Schorndorf

Auf Tuchfühlung mit einer Parallelwelt

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Künstlerin Uta Weyrich bespricht mit Projektionist Philipp Contag-Lada den Aufbau der Ausstellung „Private matter“ in der neugestalteten „Q-Galerie für Kunst“. © Büttner / ZVW

Schorndorf. Die Stoffbahnen hängen im Raum und die ersten Videos haben sich auf den transparenten Segeln bereits verfangen. Gestartet wird die Endlosschleife aber erst, wenn Uta Weyrichs und Eva Paulitschs „Private matter“-Ausstellung am Sonntag in der „Q-Galerie für Kunst“ eröffnet wird. Dafür haben sie im April in Schorndorf Handyfilme von Jugendlichen gesammelt. Dass Installation und Raum eine Sogwirkung entwickeln, ist das Werk des Projektionisten Philipp Contag-Lada.

Gemütlich an der Wand lehnen und berieseln lassen, diese Konsumhaltung funktioniert bei der „Private matter“-Ausstellung nicht. Die Videosequenzen, die in einer Endlosschleife auf die 38 vier Meter hohen Stoffbahnen projiziert werden, locken hinein in den Raum. Distanzierter Kunstblick – nicht möglich und nicht gewollt: „Der Besucher soll nicht in die Rezeptionsrolle kommen“, sagt Uta Weyrich. Und so wird der Gang durch die Ausstellung schnell zu einem farbintensiven Lichtbad. Immer tiefer ziehen die bewegten Bilder ins Stofflabyrinth. Gegen die Wucht der Halle wirken die transparenten Voile-Stoffe wie ein feiner Hauch. Zwischen Licht und Schatten, Aktion und Stillstand wird der Betrachter selbst zum Akteur – „und damit Bestandteil der Installation“, sagt Philipp Contag-Lada, der als Projektionist und Bühnenbildner immer wieder im Kunstraum, vor allem aber in Theaterräumen arbeitet.

Auf Lichtspots, die den Betrachter in Szene setzen, haben er und die beiden Künstlerinnen aber bewusst verzichtet. „Der Besucher soll in seiner Welt sein“, sagt Uta Weyrich und ist fasziniert vom Wechselspiel zwischen Voyeurismus und Intimität: Private Handyvideos werden öffentlich, in der Abstraktion und der Verkürzung aber bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Nicht der einzelne Film, sondern die Atmosphäre spielt die Hauptrolle. Antworten sind von den stark vergrößerten Filmschnipseln nicht zu erwarten. Geschichten werden nicht zu Ende erzählt. Jeder Platz bietet eine andere Assoziationsmöglichkeit. Eine rationale Erarbeitung ist unmöglich. „Es geht um Intuition und Gefühl“, sagt Weyrich. Womöglich wird – als weitere Information – die Tonspur, zuvor vom Videomaterial abgekoppelt, noch zur Ausstellung gestellt: Über Kopfhörer eingespielt, wäre der Abschirmeffekt perfekt. Doch schon allein das Rauschen der beiden Beamer macht ein tiefes Eintauchen möglich.

QR-Codes: Der Weg zum Schorndorfer Filmprogramm

Da können die heftigsten Gewitter vom Himmel donnern, in den neu gestalteten Galerieräumen läuft ein ganz anderer Film. Abgedunkelt und mit schwarzem Bühnenmolton an den Wänden, ist hier eine Parallelwelt entstanden, mit der die Besucher auf Tuchfühlung gehen können. Die 70 Videos, die Weyrich und Paulitsch Ende April von Schorndorfer Jugendlichen auf der Straße und in Klassenzimmern gesammelt haben, sind eingeflossen in ein Archiv, in dem sich mittlerweile mehr als 1600 Filmchen befinden (wir haben berichtet). Und aus dieser Quelle haben sie auch für die Schorndorfer Video-Collage geschöpft. Wer ausgesucht Schorndorfer Filmchen sehen möchte, braucht ein Smartphone mit entsprechender App. QR-Codes im Lichthof der Galerie und in der ganzen Stadt auf grau-gelben Plakaten sind die Eintrittskarte zum Filmprogramm: Pro Scan, natürlich nach der Vernissage auch mit einem der beiden Leih-Handys des Kulturforums möglich, ist dann ein zufällig gewähltes Video zu sehen. „Das ist wie ein kleines Schorndorfer Kinoprogramm“, erläutert Uta Weyrich, die den Installationsaufbau allerdings ohne ihre Kollegin Eva Paulitsch stemmen musste: Gleich am ersten Tag in Schorndorf hat sich die Berliner Künstlerin bei einem Unfall mit einer Leiter so schwer am Fuß verletzt, dass an Aufbauarbeiten in der Galerie nicht mehr zu denken war. Obwohl im Krankenstand, war sie – die digitale Technik macht’s möglich – mit ihrer Kollegin aber im Dauerkontakt.

Die beiden Künstlerinnen, die sich während des Studiums an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart kennengelernt haben, arbeiten seit 2003 als Team zusammen und sind in Stuttgart und Berlin zu Hause. Mit ihrem Ausstellungskonzept waren sie bereits in Dortmund, Frankfurt, Zürich, Stuttgart, Mannheim, Freiburg, Göppingen, Potsdam, Ravensburg und in Dresden. Dabei sind sie nicht auf hochwertiges Material oder spektakuläre Inszenierungen aus, ihnen geht es um Alltagssituationen. Ihre Filme betrachten sie selbst als Versatzstücke, in denen sich die Welt in ihrer Schnelllebigkeit spiegelt. Sie betrachten die Straße als Atelier und die Videos als ihre Farben. Da sie bewusst auch Filme von geflüchteten Jugendlichen gesammelt haben, erhoffen sie sich einen Einblick in deren Alltags- und Lebenswelt, in deren Sehnsüchte, Wünsche, Gefühle, Bedürfnisse und Ängste zu bekommen.


Info

Vernissage der Ausstellung „Private matter“ ist am Sonntag, 12. Juni, 15 Uhr, in de „Q-Galerie für Kunst“, im Arnold-Areal.

„Q-Galerie für Kunst“ oder „Das Q“

Die Schorndorfer Galerien für Kunst und Technik gibt es nicht mehr: Weil der Technikbereich bis spätestens Herbst 2017 zur Forscherfabrik werden soll, haben Kunstverein und Kulturforum ihre Galerie im Arnold-Areal abgetrennt und umgebaut – mit neuem Eingangsbereich, einem Plus an Ausstellungsflächen und unter neuem Namen: Die „Q-Galerie für Kunst“ oder „Das Q“ wird mit der Vernissage der „Private matter“-Ausstellung am Sonntag, 12. Juni, 15 Uhr, eröffnet. Wer sich über die Namensgebung wundern sollte: Q steht für das gesprochene „Ku“ im Wort Kunst.

Doch der Weg bis hierhin war steinig – und staubig: Kaum war im April die letzte Ausstellung abgebaut, hat sich Kunstvereins-Vorsitzender Hardy Langer als Bauleiter in die Arbeit gestürzt und mit einem Dutzend freiwilliger Helfer mehrere Hundert ehrenamtliche Arbeitsstunden geleistet. Denn für Kunstverein und Kulturforum war von Anfang an klar: Auch wenn die Technik-Galerie wegen Umbaus eineinhalb Jahre geschlossen ist, die Kunstausstellungen sollen weiter laufen.

Darum haben die Kunstvereinsschaffer die bisher öffentlich zugängliche Passage zur Musikschule hin geschlossen und den Galerieeingang verlegen lassen. Die „Q-Galerie für Kunst“ ist jetzt über die Karlstraße 19 und barrierefrei aus Richtung Kesselhaus zu erreichen. Dieser Eingangsbereich wird mit neuer Theke, Garderobe samt Schließfächern und kleiner Küche für die Bewirtung bei Vernissagen im ehemaligen Kufo-Besprechungsraum aufgewertet, außerdem gibt es im Gang Sitzgelegenheiten und eine Extra-Wand für Werke aus der „Schorndorfer Edition“. Auch der Lichthof hat vom Umbau profitiert und durch verdeckte Fenster eigene Ausstellungsflächen bekommen.

Um überhaupt mehr Ausstellungsflächen zu bekommen, wurden in der ganzen Galerie im großen Stil Glasflächen mit Gipswänden verdeckt. Doch Hardy Langer hat nicht nur den Umbau geleitet, er war auch mit Möbelbau, Streich- und Spachtelarbeiten beschäftigt. Diese Woche hat er Schlitze für Lichtbänder in die Säulen im Gang gefräst – und eine Unmenge Staub aufgewirbelt. Bis zur Eröffnung soll noch ein Schriftzug am Haus auf den neuen Eingang der Galerie aufmerksam machen. Außerdem hat die Stadt Schorndorf die Umbauarbeiten genutzt, um längst beschlossene Schallmaßnahmen an der Decke zu installieren – und hat sich mit insgesamt 40 000 Euro an den Kosten beteiligt. Den Rest haben die Kunstschaffenden aus eigener Kraft gestemmt.

Unterstützung gab’s nicht zuletzt auch vom Freundeskreis der Galerien für Kunst und Technik: Nachdem es die Galerien für Kunst und Technik nicht mehr gibt, haben die Mitglieder in ihrer letzten Versammlung nicht nur die Auflösung beschlossen, sondern auch, dass das Restvermögen der Realisierung der „Private matter“-Ausstellung zugutekommen soll. Zugleich hat der Vorstand den Mitgliedern empfohlen, Fördermitglied des Kulturforums zu werden.