Schorndorf

Afghanischer Laden eröffnet in Innenstadt

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Tante-Emma-Laden auf Orientalisch. Bei Ahmed Hosseini gibt’s kaum etwas, was es nicht gibt. © Schneider / ZVW
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Kuschelige Decke aus der alten Heimat für kalte Tage in Deutschland. © Schneider / ZVW
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Allah-Deko fürs Wohnzimmer. © Schneider / ZVW

Schorndorf. Reis – extra lang und extr a lecker – das ist das wichtigste Produkt, das Ahmed Hosseini in seinem kleinen Laden an der Neuen Straße verkauft. Er gerät nur so ins Schwärmen, wenn er die Besonderheiten des Getreides erklärt. Der Afghane, der 2009 aus seiner Heimat vor den Taliban geflohen ist, hat sich mit seinem „Afghan Market“ selbstständig gemacht. Endlich läuft das Geschäft richtig an, der 28-Jährige kommt so langsam aus den roten Zahlen heraus.

In der Mitte des Ladens türmen sich Reissäcke. Einen pro Woche würde eine durchschnittliche afghanische Familie mit vier Kindern schon verbrauchen, erzählt er. In Zehn-Kilo-Säcken geht das Getreide hier über die Ladentheke. Bevor Hosseini sein Geschäft an der Neuen Straße in Schorndorf eröffnet hatte, mussten die Liebhaber des Reises nach Stuttgart zu einem afghanischen Laden fahren. Für viele keine einfache Angelegenheit, kostet die Fahrt doch auch ein paar Euro.

Viele Landsleute kommen in den Laden

Und so ist sein Laden für viele Kunden eine echte Erleichterung, eine Zeitreisekapsel, die sie in null Komma nichts in die Heimat katapultiert. Ob aus Plüderhausen, Welzheim oder Waiblingen – seine Landsleute kommen zuhauf. War einer da, kommen drei weitere hinterher. Per Mundpropaganda hat sich verbreitet, dass in der Schorndorfer Innenstadt ein kleines Stück Zuhause zu finden ist.

Essbares und Ansehnliches: Bei Hosseini gibt’s alles

Hier gibt’s die Teesorten – grün sowie schwarz -, die man in Afghanistan trank. Hier riecht die Pfefferminze wie daheim. Hier warten Hülsenfrüchte in allerlei Variationen. Es locken afghanische Rosinen – lang, hell und ganz besonders süß. Geröstete Wassermelonenkerne lagern neben großen Säcken voll Erdnüssen. Hier stapeln sich Dampfkochtürme. Dekorationsgegenstände gibt es außerdem: Teetabletts, bunte Gläser, Schälchen für Süßigkeiten, Allah-Schriftzüge mit Strassbesatz und Klobürstenhalter mit viel Bling-Bling. Dazu bietet Hosseini Tagesdecken mit orientalischem Muster und jede Menge Handyladekabel an. Extrem häufig werde er nämlich danach gefragt. Und demnächst will der junge Mann auch noch afghanische Kleidung für die Dame anbieten – nach Kleidern mit Glitzersteinchen zum Beispiel werde häufig gefragt.

Tante aus Hamburg beliefert ihn

Wie der Geschäftsmann seinen Großeinkauf erledigt? Hosseini hat eine Tante in Hamburg. Sie sitzt damit am richtigen Ort und betreibt schon seit beinahe 40 Jahren Handel mit afghanischen Produkten. Ganz Nordeuropa beliefert die Verwandte von der Hansestadt aus. Und Neffe Hosseini profitiert von ihren Kontakten. Es gibt nichts, was er gemeinsam mit seiner Tante nicht organisieren kann.

Hosseini bringt Heimat nach Schorndorf 

Damit schlüpft er für seine Kunden in eine ganz besondere Rolle. Er verkauft nicht einfach nur Tee und Reis. Hosseini bringt an Heimat nach Schorndorf, was auch immer seine Landsleute sich wünschen. Kaum zu glauben, aber wahr: Speziell die Abteilung mit Dekorationsobjekten ist immens wichtig für seinen Laden. Immerhin können seine Kunden mit diesen Produkten jede noch so nüchterne schwäbische Dreizimmerwohnung in ein gemütliches und typisch afghanisches Zuhause verwandeln.

Laden wird immer mehr zum Treffpunkt

Zu Hause in Kandahar hat der Familienvater als Tischler gearbeitet. In diesem Beruf in Deutschland Fuß zu fassen wäre aber ungleich schwerer geworden, weiß er. Seine erste Idee zur Selbstständigkeit war deshalb ein Döner-Laden, berichtet er. Schnell wurde ihm aber klar, dass er damit hier keine Marktlücke entdeckt hatte. Und plötzlich war da die Idee mit dem afghanischen Laden. Und der wird in Schorndorf auch immer mehr zu einem Treffpunkt. Hier können Menschen, die häufig eine Fluchtgeschichte mit sich tragen, in ihrer Landessprache einkaufen, Produkte finden, die sie aus Kindheitstagen kennen, sich austauschen.

Auch Deutsche besuchen den Laden 

Was hier trotzdem anders ist als in einem Laden in Afghanistan? „Die Formulare“, erklärt Hosseini grinsend. Bevor er seinen Laden eröffnen konnte, hatte er gefühlt Hunderte davon ausgefüllt. „Und jeder Kunde muss eine Rechnung bekommen.“ Inzwischen hat er sich dran gewöhnt, auch wenn seine Kundschaft das nicht wirklich für nötig hält. Aber immerhin – auch etliche deutsche Passanten besuchen den Afghan Market an der Neuen Straße, lassen sich gerne die Unterschiede zwischen den verschiedenen angebotenen Dattelsorten erklären und gucken durch die Regale voller Produkte, deren Aufdruck sie nicht mal annähernd entziffern können – ein Ausflug in eine andere Welt.

Öffnungszeiten

Elf Stunden am Tag steht Ahmed Hosseini in seinem Laden. Angestellte hat er keine. Dementsprechend lang sind seine Arbeitstage.

Geöffnet hat der Afghan Market montags bis samstags von 9 bis 20 Uhr.