Schorndorf

Aus der Ukraine nach Schorndorf: Luda hilft, obwohl auch sie Hilfe braucht

Lyudmila Efremova
Lyudmila Efremova (links) im Gespräch mit Julia Rosin, Kinder- und Jugendpastorin beim Süddeutschen Gemeinschaftsverband (SV) © ALEXANDRA PALMIZI

Mit drei Koffern ist Lyudmila Efremova im April in Schorndorf angekommen. Nachdem der Krieg in der Ukraine immer näher rückte, Sirenen und erste Explosionen zu hören waren, hat sie sich trotz aller Angst – und ermutigt von ihrem Mann – zur Flucht entschlossen. Weil ihre Schwiegermutter bereits in Schorndorf gelandet war, kam sie ebenfalls hierher. „In elf Zügen“, erzählt die 25-Jährige und sieht sich von Gott geführt. Es ist der Glaube, der ihr Kraft gibt, die schwierige Situation auszuhalten, dass sie alles, was ihr lieb und wichtig ist, in ihrer Heimatstadt Odessa zurücklassen musste. Nach den ersten Wochen in Schorndorf, das erzählt sie heute, überwog der Frust. Dass sie sich jetzt bei der SV Schorndorf, obwohl sie selbst hilfsbedürftig ist, in der Kinder- und Jugendarbeit einbringt, das findet Pastorin Julia Rosin umso bemerkenswerter. Sie ist es auch, die im Gespräch übersetzt.

Kontakt mit Kindern funktioniert oft auch ohne Worte

Luda, wie sie alle in der Gemeinde nennen, kann nur wenig Englisch und noch kaum Deutsch. Doch im Kontakt mit Kindern, sagt sie, sei das auch gar nicht so wichtig. Die Verständigung klappt oft auch ohne Worte. Dass sie in einem ihrer Koffer die Schminkfarben eingepackt hat, mit denen sie schon in Odessa Kindern Blumenranken auf Arme zauberte und Tiergesichter malte, hat sich als großer Glücksfall herausgestellt.

Mit ihrem Mann hatte Luda in der ukrainischen Hafenstadt am Schwarzen Meer schon vor dem Krieg Events für Kinder organisiert. Da aktuell nur Frauen und Kinder ausreisen dürfen, macht er dort alleine weiter, stellt Veranstaltungen für Kinder, Teenies und Erwachsene auf die Beine, „um im Krieg etwas Leichtigkeit und Normalität zu bieten“. Dabei geht es um Unterhaltung, aber auch um psychische und seelsorgerische Unterstützung. „Viele Menschen haben zum Glauben gefunden“, weiß Luda, die selbst auf Gott vertraut.

Drei Wochen, nachdem sie in Schorndorf angekommen war, sprach sie trotz aller Ängste und Sorgen dieses Gebet: „Ich kann an der Situation nichts ändern, doch wie kann ich den Unterschied machen?“ Tags drauf, erzählt die 25-Jährige, die bei der Gastfamilie in Schorndorf untergekommen ist, habe sie in der Nachbarschaft auf der Straße ein Kreideherz entdeckt, in dem sie die ukrainischen Worte las: „Gott ist mit uns“. Einer ebenfalls geflüchteten Ukrainerin, die just in diesem Moment aus dem Fenster schaute und mit der sie ins Gespräch kam, ist Luda zur SV Schorndorf gefolgt. Hier ist sie bald mit Julia Rosin und Pastor Michel Schneider in Kontakt gekommen, die ihr Talent sahen: Die 25-Jährige kann nicht nur Kinder schminken, sondern auch tolle Luftballonfiguren machen. „Das kommt bei unserem wöchentlichen Kinderprogramm in der Flüchtlingsunterkunft supergut an“, schwärmt Michel Schneider.

Wie eine Gebetserhörung: Einsatz im Kids-Camp und bei der Jungschar

Gleich in den Pfingstferien war Luda dann eine Woche lang beim Kids-Camp der Gemeinde am Breitenauer See dabei. Jede Woche bringt sie sich in der Mädchen-Jungschar ein. Für sie ist die Möglichkeit, hier aktiv zu sein, „wie eine Gebetserhörung“, erzählt sie Julia Rosin. Die Kinder- und Jugendpastorin, die selbst ukrainische Wurzeln hat und die Sprache spricht, weiß aus ihren Kontakten mit geflüchteten Familien, dass die Situation für sie in Schorndorf alles andere als einfach ist: Standen anfangs die materielle Not, die große Unsicherheit, die Suche nach einer Unterkunft und Haushaltsgegenständen im Vordergrund, sei mittlerweile die emotionale Belastung ein großes Thema. Vor allem Frauen, die alleine mit ihren Kindern hier sind und um ihre Männer in der Ukraine bangen, stehen psychisch sehr unter Druck. Der bürokratische Aufwand und die Papierflut in Kontakt mit den Ämtern, sagt Julia Rosin, seien enorm und ohne Hilfe kaum zu bewältigen. Wie es mit dem Krieg weitergeht, ob und wann eine Rückkehr für die Geflüchteten möglich ist, all das ist noch längst nicht geklärt. Und die Hoffnung, dass der Krieg bald zu Ende ist, hat sich zerschlagen. Auch Luda hat mehrere Optionen– „je nachdem, wie sich die Situation entwickelt“.

Aktuell sind in Schorndorf 354 Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine gemeldet, im Rems-Murr-Kreis sind es, Stand 10. August, 3666. Zum großen Teil, sagt Martina Keck, Pressesprecherin im Landratsamt, sind die Geflüchteten privat untergekommen, bis Freitag, 19. August, gab es noch 15 Personen in der Schornbacher Brühlhalle, die nach den Ferien wieder für den Vereinssport offen stehen soll. Die Geflüchteten sind in die Anschlussunterbringung und in Kreisunterkünfte umgezogen. Im Kelch-Areal gibt es etwa 100 Flüchtlinge aus vielen Ländern, allerdings nicht aus der Ukraine.

Mit drei Koffern ist Lyudmila Efremova im April in Schorndorf angekommen. Nachdem der Krieg in der Ukraine immer näher rückte, Sirenen und erste Explosionen zu hören waren, hat sie sich trotz aller Angst – und ermutigt von ihrem Mann – zur Flucht entschlossen. Weil ihre Schwiegermutter bereits in Schorndorf gelandet war, kam sie ebenfalls hierher. „In elf Zügen“, erzählt die 25-Jährige und sieht sich von Gott geführt. Es ist der Glaube, der ihr Kraft gibt, die schwierige Situation

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