Schorndorf

Airbags für Motorradfahrer

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Dennis Hämmer demonstriert an unserem Mitarbeiter Philipp Drews das neue Airbag-System. © Habermann / ZVW

Winterbach. Ein Sturz mit dem Motorrad kann oft schlimme Folgen nach sich ziehen. Durch verschiedenste Schutzmaßnahmen kann mittlerweile größtmöglicher Schutz der Fahrer auf der Strecke garantiert werden. Ein Beispiel dafür ist das neue Airbag-System von Schwabenleder. Die Winterbacher sind in Deutschland zurzeit die Einzigen, die diese bestimmte Technologie verbauen. Andere Airbag-Systeme gibt es aber auch von anderen Herstellern.

Bei Motorradrennen stürzen jedes Wochenende massenweise Fahrer ins Kiesbett oder auf den harten Asphalt. Bei einem sogenannten „Highsider“, bei dem sich das Motorrad aufschaukelt und den Fahrer zunächst in die Höhe katapultiert, von wo aus er dann auf den harten Asphalt aufschlägt, sind die Verletzungsrisiken besonders hoch.

Integrierte „intelligente“ Airbag-Systeme

Seit geraumer Zeit beschäftigt sich die Motorrad-Bekleidungsbranche mit verschiedenen Systemen, um Motorradfahrer zu schützen. Hierzu zählen Airbag-Westen mit Reißleinen, wie sie die Firmen Held und Helite anbieten. Diese werden über der Schutzkleidung getragen. Integrierte „intelligente“ Airbag-Systeme schließen eine weitere Lücke auf dem Markt der Fahrersicherheit. Neben Dainese und Alpinestars hat sich nun auch Schwabenleder in diesem Segment behauptet.

Die Winterbacher Firma beschäftigt sich seit 1978 mit dem Schutz von Motorradfahrern. Mit ihren Lederkombis haben sie seither viele Fahrer vor schlimmeren Verletzungen bewahren können. In diesem Jahr erhielten sie vom Fachmagazin Motorrad bereits zum neunten Mal in Folge den Titel der „Best Brand“ (beste Marke).

Das System wird ab 50 km/h scharf geschalten

Seit dem Beginn der diesjährigen Saison bietet das Team aus Winterbach ein System an, das den Fahrer mittels eines Oberkörper-Airbags vor harten Stürzen schützen soll. Die Airbag-Weste ist in die Lederkombi integriert und mit einem Steuergerät an der Rückseite verbunden.

Eine mit LEDs ausgestattete Kontrolleinheit am linken Ärmel gibt dem Fahrer Rückmeldung, ob das System aktiv ist. „Durch mehrere Sensoren erkennt das ‘Gehirn’ des Airbag-Moduls, die Bewegung und schaltet sich ab circa 50 km/h scharf“, sagt Dennis Hämmer. Er ist Geschäftsführer bei Schwabenleder und hat die Firma 2014 von seinem verstorbenen Vater und Firmengründer Claus Hämmer übernommen.

Dieses Jahr schon sechs bis sieben Auslösungen

„Die Technik kommt von Alpinestars, ein italienischer Hersteller von Bekleidung für alle möglichen Extremsportarten. Sei es fürs Motorradfahren oder die feuerfesten Anzüge für die Formel-1-Fahrer. Wir sind aktuell die Einzigen in Deutschland, die neben Alpinestars dieses Airbag-Modul in ihren Kombis verbauen. Darüber freuen wir uns und sind natürlich sehr stolz.“

Das Airbag-System sei in dieser Saison bereits mehrfach erfolgreich zum Einsatz gekommen. „Wir hatten dieses Jahr schon sechs bis sieben Auslösungen. Die Rückmeldungen der Fahrer waren durchweg positiv und begeisternd. Durch die Kombination von hochwertigen Materialien, Protektoren etc. und dem Airbag-Modul kann ein großes Maß an Sicherheit generiert, können Verletzungen vermieden werden.“

Bei der Rohstoffbeschaffung achtet Schwabenleder auf regionalen Bezug

Der integrierte Computer misst während der Fahrt die Geschwindigkeit und reagiert auf Bewegungen, die sich außerhalb der Norm befinden. Daraufhin löst das System innerhalb von 40 Millisekunden aus und bildet ein schützendes Luftpolster um den Oberkörper der Fahrer. „Anfangs waren die ersten Auslösungen für die Fahrer ungewohnt, beziehungsweise haben sie sich eher fast erschrocken, als der Airbag aufging“, sagt Dennis Hämmer.

Das Auslösen der Airbag-Weste nennt man Schuss. Jede Weste verfügt über zwei dieser Schüsse. Nach der doppelten Auslösung muss die Weste zum Service und zur Kontrolle (Kostenpunkt: 299 Euro), bevor sie wieder verwendet werden kann.

„Känguruleder ist abrieb- und reißfester"

Dennis’ Zwillingsschwester Julia Hämmer schneidert gemeinsam mit ihren Mitarbeitern die rund 200 Einzelteile zur fertigen Lederkombi zusammen. Der Kunde kann sich bei der Wahl des richtigen Leders zwischen traditionellem Rindsleder oder dem leichteren Känguruleder entscheiden. „Känguruleder ist abrieb- und reißfester. Dadurch können wir etwas dünneres Leder verbauen, haben dabei aber die gleiche Reißfestigkeit wie beim Rindsleder“, sagt Julia Hämmer.

Bei der Rohstoffbeschaffung für die Produktion der Motorradbekleidung achtet Schwabenleder seit Firmengründung auf den regionalen Bezug: „Unserem Vater war regionale Rohware für unsere Produkte immer sehr wichtig. Unsere Rohware kommt aus Österreich, der Schweiz und Deutschland, verarbeitet und gegerbt bei der Firma Wollsdorff, die beliefern auch Polstermöbelhersteller wie Rolf Benz. Für Känguruleder haben wir jetzt einen Zwischenhändler in Pfullingen gefunden, da es ja leider keine schwäbischen Kängurus gibt“, sagt Dennis Hämmer.

„Die Airbag-Kombi ist für uns schon etwas Bahnbrechendes“

Aktuell unterstützt Schwabenleder Fahrer in der Internationalen Deutschen Motorradmeisterschaft (IDM). Hierzu zählt beispielsweise Florian Alt. Außerdem sind die Winterbacher Partner im Yamaha R6 Dunlop Cup.

„Jule und ich fahren ja auch selbst öfters mal auf der Rennstrecke, da lässt es sich nicht vermeiden, die eigenen Produkte ausgiebig zu testen. Da bekommt man natürlich mit, was funktioniert und was nicht“, erzählt Dennis Hämmer. „Die Airbag-Kombi ist für uns schon etwas Bahnbrechendes. Es ist die erste Kombi, die wir ohne den ‘Vadder’ gemacht haben. Wir sind stolz, dass sie so gut funktioniert.“

Kostenpunkt: Rund 4000 Euro

Für 3960 Euro ist die Airbag-Lederkombi unter dem Namen G.P.1 Air-Tec bislang nur für die Rennstrecke und nur auf Maß erhältlich. Für den Straßenverkehr müssen Motorradfahrer bislang mit der Airbag-Weste zum Drüberziehen, ohne Sensoren, vorliebnehmen. Diese ist mittels einer Reißleine mit dem Motorrad verbunden und löst bei einem Sturz aus.

„Mittelfristig ist es geplant, dass wir das System auch für den Straßenverkehr anbieten können. Ich denke, dass der allgemeine Markt es mittel- oder langfristig ermöglicht, dass jeder Motorradfahrer die Chance bekommt, sich mit einem Airbag-System zusätzlich zu schützen“, erklärt Dennis Hämmer.


Daten & Fakten

  • Schwabenleder stellt pro Jahr im Schnitt 1100 Lederkombis her.
  • Pro Lederkombi fällt durchschnittlich eine Arbeitszeit von 25 bis 35 Stunden an.