch, auch bestärkt von der Opferhilfsorganisation „Weißer Ring“, zu einer Anzeige bei der Polizei entschlossen, die jetzt ein anstrengendes Gerichtsverfahren nach sich zog. Und dabei ist noch gar nicht klar, ob es das letzte war: Schon während der Verhandlung deutete der Verteidiger des Angeklagten an, in Revision gehen zu wollen.

Fremde Männer an die Tür des Opfers geschickt

Und dabei ist die Beweislast erdrückend – und für Richterin Petra Freier in der Urteilsbegründung „glasklar“: Bei einer Hausdurchsuchung wurde beim Angeklagten nicht nur der Blister einer SIM-Karte aus dem GPS-Sender gefunden, der zur Ortung am Unterboden des Autos der 35-Jährigen angebracht war, sondern auf seinem Laptop auch eindeutige Spuren zu einem Foto, das als Profilbild in einem Sex-Portal eingestellt war, über das der Angeklagte fremde Männer an die Tür seines Opfers geschickt hatte. Auf dem privat genutzten Handy des Angeklagten fand die Polizei unter anderem ein Foto eines mit einer französischen Liebesbotschaft beschriebenen Bettlakens – allerdings war das Handy nach dieser Entdeckung nicht mehr auslesbar. Angaben zu den Vorwürfen – und auch zu seiner Person – wollte der Angeklagte nicht machen. Ein Schuldeingeständnis gab es nicht, bis zuletzt auch keine Entschuldigung. Im Gegenteil: Sein Verteidiger forderte den Freispruch.

Zunächst noch Kontakt zum Ex-Freund gehalten

Allein das Ausmaß der Nachstellungen ist enorm – auf Anraten der Polizei hat die Geschädigte, die als Nebenklägerin in dem Prozess auftrat, ein dickes Stalking-Tagebuch geführt: Kaum hatte sie die Beziehung nach einem Eklat bei einem Familienfest vor Weihnachten beendet, klingelte ihr Ex-Freund immer wieder nachts an ihrer Tür und schickte ihr Whatsapp-Nachrichten. Er hängte auf ihrem Arbeitsweg besagtes Bettlaken auf, schickte ihr ein Geburtstagsgeschenk. Und zunächst hielt die Welzheimerin noch – auch, weil sie sich nach der Trennung wie ein vernünftiger Mensch verhalten wollte – Kontakt mit ihm. An Stalking dachte sie da noch nicht.

Ständige Überwachung: GPS-Sender am Auto

Erst ab Ende August wurde es massiv – und Mitte September war sie sich sicher, dass es sich beim Stalker um ihren Ex-Freund handeln muss: Sie bekam täglich Whatsapp-Nachrichten unter einem unbekannten Namen – etwa mit dem Inhalt: „Hallo, Frau Kollegin, wir hoffen, es läuft gut auf der Couch“, „Viel Spaß auf dem Volksfest“ oder „Hast du heute meinen Atem gespürt?“, verbunden mit detaillierten Beschreibungen ihres aktuellen Standorts. Textnachrichten mit der Unterstellung, dass sie ein Verhältnis mit einem Arbeitskollegen hätte, bekam auch ihr neuer Freund und dessen Schwester sowie eine Arbeitskollegin. Der heute 42-Jährige umrundete ihr Wohnhaus mit dem Fahrrad, fuhr bis zu 13-mal täglich mit seinem Audi-TT vorbei, tauchte an der Tankstelle auf, wo ihre Mutter arbeitet, und schickte seiner Ex-Freundin – über ein Sex-Portal – drei fremde Männer mit eindeutiger Absicht an die Haustür. Der GPS-Tracker, den er ihr zur ständigen Überwachung an dem Boden ihres Autos befestigt hatte, wurde schließlich beim Reifenwechsel in der Werkstatt entdeckt.

Sieben Stunden Verhandlung

Trotz der erdrückenden Beweislage, von einem als Zeugen geladenen Hauptkommissar in der Verhandlung eindrücklich aus einem Umzugskarton vorgeführt, unternahm der Verteidiger während der siebenstündigen Verhandlung immer wieder Versuche, die Geschädigte unglaubwürdig zu machen. Er zog die Aussage des ermittelnden Polizeibeamten in Zweifel und präsentierte für Staatsanwalt und Nebenklage wenig glaubwürdige Zeugen, die bestätigen sollten, dass sein Mandant an einem Stalking-Tag gar nicht aktiv gewesen sein konnte, weil er mit seiner Clique auf einer Ballermann-Party bei Baden-Baden war, sein Handy zu einem Chat also gar nicht genutzt haben könne (ein entsprechender Beweisantrag wurde von Richterin Freier abgelehnt, ein zweiter vom Anwalt wegen Unstimmigkeiten selbst zurückgezogen).

"Er war wie ein Schatten"

Das ging so lange, bis Jens Rabe, Anwalt der Nebenklage, nach dem Plädoyer des Staatsanwalts zu einer hochironischen Replik ausholte: „Die Nebenklage gibt sich geschlagen.“ Seine Mandantin habe ein Komplott geschmiedet, alle Zeugen, inklusive des Polizeibeamten, beeinflusst und zu einer Falschaussage gebracht. Sie habe, führte er weiter aus, den GPS-Sender selbst ans Auto angebracht und die Blister nicht nur in das Auto des Angeklagten, sondern ihm auch noch unters Bett gelegt – „und der Staatsanwalt ist ihr auf den Leim gegangen“.

So war’s natürlich nicht. Was das Stalking für die 35-Jährige bedeutete, schilderte ihr als Zeuge geladener jetzige Lebensgefährte: Seine Freundin sei ständig in Wartehaltung gewesen, „was denkt sich diese Person wieder aus?“ Es sei schwer gewesen, dem Stalker auf öffentlichen Straßen nicht zu begegnen: „Er war wie ein Schatten.“ Sein schwarzer Audi TT war einfach immer und überall. Niederträchtig und perfide, so beschreibt der 40-Jährige die Nachstellungen – und findet: „Der Herr ist eine Bedrohung für die Damenwelt.“ Nicht auszudenken, wenn noch andere Frauen durch diese Hölle gehen müssten: „Wer klaren Verstandes ist, der denkt sich so was nicht aus.“

Angeklagter machte bis zuletzt keine Angaben

Vor einem Jahr bereits gab es schon einmal den Versuch einer Hauptversammlung. Für den umfangreichen Prozess hat sich Richterin Petra Freier dieses Mal vorsorglich einen ganzen Tag Zeit genommen – und blieb am Ende in ihrem Urteil unter der Forderung des Staatsanwalts: Dieser hatte – in Einvernehmen mit der Nebenklage – ein Jahr und drei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung gefordert. Dass der Angeklagte bis zuletzt keine Angaben machen wollte, kreidete die Richterin ihm an: Bereits seit 14 Jahren am Amtsgericht, habe sie „bisher einen solchen Fall noch nicht verhandeln müssen“. Eigentlich stets bemüht, für alle Beteiligten Lösungen zu finden, blieb ihr in dem Fall nichts übrig, als dem 42-Jährigen (ohne Erfolg) ins Gewissen zu reden. Seinem Opfer wird der Stalker außerdem ein Schmerzensgeld von 3500 Euro bezahlen müssen.


Weißer Ring

Der Weiße Ring hilft Menschen, die Opfer von Kriminalität und Gewalt geworden sind, und sieht sich auch als Ansprechpartner für die Angehörigen – und tut dies als gemeinnütziger und einziger bundesweit tätiger Opfer–Hilfe–Verein mit über 3000 ehrenamtlichen Helfern in mehr als 400 Außenstellen, einem kostenfreien Opfer-Telefon unter der Rufnummer 116 006 sowie einer Onlineberatung. Weitere Informationen gibt es auch im Internet unter www.weisser-ring.de.