Schorndorf

70 Jahre Schorndorfer Weiber

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Renate Joos  schorndorfer weiber
Zur 700-Jahr-Feier im Jahr 1950 haben sich die Weiber 38 Kostüme genäht. © Privat
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Renate Joos  schorndorfer weiber
Noch vor der Gründung im Jahr 1949 mit Kostümen, genäht aus Vorhangstoffen – und im Hintergrund an den Häusern die Hakenkreuzfahnen. © Privat
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Die Schorndorfer Weiber in historischen Gewändern bei der SchoWo-Eröffnung 2019.
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Die Schorndorfer Weiber gut 50 Jahre vor der Gründung der Arbeitsgemeinschaft.

Schorndorf.
Mit Mistgabeln gegen Ratsherren – diese Zeiten sind längst vorbei. Genauer: Seit 1688, als die Schorndorfer Weiber unter Führung von Barbara Künkelin die Stadt vor der Übergabe an die Franzosen bewahrten. Die Arbeitsgemeinschaft Schorndorfer Weiber gibt es seit 70 Jahren. Doch nicht, um politische oder gar frauenrechtliche Ziele zu verfolgen, die Schorndorfer Weiber beteiligen sich in historischen Kostümen auch an der Eröffnung der SchoWo und engagieren sich im sozialen und karitativen Bereich, setzen sich für Heimatpflege, für Schorndorfer Kunst und Kultur ein. „Etwas Gutes tun“, das ist für Vorsitzende Christel Riedel das Credo von Anfang an. Und obwohl sie „nicht so laut sein“ wollen, die Schorndorfer Weiber sind längst zum Markenzeichen für Schorndorf geworden – als Sinnbild für Mut, Verstand und Tatkraft.

Doch Politik hat – obwohl selbst „ein sehr politischer Mensch“ – aus Sicht von Christel Riedel bei den Schorndorfer Weibern nichts zu suchen: „Wir möchten uns als Verein nicht vor einen Karren spannen lassen.“ In die Frauengeschichtswerkstatt sind sie bewusst nicht eingetreten. Zu schnell wäre die Harmonie getrübt und die gute Stimmung perdu. Nur wenn’s, wie 1688 um die Existenz ginge, kann sich Riedel vorstellen, dass sich die Schorndorfer Weiber wieder einmischen würden. Doch so weit ist’s aus ihrer Sicht nicht: „So schlecht sind die Umstände ja nicht.“

Im Februar 1949, als sich die Arbeitsgemeinschaft gegründet hat, die es zuvor schon als losen Verbund gab, war die Not riesengroß. Nach dem Vorbild amerikanischer Frauenverbände sahen die Schorndorfer Weiber – als überparteiliche und überkonfessionelle Gruppe – ihre Aufgaben im Sozialen. Erste Vorsitzende war Hildegard Hayer, die Frau des damaligen Bürgermeisters. Mit ihren Weibern richtete sie bereits einen Monat nach Gründung eine Verkaufstelle für getragene Kleidung und eine Mietwaschküche im damaligen Altenheim ein, dem Bürgerheim, das in der Arnold’schen Villa im heutigen Volkshochschulgebäude untergebracht war. Die Schorndorfer Weiber setzten sich in ihrer Freizeit für die Betreuung der Bewohner ein. Im Juli 1949 steuerten sie Möbel, Bett- und Säuglingswäsche sowie Geschirr für den Aufbau des Kindertagheims bei. Sie strickten und nähten Kinderkleidung und fertigten Gardinen im Wert von 11 000 D-Mark.

10 000 D-Mark fürs Gemeinschaftshaus

In den Jahren 1949/50 engagierten sie sich außerdem für die Ausstattung der damaligen Volksbücherei. Und sie machten sich für das Gemeinschaftshaus stark: Am 15. Juli 1951 stellten sie einen Bauantrag für das Gebäude, in dem heute die Karl-Wahl-Begegnungsstätte untergebracht ist. Den Rohbau konnten sie mit Spenden von ortsansässigen Unternehmen, mit 50 000 D-Mark von der McCloy-Stiftung und mit Eigenleistungen in Höhe von 10 000 Mark realisieren. Allerdings mussten die Weiber 1960 den ersten und 1973 schließlich auch ihren zweiten Raum im Gemeinschaftshaus aufgeben – für die Erweiterung des Kindertagheims. Seitdem ihnen das Vereinslokal fehlt, treffen sie sich einmal im Monat im Wechsel im „Courage“ und in der Karl-Wahl-Begegnungsstätte.

In der Anfangszeit schickte die Arbeitsgemeinschaft jedes Jahr zwischen 150 und 200 Lebensmittel- und Kleiderpakete in die ehemalige DDR und betreute 1956 zwölf Berliner Kinder, die ihre Ferien in Schorndorf verbrachten. Im gleichen Jahr setzten sie sich für die Opfer des Schorndorfer Hochwassers ein und spendeten: jeweils 150 Mark an die evangelische Kirche, den katholischen Frauenbund und die Awo sowie 50 Mark ans Rote Kreuz, den VdK und die Heimkehrer. Aus dem Jahr 1956, als Anneliese Hahn den Vorsitz der Arbeitsgemeinschaft von Mathilde Abele übernahm, stammt der erste Aufruf für ein neues Weiberbild an der Nordseite des alten Rathauses: Mit 20 000 Mark beteiligten sich die Schorndorfer Weiber an dem Mosaik von Hans Gottfried von Stockhausen, das am 1. August 1965 im Beisein von Bundespräsident Theodor Heuss enthüllt wurde.

1985 gab Anneliese Hahn, die von 1959 bis 1971 auch im Schorndorfer Gemeinderat saß und 1978 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde, den Vorsitz der Weiber an Ingeborg Wiechering ab, es folgte 1992 Karin Mössner, 1996 Sigrid Greiner und seit März 2001 ist Christel Riedel Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft. Ihre Mutter, Jahrgang 1919, war Gründungsmitglied, mittlerweile ist auch Riedels 36-jährige Tochter dabei. Doch sie ist eine von den Jüngsten.

Die Mehrzahl der Schorndorfer Weiber ist um die 60 – und der Nachwuchs steht nicht Schlange. Viele Frauen, die noch im Berufsleben stehen, scheuen das Engagement: Mit ihren selbst gemachten Kuchen und Pralinen sind die Schorndorfer Weiber fester Bestandteil des Oster- und des Kunsthandwerkermarkts in der Barbara-Künkelin-Halle, sie stemmen die Bewirtung zur Kunstnacht im Röhm-Areal, beim Seniorentreff Mitte und dem Barbara-Künkelin-Preis, engagieren sich bei den Treffen von MS-Betroffenen der Amsel-Kontaktgruppe und verkaufen selbst gemachte Rosenküchle auf dem Gässlemarkt. Der Einsatz beim Siechenfeldfest ist mittlerweile mangels geeigneter Location gestrichen. Doch für die anderen Einsätze nehmen Christel Riedel und ihre Weiber immer wieder Urlaub.

Einnahmen für den guten Zweck: Blindentastmodell

Zu 100 Prozent sind die Einnahmen für den guten Zweck bestimmt: „Wir entnehmen nichts“, sagt Christel Riedel. Ihre Ausflüge bezahlen sie aus eigener Tasche, öffentliche Gelder bekommen sie nicht. Doch anstatt sich mit Einzelspenden zu verzetteln, versuchen sie größere Projekte zu realisieren – wie das im April 2019 eingeweihte Blindentastmodell der Stadt Schorndorf auf dem Kirchplatz, für das sie sich fast zehn Jahre lang von der ersten Idee bis zur Umsetzung ins Zeug gelegt haben.

Doch die 55 Schorndorfer Weiber sind nicht nur hilfsbereit gegenüber anderen, sie unterstützen sich auch untereinander bei Krankheit und im Alter. „Das ist ein guter Zusammenhalt“, freut sich Riedel und versucht im persönlichen Gespräch auch immer wieder jüngere Frauen zu aktivieren. Bei Laureen Brix, beschäftigt im Stadtarchiv und als Ortsfremde aktiv im Heimatverein, war sie erfolgreich: Sie ist mit Ende 20 das jüngste Mitglied. Doch ganz grundsätzlich sind Riedel alle Frauen willkommen – auch im Durchschnittsalter zwischen 50 und 70 Jahren.

Und mögen sie – wie 1950 zur 700-Jahr-Feier Schorndorfs und seitdem immer wieder – in historischen Kleidern auftreten, einen Kostümzwang gibt es bei den Schorndorfer Weibern nicht. Und streng genommen sind die Kleider ja auch gar keine Kostüme, sondern sollen der Mode der Bürgers- und Bauernfrauen aus dem Jahr des Weiberaufstands 1688 entsprechen. Höfische Kleider gab’s bei den Schorndorfer Weiber nur nach dem Zweiten Weltkrieg: „Da wollte man hübsch sein“, erinnert Christel Riedel und weiß, dass die Schorndorfer Weiber damals auch sehr hierarchisch organisiert waren. Unter Hildegard Hayers und Anneliese Hahns Führung waren die Schorndorfer Weiber – „das wäre heute undenkbar“ – natürlich per Sie.


Für den guten Zweck

„Engagiert. Couragiert. Für Schorndorf“ – gemäß diesem Motto setzen die Schorndorfer Weiber alle ihre Erlöse dafür ein, um Schorndorf und seine Einrichtungen aktiv zu unterstützen. Darum wird der Reinerlös der Aktivitäten auch zu 100 Prozent gespendet – zum Beispiel im Jahr 2019 für das Blindentastmodell.

Im Jahr 2018 haben die Schorndorfer Weiber den Seniorentreff Schorndorf-Mitte mit 300 Euro unterstützt, das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro für die Verleihung des Barbara-Künkelin-Preises an Frau Sabine Constabel gestiftet und 333 Euro als Beitrag für die Kapelle am Grafenberg in Aussicht gestellt.

2017 haben die Schorndorfer Weiber den Seniorentreff Schorndorf-Mitte ebenfalls mit 300 Euro unterstützt, eine 250-Euro-Spende für ein Holzpferd für den Versöhnungskindergarten geleistet, 200 Euro für Bananen für die Läufer des Altstadtlaufs gespendet.

2016 flossen jeweils 5000 ins EH-Mobil der Erlacher Höhe und in die Sprachförderung in den Vorbereitungsklassen der Rainbrunnen-Schule.

Frauen, die sich bei den Schorndorfer Weibern ebenfalls engagieren möchten, können sich gerne mit Christel Riedel in Verbindung setzen: Tel.: 0 71 81/6 36 26.

Schorndorf.
Mit Mistgabeln gegen Ratsherren – diese Zeiten sind längst vorbei. Genauer: Seit 1688, als die Schorndorfer Weiber unter Führung von Barbara Künkelin die Stadt vor der Übergabe an die Franzosen bewahrten. Die Arbeitsgemeinschaft Schorndorfer Weiber gibt es seit 70 Jahren. Doch nicht, um politische oder gar frauenrechtliche Ziele zu verfolgen, die Schorndorfer Weiber beteiligen sich in historischen Kostümen auch an der Eröffnung der

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