Schorndorf

Ausnahmezustand im indischen Krankenhaus:  Schorndorfer Freundeskreis Vellore  berichtet von kritischen Zuständen

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Thomas Oesterle zeigt historische Bilder aus dem Krankenhaus. © Ralph Steinemann Pressefoto

Indien ist in den vergangenen Wochen mehr und mehr in den Fokus der internationalen Medien gerückt. Grund dafür ist die verheerende Corona-Situation im südasiatischen Land. Der evangelische Pfarrer Thomas Oesterle steht seit vielen Jahren in regem Kontakt zu einem Krankenhaus in der Stadt Vellore. Er berichtet von rapide steigenden Infektionszahlen und einer Klinik im absoluten Ausnahmezustand.

Die evangelische Kirchengemeinde Schorndorf pflegt schon seit vielen Jahren ein gutes Verhältnis zum „Christian Medical College“ der südindischen Stadt Vellore. Das Krankenhaus wurde 1902 von der christlichen Missionarin Dr. Ida Sophia Scudder gegründet. In den 1970er Jahren hat Pfarrer Dr. Reinhold Wagner den Freundeskreis Vellore ins Leben gerufen. Die Initiative dient dazu, mittellosen Patienten eine medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Denn im Gegensatz zum deutschen Gesundheitssystem muss man seine Krankenhausrechnungen in Indien in den allermeisten Fällen selbst und noch vor Ort bezahlen. Das können sich viele nicht leisten.

Seit 2011 leitet Thomas Oesterle den Freundeskreis zusammen mit einem Arzt aus Öhringen. Bei regelmäßigen Reisen nach Indien hat er das Krankenhaus, die zugehörige Universität und viele Einheimische kennengelernt. „Über die Jahre sind viele Freundschaften entstanden“, sagt der 63-Jährige. Seit Beginn der Pandemie hält er den Kontakt übers Internet. Vor wenigen Tagen konnte er sogar mit dem Chefarzt des Krankenhauses sprechen, der sehr schlechte Nachrichten verkündete.

Intensivbetten im Rohbau

Lange Zeit schien Indien das Coronavirus nach der ersten Welle gut im Griff zu haben. Selbst Anfang des Jahres, als Europa in die dritte Welle rutschte, waren die Infektionszahlen rückläufig. Das 3000 Betten fassende Krankenhaus in Vellore arbeitete im Normalbetrieb und konnte verschiedenste Behandlungen durchführen. Doch seit ein paar Wochen steigen die Fallzahlen stark an.

Wie Thomas Oesterle berichtet, waren im Januar noch drei Prozent der getesteten Patienten positiv. Im April waren es ganze 30 Prozent. Dazu muss gesagt werden, dass in Indien ohnehin nur Menschen mit Corona-Symptomen getestet werden können. Obwohl die Pandemie am stärksten in den Metropolen im Norden Indiens wütet, wird es auch im Süden langsam kritisch.

„Ein stummes Zeichen ist für mich, dass die Webseite des Krankenhauses nicht mehr abrufbar ist. Sie hat so viele Zugriffe, dass sie überlastet ist“, sagt Thomas Oesterle. Die Anzahl an Covid-Patienten auf der Intensivstation hat sich laut dem Chefarzt vervierfacht. Es gibt mittlerweile sogar eine Warteliste für Intensivbetten. „Das Bitterste für die Mitarbeiter im Krankenhaus ist, gewisse Patienten abweisen zu müssen“, betont Thomas Oesterle. Selbst ein neues Gebäude, das sich noch im Rohbau befindet, ist mittlerweile mit Intensivpatienten belegt.

Klinik ist auf Spenden angewiesen

Ein weiteres Problem sind die Einnahmeausfälle, die vor allem von April bis September des vergangenen Jahres entstanden sind. Denn normale Operationen, die dem privaten Krankenhaus Geld in die Kasse spülen, mussten lange Zeit ausbleiben. Zu viele Corona-Patienten waren auf der Intensivstation untergebracht. Deshalb ist die Klinik mehr auf Spenden angewiesen denn je. Dafür haben die Krankenhausmitarbeiter freiwillig eine halbe Million Euro aufgebracht. Thomas Oesterle erklärt: „Ein Stationsarzt verdient in Indien rund 500 Euro im Monat. An der großen Spendensumme sieht man, wie viel das Krankenhaus den Menschen bedeutet.“

Auch deshalb ist das Krankenhaus eigentlich gut auf die aktuelle Krisenlage vorbereitet. Zudem ist es verhältnismäßig gut für verschiedenste Behandlungen ausgestattet. Doch bei mittlerweile 11.000 behandelten Covid-Patienten seit Beginn der Pandemie sind die Kapazitäten bis aufs Äußerste ausgeschöpft.

Besonders nachdenklich stimmt Thomas Oesterle die Geschichte einer Ärztin, die er gut kennt. Ihr 104 Jahre alter Onkel, der selbst Bischof war, liegt in der Klinik im Sterben. Er hat zwar kein Corona, doch aufgrund der Infektionsgefahr darf ihn kein Angehöriger besuchen. „Er hat als Bischof Tausende Menschen begleitet und jetzt muss er allein sterben. Das ist sehr traurig.“

Auch in Indien hofft man die Pandemie mit Impfungen zu besiegen. 90 Prozent der Angestellten im Christian Medical College Hospital sind mit dem Impfstoff Covaxin geimpft, sagt er. Dieser wird zwar in Indien selbst entwickelt und hergestellt, doch bei einer unvorstellbar großen Einwohnerzahl von 1,2 Milliarden Menschen dauert die Durchimpfung wahrscheinlich noch eine ganze Weile.

2600 Euro für Sauerstoffgeräte

Der Förderverein tut weiter alles, um das Krankenhaus in Vellore zu unterstützen. So ist zum Beispiel ein indischer Ingenieur, der in Deutschland lebt, über das Internet auf den Verein aufmerksam geworden. Er hat 2600 Euro für Sauerstoffgeräte gespendet, die Thomas Oesterle und seine Kolleginnen und Kollegen direkt in die Klinik geschickt haben. Die Spendenaktion eines indischen Arztes unterstützt der Förderverein ebenfalls. Für den Schorndorfer Pfarrer ist es fast schon eine Selbstverständlichkeit, dem Krankenhaus zu helfen, denn es stützt sich auf die christlichen Prinzipien der Barmherzigkeit. „Diese Menschen sind Vorbilder für meine eigene Glaubenspraxis“, sagt er.

Info

Wer den Freundeskreis Vellore unterstützen möchte, bei der Kreissparkasse Waiblingen ist ein Spendenkonto eingerichtet: IBAN: DE02 6025 0010 0005 116580, BIC: SOLADES1WBN

Indien ist in den vergangenen Wochen mehr und mehr in den Fokus der internationalen Medien gerückt. Grund dafür ist die verheerende Corona-Situation im südasiatischen Land. Der evangelische Pfarrer Thomas Oesterle steht seit vielen Jahren in regem Kontakt zu einem Krankenhaus in der Stadt Vellore. Er berichtet von rapide steigenden Infektionszahlen und einer Klinik im absoluten Ausnahmezustand.

Die evangelische Kirchengemeinde Schorndorf pflegt schon seit vielen Jahren ein gutes

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