Schorndorf

50 000 Mahlzeiten für Hilfsbedürftige

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Beim EH-Mobil sind alle willkommen, die regulär 4,70 Euro oder ermäßigt zwei Euro fürs Mittagessen bezahlen. © ZVW/Benjamin Büttner

Schorndorf. Vor 20 Jahren, als ein Konflikt mit Punks auf der Stadtkirchentreppe eskalierte, hat das hellblaue EH-Mobil das erste Mal Station gemacht in Schorndorf. Bereits im Winter 1999 konnte die mobile Tagesstätte der Erlacher Höhe das erste Mittagessen für Bedürftige im Martin-Luther-Haus auftischen und hat seither 50 000 Mahlzeiten ausgegeben. Inzwischen profitieren davon vor allem ältere Menschen, die sich bei dieser Gelegenheit auch im Umgang mit Ämtern und bei der Wohnungssuche helfen lassen.

Was aus den Schorndorfer Punks geworden ist, das wissen die Verantwortlichen bei der Erlacher Höhe nicht. Auch die Drogenszene, die das Angebot des EH-Mobils später in Anspruch genommen hat, ist irgendwann verschwunden. Wenn sich montags um kurz vor 12 Uhr die Türen im Martin-Luther-Haus öffnen, dann strömen heute vor allem ältere Menschen zu den Tischen. Normalerweise sind’s bis zu 40 Essensgäste, die im kleinen Saal Platz nehmen. Zur Feier des 20-jährigen Bestehens waren’s im großen Saal fast 100, die sich das Szegediner Gulasch mit Kartoffelpüree schmecken ließen.

Wer Hilfe braucht, bekommt sie

Da sich niemand ausweisen muss, ist jeder willkommen – und bekommt zum regulären Preis von 4,70 Euro oder ermäßigt zu zwei Euro ein warmes Mittagessen und alle 14 Tage einen Kaffee mit einem Stück Kuchen. Für Claudia Schwab, die das EH-Mobil seit 2006 als Sozialpädagogin betreut, ist das der große Vorteil: „Hier gibt’s eine gute Gemeinschaft, ohne dass man sich outen muss.“ Doch wer Hilfe braucht, bekommt sie: Schwab, die sich oft mit an die Tische setzt oder direkt angesprochen wird, unterstützt bei Fragen der Existenzsicherung, bei Jobcenter-Angelegenheiten und immer mehr auch bei der Wohnungssuche. Und obwohl sich mittlerweile viele Stammtische gebildet haben, die Erlacher Höhe, sagt Anton Heiser als Abteilungsleiter Ambulante Hilfen Rems-Murr, verfolgt mit dem EH-Mobil vor allem dieses Ziel: „Wir wollen Menschen erreichen, die Hilfe brauchen.“

Mit einem hellblauen Sprinter ist die Erlacher Höhe im März 1999 das erste Mal auf dem Kirchplatz vorgefahren. Dort, wo der Konflikt mit den Punks damals darin gipfelte, dass einem Mitglied der provokanten Gruppe von einem Polizisten in den Fuß geschossen wurde, haben die Mitarbeiter Biertischgarnituren ausgeladen und unter einem Sonnenschirm ein warmes Mittagessen ausgegeben. Dass das EH-Mobil schon im Herbst, als das Wetter unwirtlicher wurde, ins Martin-Luther-Haus umziehen konnte, dafür ist die Erlacher Höhe der Stadtkirchengemeinde bis heute dankbar.

So wie bei der Feier zum 20-jährigen Bestehen der Dank auch den vielen Helferinnen und Helfern galt: allen voran Rosel Lorenz, die sich bis 2015 zehn Jahre lang beim Mittagstisch engagiert und auf ihrem Weg zum Martin-Luther-Haus manchen Bedürftigen von der Straße eingesammelt hat, und Horst Schlienz, der mittlerweile als einziger ehrenamtlich Engagierter beim EH-Mobil hilft. Seit zehn Jahren ist er mit dabei, verteilt das Essen, hilft beim Abwaschen, Aufräumen und kommt an den Tischen gerne ins Gespräch.

5000 Kuchenspenden aus den Kirchengemeinden

Seit sieben Jahren ist – bis er sich im Winter in den Ruhestand verabschieden wird – auch Diakon Walter Krohmer dabei: Mit seinen kurzen Andachten bringt er die Essensgäste nicht nur zum Schmunzeln und Nachdenken, er organisiert in den Schorndorfer Kirchengemeinden auch die Kuchenspenden, die sich in den 20 Jahren auf bestimmt 5000 summiert haben – bei 50 000 Essen, ausgegebenen Mahlzeiten.

Doch das EH-Mobil ist nicht nur ein Hilfsprojekt für wohnungslose, einkommensarme und einsame Menschen. Es ist auch ein wichtiges Arbeitsprojekt: Unter Leitung von Gabriele Besel haben hier bis zu acht Langzeitarbeitslose die Chance, über die Hilfe bei der Essensausgabe wieder ins Berufsleben zurückzufinden. Und wie ungleich es hierzulande zugeht, das hat nicht nur Wolfgang Sartorius als Geschäftsführender Vorstand der Erlacher Höhe beim Mittagessen angesprochen, auch Erster Bürgermeister Edgar Hemmerich beklagte, dass die Lücke zwischen den ganz Armen und den ganz Reichen immer größer wird. Eine besonders gefährdete Gruppe seien dabei die Rentner: Bis zum Jahr 2039 könnte jeder fünfte von Altersarmut betroffen sein. Angesichts dieser Zahlen ist für Hemmerich klar: „Wir in Schorndorf setzen uns für die Erlacher Höhe und das EH-Mobil weiter aktiv ein.“ Und dazu gehört für ihn auch eine dauerhafte Finanzierungszusage.


Die Finanzierung

Finanziert wird das EH-Mobil, das es zunächst in Schorndorf und bald auch in Backnang zweimal pro Woche gab, anteilig von fünf Kommunen und dem Landkreis. Seitdem es das Essensangebot auch in Waiblingen, Murrhardt und seit 2008 auch in Kernen-Rommelshausen gibt, macht das EH-Mobil an allen Orten nur noch einmal die Woche Station.

Ohne Spenden in Höhe von jährlich 10 000 Euro könnte es das Angebot aber nicht geben. Beim Mittagessen hat Wolfgang Sartorius als Geschäftsführender Vorstand der Erlacher Höhe darum den Wunsch geäußert, dass die Zuschüsse der öffentlichen Hand „verstetigt werden“ – und beklagt, dass es „in unserem reichen Land“ überhaupt arme Menschen gibt, die das Angebot des EH-Mobils in Anspruch nehmen müssen.