Schorndorf

Beinharte Arbeit im Rockzirkus von Udo Lindenberg

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Hannes Bauer, links, beim Auftritt des Panikorchesters auf Udos Rockliner. Die Gäste wissen nicht, dass Bauer unter Schmerzen spielt. Der gebrochene Fuß ist noch nicht heile. Man hat ihn auf einem Roll-Hocker reingeschoben zu Beginn der Show. © Schill
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Hannes Bauer und Orchester Gnadenlos im Schuetzenhaus Korb
Als Musiker. Mit seinem Orchester Gnadenlos im Korber Schützenhaus. © Habermann / ZVW
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Hannes Bauer
Hannes Bauer als Erzähler im Schorndorfer Coco. © Schneider / ZVW

Schorndorf/Stuttgart. Diesen Samstag wird’s geschehen. Udo Lindenberg lässt seine Rocktiere los im Stuttgarter Circus Maximus, gibt selbst das Tier. Nur einer seiner Löwen, der Hannes Bauer, Gitarrist und halber Schorndorfer, kann nicht so recht die Sau aus sich rauslassen. Seine Fußarbeit wird eher statisch ausfallen. Bauer hat sich den Fuß gebrochen.

Sorry, lieber Leser, das wir Sie mit so etwas behelligen. Ist ja nun wirklich keine große Nachricht, dass sich ein Mitglied des Panikorchesters in der Rekonvaleszenz befindet, nachdem irgendein Pferdedoktor ihm die Knochen wieder zusammennageln musste. Er mit zusammengekniffenen Zähnen, und nicht nur, weil er das Plektrum zwischen den Beißerchen hat, vor Wochen auf den schwankenden Planken des Rockliners stand, um die Passagiere bei Laune zu halten. Und dazu auf die Bühne karriolt werden musste. Sitzend auf einem Roll-Hocker. Und das passiert Hannes, dem Härtesten ever. Aber zu dem Beweis kommen wir später.

Kein Beinbruch? - So schlimm ist’s auch nicht

Ein Beinbruch quasi. Das Sprichwort sagt, es gibt nichts Schlimmeres als einen Beinbruch. Bei Bauer handelt es sich freilich zweifelsohne um einen Arbeiter der Hand, einen Saitenbieger. Eben auch um einen der Besten, den die Republik in diesem Gewerk hat. Und für Gitarristen gibt es wirklich Schlimmeres: Armbruch, aber nicht Beinbruch. Also: nochmals davongekommen.

Die Showgäste jetzt am Samstag werden auch nichts von einem Qualitätsabfall mitbekommen. Hannes Bauer, den man gern „Feuer“ nennt und der so auch, Hannes „Feuer“ Bauer, auf seiner eigenen Homepage firmiert, wird nur nicht das gewohnte Feuer drum herum anfachen können. Rumgerenne auf der Bühne geht nicht. Wird aber weniger denn je auffallen. Die Show ist mittlerweile so groß. Udo holt sich seine ganze frühere WG auf die Bühne, dazu noch Tänzerinnen. Also steht die Stammcrew ja doch öfters in der dritten Reihe. Und, verdammt, warum schreiben wir das alles? Der real existierende Udoismus ist mittlerweile so pan-galaktisch groß, dass auch Nachrichten über ausfallende Beinarbeit eines Gitarristen in die Zeitung gehören. Zumal: So viel Schorndorfer, und sei’s nur Halb-Schorndorfer, haben wir nicht, die eine ganze Seite rechtfertigen mit der Schilderung ihrer prominenten Seite.

Jetzt aber nochmals eine kleine Beweisführung, dass es auf die Beinarbeit eines Gitarristen wohl auch ankommen kann. Körper und Gitarren-Geist lassen sich schlecht trennen. Guter Pop war immer schon ein Gesamtkunstwerk. Hören wir einfach mal, wie Hannes sich auf der Bühne normalerweise schinden kann, dieser Schinderhannes des Rockzirkus maximus. Lassen wir ihn selbst erzählen.

Es war einmal. Wir schreiben noch die 80er Jahre, und seine aktuelle Band hieß Bock Rock. „Bock Rock war Elvis und Chuck Berry rauf und runter, mit ‘n bisschen Hans Albers dazwischen und kubikmeterweise Bier. Wenn Rolf Rimmler, der Sänger und Kampftrinker, beim 30. Bier angelangt war, schwamm die Bühne im Hamburger Logo, weil die halb leeren Humpen von uns triefenden Halbirren regelmäßig umgekippt wurden. Irgendwann rutschte ich in der Alkoholsuppe aus und konnte mich nur durch eine Rolle rückwärts retten. Dabei spielte ich weiter Gitarre und kam wieder am selben Platz zum Stehen. Diese Nummer wurde perfektioniert und immer wieder gebracht.“ Also, wir sehen, es ist schon eine arge Plag’, wenn er jetzt wie angenagelt auf der Bühne stehen muss. Wobei, erzählt seine Managerin Editha Urich, der Hannes schon Fortschritte im Wortsinn macht. Das Panikorchester, das am Anfang wie alle zu den Hungerleidern gehörte, wird sich ja heute wohl einen mitreisenden Physiotherapeuten leisten können.

Lindenbergs Hut - Der soll nicht verwettet werden

Da sind wir bei der nächsten Geschichte. Wie Udo und Hannes überhaupt zusammengefunden haben. Hier zu bieten ist nur die Version aus Bauers Sicht, möglicherweise würde sie Udo anders erzählen. Aber so oder so, darauf würden wir sowieso nicht Lindenbergs Hut verwetten, den dieser offenbar dank einer gut ausgebildeten Stirnmuskulatur so affenartig gut auf dem Kopf zu bewegen weiß.

Also, es war so. Oder könnte so gewesen sein. Wir sind immer noch in den 80er Jahren, die Szene spielt sich im Reeperbahn-Laden Rockzirkus ab. Ein dermaßen angesagter Schuppen, dass die ganz großen Rocktiere vorbeischauen und sich von Bauers neuer Band Rockzirkus begleiten lassen: „Ich lernte damals, dass diese Stars alle ganz normale Menschen sind, und verlor den Horror vor den bekannten Namen. Auch als der große Veranstalter Fritz Rau mit seinem Star und Schützling Udo hereinspazierte, war das inzwischen schon für mich nicht mehr ungewöhnlich. Ich forderte Udo auf, sich ans Schlagzeug zu setzen und mitzuspielen, denn ich wusste, dass er früher Schlagzeuger war. Das tat er dann auch. Er war immer noch klasse an der Trommel, obwohl er schon lange nicht mehr geübt hatte. Fritz Rau hörte eine Weile zu und befahl dann: ,Du, Udo, des isch dei neuer Gitarrischt.’ Ich folgte dem Einberufungsbefehl und bin bis heute beim Panikorchester kleben geblieben.“ Tja. Heute darf man allemal davon ausgehen, dass Udo zur Arbeit ruft und alle folgen pflichtschuldig, frei von Panik.

Wie aber kam es, dass Hannes Bauer in die Herzen der Schorndorfer hereinspazierte? Und speziell ins Herz einer Schorndorferin? In das Herz der Manu-Kneiperin Geli Sandbiller. Über ein Vierteljahrhundert ist’s her, allemal ein halbes Rockerleben, wie wir in jüngster Zeit durch so und so viel Todesnachrichten schmerzlich erfahren mussten. Wie ward es um sie geschehen?

Es war die Zeit des legendären Deutsch-Rock-Dreiers Bauer&Garn&Dyke, das Nebenprodukt zu Udo. Bei Hannes hört sich das so an: „Wir spielten in der Grauhalde in Schorndorf. Im Publikum saß meine heutige Frau, die ich aber erst zwei Jahre später kennenlernen sollte.“

Eine damals in der Schorndorfer Szene schwer Involvierte erzählt. Rauszulesen ist, dass auch sie ein gewisses Stadium des Verknalltseins gepackt haben muss. „Er hatte wunderschöne, bestechend blaue Augen. Er hatte was von einem Seemann, was Verwegenes, schwarze Haare, ein Derwisch, eine unfassbare Ausstrahlung auf der Bühne. Ein Gitarrenvirtuose.“

Alle abgefahren - Anziehungskraft der Manu-Kneiperin

Dass es dann gefunkt hat, zwei Jahre später, im Manu-Keller, Auftritt von Bauer&Garn&Dyke, darf niemand wundern, folgern wir: „Auf Geli sind eh alle abgefahren.“ Auf die Wirtin, auf die gute, bestaussehendste Seele der alten Manufaktur, hinter dem Tresen. Die beiden heirateten 1990. Hannes Bauer erholte sich in der Wohnung über dem Coco, der neuen Kneipe von Geli Sandbiller, von der harten Beinarbeit auf den Touren. Gerade freilich ist Beziehungspause, heißt es aus dem Umfeld. Hannes ist an die Waterkant zurückgekehrt, diesmal nach Bremen.

Es gibt jemand in Schorndorf, der das zweitmeist bedauert. Es handelt sich um Calo Rapallo, der am nächsten Samstag mit einem Dylan-Programm auf der Manu-Bühne steht. Wer Calo kennt, weiß, dass er ungern das Zepter des lokalen Klampfenkönigs aus der Hand gibt. Aber bei Freund Hannes Bauer, mit dem er in Schorndorf und drum herum immer wieder spielte, mit dabei im Bauer’schen aktuellen Orchester Gnadenlos auch der Dr.-Mablues-Mitstreiter Martin Hofbauer, bei Hannes also will Calo gerne zurücktreten: „Ich hab absolut gern gejammt mit ihm. Hannes ist ein großartiger Gitarrist.“ Dabei sei er ja auch noch ein solch „zurückhaltender, bescheidener Mensch. Unprätentiös, sagt man ja heute.“

Okay, wenn er dann drei, vier hopfenhaltige Kaltgetränke getrunken hat, dann kamen auch beinharte Sprüche. Er habe „den gleichen Humor wie Udo“. Und es folgt vollends aus Calos Mund eine Einschätzung voller Wahrhaftigkeit. „Er gehört zur Udologie. Ich vermisse den Hannes, es war eine schöne Zeit.“

Udologie! Ist das nicht schön? Das ganze Udo-Universum umfassend. Amerikaner sagen dann gerne, da ist ein Mensch größer als das Leben an sich. Er macht galaktische Sprünge. Ob das Bein des Gitarristen nun gerade fit ist oder nicht.

Der Linkshänder

Eines muss doch noch nachgetragen werden. Konzertgänger verblüffte immer wieder, dass sich Hannes Bauer eine wildfremde Gitarre schnappen kann und losspielen. Er, der Linkshänder, der ja dann mit einem verkehrten Saiten-Aufzug spielen muss. Calo Rapallo hat das immer wieder bewundert bei seinem Idol Jimi Hendrix, der auch auf der Bühne blitzschnell wechselte. So gut wie Hendrix könne es Hannes Bauer denn doch nicht. Ansonsten: „Ein großartiger Gitarrist.“