Schorndorf

Belastende Situation für Gastronomen: In Schorndorf fehlen Servicekräfte

CafedeVille
Vor elf Jahren hat Lena Galagorri das Café de Ville am Brünnele eröffnet. © Gaby Schneider

Mitarbeiter dringend gesucht: Seit Wochen schon teilt Lena Galagorri diesen Aufruf, der im Café de Ville auch an den Toilettentüren und im Fenster hängt, in den sozialen Netzwerken. Bisher ist die Resonanz jedoch verhalten. Servicekräfte sind überall gesucht. Doch die 38-jährige Café-Betreiberin braucht besonders dringend Unterstützung: Wegen ihres Hundes, der viel Aufmerksamkeit verlangt, kann sie schon seit einem Jahr nicht mehr jede freie Tagesschicht übernehmen. Jetzt ist Lena Galagorri schwanger, Geburtstermin ist Ende Dezember – und bis dahin muss das Personalproblem gelöst sein.

In den beiden Corona-Lockdowns hat sie einige langjährige Servicekräfte verloren. Tim Bohner alias Timbeau, der neuneinhalb Jahre und damit fast von Beginn an im Café de Ville dabei war, ist nach Berlin gezogen, um Musik zu machen. Gerade mal zwei Bedienungen aus dem alten Team sind noch am Start. Und ansonsten: viele Neulinge. „So einen Wechsel“, sagt Lena Galagorri, „hatten wir noch nie.“ Nicht alles läuft rund, immer wieder muss sie neue Kräfte einlernen. Manche Anfänger haben nach ein paar Wochen schon das Handtuch geworfen, weil sie feststellten, dass der Job in der Gastronomie doch nichts für sie ist.

Ein Knochenjob, der mit einem guten Team toll sein kann

In einem tollen Team zu arbeiten, den Laden gemeinsam zu schmeißen, die Gäste zufriedenzustellen – das alles kann richtig Spaß machen. Letztendlich ist es aber, sagt Lena Galagorri, „ein Knochenjob“. Gäste mit Getränken und Speisen versorgen, den Laden aufräumen, putzen, sich um Technik und Reparaturen kümmern – all das gehört dazu. Dabei hat sich das Ausgehverhalten mit den beiden Corona-Jahren verändert: Donnerstagabend ist im Café de Ville mittlerweile richtig viel los, am Samstagvormittag hat der Ansturm etwas nachgelassen. Wirklich planbar war das Geschäft schon vorher nicht, doch es ist nach Lena Galagorris Beobachtung, „extremer geworden“. Mit der Folge: Plötzlich braucht sie mehr Personal für Schichten, die bisher gut alleine zu bewältigen waren. „Manchmal fühlt es sich so an“, sagt Lena Galagorri, „als hätte ich gerade erst aufgemacht.“

Zuverlässige, eigenständige und teamfähige Leute gesucht

Sechs Servicekräfte beschäftigt sie im Moment, zehn wären ideal für ein funktionierendes Team. Ihre Aushilfen sind in der Mehrheit männlich – und zwischen 17 und 25 Jahre alt. Gesucht sind aber auch Frauen, und vor allem zuverlässige, eigenständige und teamfähige Menschen mit stabiler Persönlichkeit, die gerne auf andere Leute zugehen. Um nicht ständig neue Mitarbeiter/-innen einlernen zu müssen, müssen sich die neuen Kräfte im Café de Ville aber mindestens für ein Jahr verpflichten.

Bedienungen mit Löhnen über dem Mindestlohn anzulocken, auch darüber hat Lena Galagorri schon nachgedacht. Doch für sie ist unklar, ob sie das wirtschaftlich stemmen könnte. Gibt es im Herbst und Winter wegen der Corona-Pandemie wieder Einschränkungen, ja womöglich einen Lockdown, hat sie keinen finanziellen Spielraum. „Das wäre nur möglich, wenn wir im Winter Vollgas geben können.“

Engel, Coco und Ama Deli: Auch hier ist die Personaldecke dünn

Auch in der Musik-Bar „Engel“ ist im vergangenen Jahr der Hauptmitarbeiter ausgestiegen. Astrid Auwärter sieht ihr Team mit den acht Mitarbeiter/-innen dennoch gut aufgestellt. Bei ihr arbeiten hauptsächlich Studierende, die immer jemanden kennen, der einen Nebenjob braucht. Dass andere Betriebe Personalprobleme haben, weiß Astrid Auwärter aus der Branche – und ihr stellt sich in jüngster Zeit auch immer wieder diese Frage: „Wo sind all die Leute?“

Darauf hat Clemens Hofmann, neuer Betreiber des „Coco“, zwar auch keine Antwort, aber er weiß: „Viele Leute haben auf den Job keine Lust. Man arbeitet, wenn andere feiern, und am Wochenende.“ Personalprobleme hat er – „Gott sei Dank“ – noch nicht. Zu seinem Team gehören zwei Festangestellte und sechs 450-Euro-Kräfte, die alle schon seit einigen Jahren dabei sind.

„Mühe“, Mitarbeiter zu finden, hat nicht zuletzt auch Mathias Simon. Er betreibt seit zweieinhalb Jahren in Schorndorf das „Ama Deli“, seit 18 Jahren das „Amadeus“ in Stuttgart und muss feststellen: „Es ist schwierig geworden, junge Menschen für den Job zu begeistern.“ Aktuell sucht er außer Servicemitarbeitern noch Bäcker und Küchen-Allrounder. Corona hat aus seiner Sicht einen nicht unerheblichen Anteil an der Krise: Die Branche, die bisher zwar körperlich anspruchsvolle, aber krisensichere Jobs zu bieten hatte, hat sich mit den Lockdowns und Einschränkungen verändert. Für Mathias Simon stellt sich das Problem im Moment so dar: „Eigentlich müssten wir nach der Corona-Pause Umsatz machen wie verrückt, aber wir kommen nicht so richtig aus der Kurve, weil das Personal fehlt.“

Gemeinsam mit Betriebsleiter Cem Tosun hält im „Ama Deli“ ein 23-köpfiges Team den Laden am Laufen. Um allen Mitarbeitern eine Fünf-Tage-Woche bieten zu können, gibt es im Tagescafé am Schorndorfer Marktplatz seit Februar 2022 mit dem Mittwoch einen Ruhetag. Den hofft Simon, irgendwann auch wieder abschaffen zu können. Doch mittlerweile hat er auch immer wieder mit Auszubildenden zu tun, die hinschmeißen oder die Probezeit nicht überstehen. Und er erlebt auch viele Mitarbeiter, denen es mit Mitte 20 reicht, einen Teilzeitjob zu haben. „Das wäre für meine Generation undenkbar gewesen.“ Schlechtreden will er die Gastronomie aber trotz aller Schwierigkeiten nicht, im Gegenteil: „Das ist eine schöne Branche.“

Mitarbeiter dringend gesucht: Seit Wochen schon teilt Lena Galagorri diesen Aufruf, der im Café de Ville auch an den Toilettentüren und im Fenster hängt, in den sozialen Netzwerken. Bisher ist die Resonanz jedoch verhalten. Servicekräfte sind überall gesucht. Doch die 38-jährige Café-Betreiberin braucht besonders dringend Unterstützung: Wegen ihres Hundes, der viel Aufmerksamkeit verlangt, kann sie schon seit einem Jahr nicht mehr jede freie Tagesschicht übernehmen. Jetzt ist Lena Galagorri

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