Schorndorf

Asylbewerber zündet Flüchtlingsheim an: Prozessauftakt

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Die Urbacher Asyl-Unterkunft in der Nacht des 16. März, nachdem die Feuerwehr den Brand gelöscht hat. © Ellwanger / ZVW

Urbach. Die Anklage lautet auf versuchten Mord in 24 Fällen und schwere Brandstiftung: Am Landgericht Stuttgart hat die Verhandlung gegen einen 23-Jährigen aus dem Iran begonnen, der für den Brand der Urbacher Asylunterkunft im März verantwortlich ist. Zündelte er aus Heimtücke? Oder aus Versehen?



Gegen zehn Uhr am Abend des 16. März 2018 schlugen Flammen aus zwei Fenstern im ersten Stock eines Wohncontainers der Urbacher Asyl-Unterkunft. Das Feuer, das in einem Zimmer ausgebrochen war, griff über auf den ganzen Kasten, auch das danebenstehende Gebäudemodul brannte aus. Sachschaden: 150 000 Euro. 24 Asylbewerber waren zum Zeitpunkt des Geschehens in der Anlage, sie konnten sich retten, weil die Brandmelder anschlugen. Ein Bewohner erlitt, als er versuchte, andere zu warnen, eine leichte Rauchgasvergiftung.

In derselben Nacht nahm die Polizei einen aus dem Iran stammenden Mann fest, der selber in dieser Unterkunft lebte. Eine Blutalkoholmessung ergab ein Promille.

"Nie vorgehabt, mein Zimmer anzuzünden"

Er trage die Schuld, lässt der Angeklagte – er spricht persisch – im Landgericht seinen Dolmetscher übersetzen, habe aber „nie vorgehabt, mein Zimmer anzuzünden“. Ein Unglück aus Unachtsamkeit?

In der Anklageschrift liest es sich anders: Der Mann habe in jener Nacht Matratze und Decke seines Betts angesteckt, das Zimmer verlassen, die Tür verschlossen und sich hinunter vors Haus begeben. Dort zog er sein Handy und filmte das Lodern.

Der Angeklagte, 23, ist geboren in Teheran. Dorthin waren einst seine Eltern aus Afghanistan geflohen vor dem Krieg gegen die Sowjetunion. Die Familie haust im Iran offenbar ärmlich, die Eltern „tun alles“, erzählt der Sohn, sie nähmen jede Arbeit an, die sie kriegen könnten, um sich durchzuschlagen. Er selber habe nur fünf Jahre lang die Schule besucht – danach habe auch er zum Haushaltseinkommen beitragen müssen und Lebensmittel verkauft; bis er sich davonmachte. Auf der Balkanroute kam er im November 2015 nach Deutschland und landete über Karlsruhe und Rudersberg im September 2017 in der Unterkunft Urbach.

Angeklagter spricht kein Deutsch und ist voller Unmut

Was auch immer er sich bei seinem Aufbruch versprochen haben mag, richtig angekommen ist er offenkundig nie. Auch fast drei Jahre nach der Ankunft spricht er so gut wie kein Deutsch und ist voller Unmut: „Tausendmal“ habe er „verlangt“, einen Sprachkurs machen oder arbeiten zu dürfen, „vollkommen egal“, was – „vergeblich“. Mit „dem Sozialamt“ habe er „ständig Probleme“ wegen „des Geldes“. Nicht mal „eine AOK-Karte“ bekomme er, „damit ich zum Arzt gehen kann, wenn ich krank werde“. Und einmal, im Zweier-Zimmer einer Sammelunterkunft, habe sein Mitbewohner „ständig Besuch bekommen“.

2016 in Rudersberg beschwerte er sich, offenbar erregt bis an die Grenze der Zurechnungsfähigkeit, bitterlich über seine Unterbringung: Er hämmerte den Kopf derart heftig gegen die Holztür eines Büroraums, dass er 200 Euro Sachschaden anrichtete. Nach den Recherchen der Staatsanwaltschaft soll er bereits in Rudersberg gedroht haben, dass er „Feuer machen“ oder sich umbringen werde.

Er trank „mindestens eine Flasche Wein am Tag“, dazu „Wodka, Whiskey, Cognac“, wann immer das Geld dafür reichte. Auch Haschisch habe er genommen.

Was am 16. März geschehen sein soll

Und am 16. März? Er sei in jener Nacht psychisch am Ende gewesen, aufgewühlt von einem Telefonat mit der Mutter, die schwer herzkrank sei. Zahnschmerzen hätten ihn so gepeinigt, „dass ich meinen Kopf immer gegen die Wand geschlagen habe“. Um „zur Ruhe zu kommen“, habe er erst einen Joint geraucht, dann eine Flasche Rotwein geleert und binnen einer Viertelstunde vier Gläser Wodka gekippt. Und schließlich beschlossen, „mich umzubringen“.

Er habe den Kapuzenpullover, den er trug, am Leibe angezündet – als aber die Flammen züngelten, habe er sie, von Angst gepackt, mit bloßer Hand erstickt und das Kleidungsstück ausgezogen und aufs Bett geworfen. Er habe nicht gedacht, dass da noch etwas glimmen könnte.

Er habe sich auf der Toilette erbrochen und danach den Container verlassen – draußen aber habe er gesehen, wie oben sein verlassenes Zimmer flackernd leuchtete.

Die Richterin zweifelt

Es ist mit Händen zu greifen, wie heftig Richterin Ute Baisch an dieser Darstellung zweifelt. Warum, fragt sie, habe er auf der Straße zwar sein Handy gezückt, aber nicht die Polizei gerufen, sondern auf Aufnahme gedrückt? Er sei, antwortet der Angeklagte, „dermaßen schockiert“ gewesen, „dass ich einfach einen Film gedreht habe“.

Hat er den Ernst der Lage überhaupt begriffen? Sein Asylbegehr ist bereits rechtskräftig abgelehnt, er ist „vollziehbar zur Ausreise verpflichtet“, sprich, ihm droht die Abschiebung. In den Iran aber kann er wohl nicht zurück – dieses Land werde ihn nicht aufnehmen, glaubt die Richterin: Er hat nämlich wie seine einst geflohenen Eltern die afghanische Staatsbürgerschaft. „Ich war bis jetzt keine Minute in Afghanistan!“, klagt der junge Mann, er sei „bereit zu sterben“, bevor er dort hingehe! Die Richterin antwortet: „Sie müssen damit rechnen, dass Sie irgendwann in einem Flugzeug nach Kabul gebracht werden.“


So geht es weiter

Der auf vier Verhandlungstage terminierte Prozess wird in zwei Wochen fortgesetzt. Im Laufe des Verfahrens wird es darum gehen, mit Hilfe von Zeugen und Sachverständigen die Frage zu klären, ob es sich um Absicht oder ein Versehen handelte. Für erste lässt sich festhalten: Dass der Angeklagte bereits früher in Rudersberg drohte, Feuer zu legen, und dass er in Urbach den Brand per Handy filmte, sind belastende Indizien.