Schorndorf

97-jähriger Zeitzeuge gegen AfD: Hitler-Zeit war kein „Vogelschiss“

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Der 97-Jährige kritisiert die Arbeitsweise der AfD. Die Vorwürfe eines AfD-Stadtrats, wo OB Klopfer bei den jüngsten Straftaten in der Innenstadt gewesen sei, hält er für unerträglich und für nicht zielführend. © ZVW/Gaby Schneider
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Euphorische Vorfreude auf den Kriegseinsatz: Kurt Klotzbücher (1. v. l.) und seine Kameraden mit bunten Schleifen nach der erfolgreichen Musterung. Viele von ihnen sind kurz später gefallen.
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Desillusioniert: Dunkle Augenränder nach zwei Jahren im Krieg.

Schorndorf. 97 Jahre ist der Schorndorfer Kurt Klotzbücher heute alt. Sein Geist ist wach und hell, mit großem Einsatz bezieht er in Leserbriefen unserer Zeitung Stellung gegen die AfD. Er hat den Krieg erlebt. Aussagen, die die Dramatik des Nationalsozialismus herunterspielen, machen ihn wütend. Und zwar so richtig.

Nicht mehr als ein „Vogelschiss“ in der über 1000-jährigen Geschichte des Landes seien Hitler und die Nazis gewesen, hatte der AfD-Politiker Alexander Gauland 2018 verharmlost. Von diesem Zeitpunkt an hat Kurt Klotzbücher die Partei und ihre Verlautbarungen besonders kritisch beobachtet. Auch in Schorndorf. Denn: „Die sieben Jahre, die ich im Krieg und in der Gefangenschaft erlebt habe, waren alles andere als ein Vogelschiss“. Eine derart schlimme Zeit, ein derartiges Versagen von Politik und Gesellschaft so lapidar abzukanzeln, das ist mehr, als der inzwischen 97-Jährige aushalten kann.

Damals freiwillig zum Reichsarbeitsdienst

1923 geboren konnte er der Nazi-Propaganda nicht ausweichen. Mit zehn Jahren wechselte Kurt Klotzbücher vom CVJM ins Jungvolk, mit 14 gehörte er zur Hitlerjugend. Er fühlte sich dort wohl. Die Mutter, alleinerziehend, hatte viel zu tun, hatte zu Hause auch noch die jüngeren Schwestern zu versorgen. Indessen exerzierten die Buben auf dem Turnhallenvorplatz der Künkelinhalle, marschierten sonntagmorgens in die Berglen. Spielten Krieg. „Marschieren, links um, rechts um!“ Die Jungs waren dank des Drills sportlich, auf Draht, hatten die „richtige Einstellung“, so der Schorndorfer. 18-jährig durfte er endlich zum Reichsarbeitsdienst. Ja, er durfte. Der junge Mann freute sich damals, als es endlich zur Musterung ging. Er wollte in den Krieg, er wollte kämpfen.

Heute ist Klotzbücher klar: „So fängt das an. Die haben uns im Hintergrund mit den sonntäglichen Märschen schon vom Gottesdienst abgehalten.“ Damals hinterfragte das keiner. Man machte mit. Und so steckten er und seine Kameraden sich euphorisch bunte Bänder an, um nach der erfolgreichen Musterung feiernd durch die Stadt zu ziehen. „Das war ein Riesenfest!“ Es wurden Fotos gemacht. Einmal Gruppenbild mit Akkordeons, Schleifenschmuck und guter Laune vor dem Bild der der Schorndorfer Weiber. Die jungen Männer konnten es kaum erwarten, endlich loszulegen. „Wir hatten Angst, wir kommen zu spät zum Krieg“, erinnert er sich heute.

Marschbefehl nach Russland: Alles wurde anders

Also unterbrach Klotzbücher seine Lehre bei der Dr. Palm’schen chemischen Fabrik in Schorndorf. Ein Zeugnis wollte sein Lehrherr ihm nicht ausstellen. „Dich krieg’ ich eh schnell wieder zurück“, soll er gesagt haben. Es sollte anders kommen.

Der zunächst angesetzte Reichsarbeitsdienst wurde zu einer anstrengenden Rekrutenausbildung in Nancy (Frankreich), Er kam als Soldat nach Belfort und Mähren. Klotzbücher wurde selbst zum Ausbilder. Schließlich kam der Marschbefehl nach Russland. Witebsk war sein Ziel. „Ich war ein paar Wochen unterwegs.“ Aber am Ende kam er tatsächlich an. „Das ist mir heute noch ein Rätsel, wie das geklappt hat“, erinnert er sich. Seine Aufgabe: Zusammen mit den anderen Kameraden sollte er die Bahnstrecke bewachen, vor Partisanen schützen. Zwei Stunden Wache, zwei Stunden frei. 24 Stunden, jeden Tag derselbe Rhythmus. Es war der Winter 42/43. Minus 30 Grad waren keine Seltenheit. Es dämmerte dem jungen Mann: Der Krieg ist anders als gedacht.

Gefangenschaft in Basra

Sein Einsatz ging weiter. Es folgte die Verlegung nach Dänemark, wo er Soldaten der Luftwaffen-Feld-Division ausbildete. Weiter ging’s nach einem Urlaub nach Italien, nördlich von Rom. „Das waren alles schon Rückzugsgefechte“, erinnert sich Klotzbücher. Dann kam der 18. September 1944. Klotzbücher und ein Kamerad versteckten sich in einem Loch. Eine Schiffsartillerie übersah sie, auch ein Panzerpilot. Morgens dann stand plötzlich ein englischer Soldat mit einem Gewehr im Anschlag vor ihnen. Sein „Hände hoch“ beendete für Klotzbücher den Krieg.

Gemeinsam mit dem Rest der Truppe wurden sie in Gefangenschaft genommen. Sammeltransport im Güterwagen, Verladung im Hafen von Tarent. Lageraufenthalt in Ägypten. Dann der Transport über den Suezkanal. Es ging durch Jerusalem, über Bagdad. Nach einem Bad im Euphrat ging’s nach Basra. Hier war ein riesiges Militärdepot für die englischen Truppen. „Es gab von Socken bis zu Waffen alles, was die Truppen brauchten.“ Unmenschliche Hitze plagte die Gefangenen im Lager. 50 Grad Celsius und mehr waren keine Seltenheit. Arbeiten war unmöglich. Auch der englische Aufseher saß mit den Gefangenen im Schatten und hielt aus, was kam: Sandstürme, Heuschreckenplagen, mehr Hitze. Dann wieder stundenlanges Stehen zum Appell, weiteres Warten im Schatten. Klotzbücher vertrieb sich Zeit und dunkle Gedanken mit Zeichnungen. „Aber insgesamt muss man sagen, dass der Engländer wirklich fair war.“ Im Vergleich zu Altersgenossen, die in russische oder andere Kriegsgefangenschaft gekommen waren, sei es ihnen im Lager regelrecht gut gegangen: Strohsack, Wolldecke, ein Blechnapf, ein Blechteller, ein Löffel – dazu ausreichend Verpflegung mit Brot, Bohnen, Erbsen und Linsen. Die Zeit vertrieb man sich nach Kriegsende mit leichter Arbeit, Sport, Theater und Musik. Im September 1947 schließlich durfte Klotzbücher nach Hause.

Kann den Rechtsruck in der Gesellschaft nicht verstehen

Zurück in Schorndorf war alles anders. Und Klotzbücher versuchte, einfach weiterzumachen. Fand eine Arbeitsstelle, stieg beruflich auf, heiratete, gründete eine Familie. Und nach und nach ging ihm auf, was da mit ihm passiert war. Welche politische Erziehung ihn geprägt hatte. Er hinterfragte, erkannte, erschrak immer wieder. Und heute? Heute kann er den Rechtsruck in der Gesellschaft nicht verstehen. Speziell, was im Osten Deutschlands passiere, bereite ihm Sorgen.

Kurt Klotzbücher ist dankbar, dass er gesund aus dem Krieg zurückgekehrt ist. Von 54 seiner Schorndorfer Mitschüler sind 19 im Krieg gefallen. Und: „Ich habe keine Verwundungen erlitten.“ Auch dankbar ist er für die Freiheit, die die Demokratie ins Leben gebracht hat. Und er hat eine Hoffnung, an die er fest glaubt: dass die Demokratie stärker ist als neue rechtsgerichtete Strömungen.