Schorndorf

Black Virginia Creeper: Schön und lärmig zugleich

Virginia
Black Virginia Creeper sind Ella Estrella Tischa, Daniel Herrmann, Bass, und Paul Quast, Schlagzeug. © Schlegel

Schorndorf. Es ist mal wieder der Versuch, einem Bierfest Manieren beizubringen. Das Kulturforum hält seit Jahr und Tag bei der SchoWo dagegen, und zwar mit einer „Kulturoase“ im halbwegs abgeschottenen Hof des Schlosses. Hauptact jetzt an diesem Samstag, obwohl sehr neu auf der Band-Bildfläche: Black Virginia Creeper. Worum handelt es sich bei diesem jungen Dreier?

Probenbesuch bei Black Virginia Creeper.

Gerufen wird der Schreiber nach Kallenberg. Dort werde geprobt, weit ab vom Schuss, die ungedämpfte Bass-Trommel stört niemanden. Dort sei’s zugleich lauschig genug, um in Ruhe über das Projekt zu reden.

Fahrt hoch Richtung Althütte. Diejenige, die da (mit) geladen hat, verrät sich auf den ersten Blick. Man schaut auf ihr T-Shirt, ein Fan-T-Shirt, und erkennt die Präferenz. Es ist ein Leible von Sonic Youth. Der Band, die als Referenz angegeben wird von so gut wie allen, die eine Zukunft im Rock sehen, die eine Vorstellung haben von Post-Rock, dem dank innovativ verstörender Soundmustern Gegenteil vom schwieligen 70er-Jahre-Heroenrock.

Black Virginia Creeper, die Band macht es einem damit recht einfach, noch vor dem eigentlichen kleinen Vorspiel im Übungsraum. Was es dann auf die Ohren gibt, ist freilich etwas von Sonic Youth plus Ella Raetzer, Daniel Herrmann und Paul Quast. So heißen die drei. Teilweise geht es in der Anmutung auch klug wieder hinter den Postrock zurück, weil Sängerin und Multiinstrumentalistin Ella Raetzer viel mit ihrer Stimme zu sagen hat. Also schleichen sich wieder Songstrukturen ein, meint man, eine Hookline zu erkennen und eine Strophe. Kein Problem, es gibt ja auch keine Dogmen. Nur gute Musik.

Das Spiel um Begriffs-Hoheiten

Der letzte Schlag aufs Becken ist verklungen. Es beginnt das unabdingliche Spiel um Begriffs-Hoheiten und Kennzeichnungen. Siehe da, Ella Raetzer atmet auf, als man sich schnell auf eine Kennzeichnung einigt - vorläufig. Die da heißt bis zur Findung von etwas anderem: schöner Noise-Rock. Auch wenn es ein Widerspruch in sich sein mag. Entweder schön oder Krach. Aber genau um das Widersprüchliche, um den Einbau von Widerhaken in das Sound- wie in das Song-Konzept geht es ja. Stampf-Rock können andere. Denen wird das auch gerne überlassen.

Ella Raetzer ist an der E-Gitarre wie am Keyboard viel eher Produzentin von Klangflächen, welche die Gehörknöchelchen aufkratzen, denn Virtuosin nach Rock-Riff-Machart. Das gekonnt gespielte Solo interessiert sie nicht. Auch gut so.

Ganz erstaunlich, dass das Aufkratzende, das Kontrapunktische im Sound-Konzept, das schön enervierend Repetetive eben auch mit drei Menschen am Instrument gelingt und nicht einen Riesen-Apparat braucht.

Wahrscheinlich ist es eben doch das Händchen einer 22-Jährigen, die der Musik gar nicht ausweichen konnte. Zu dominant, was ihr Vater, Zam Helga, nicht einfach einbrachte, sondern Tag für Tag vorlebte. Er galt in den 90er-Jahren als größte Pop-Hoffnung in Stuttgart mit dem Potenzial, die Republik zu überrollen mit seinem sehr ernsthaften Pop. Längst hat die Familie in Plüderhausen ihr Quartier aufgeschlagen, mit Studio und Unterrichtsraum. Man sieht mal wieder: Es braucht Talent, aber auch Förderung. Weit und breit gibt es wohl keinen anderen, der beides besser mitgeben kann.

Daniel Herrmann aus Fellbach, der Bassist und Sänger bei Black Virginia Creepers, gab und gibt seiner Band Brothers of Ivory, Stimme, Klang und Gewicht. Hier handelt es sich um eine der wichtigsten Neugründungen im Remstal der letzten Jahre. Paul Quast aus Schorndorf, geschult an den Drums bei der Big Band des Max-Planck-Gymnasiums, zeigte schon in der Formation Maze, dass sein Verwendungszweck quasi allseitig ist. Das gewiss vertrackte Zeug einer kunstvoll verschleppenden Alternative Rock Band schüttelt er locker aus dem Ärmel, steuert aber auch Drang und Drive zu dem, was man als Dringlichkeit bezeichnen kann. Es ist der entschiedene Zugriff aufs Material, was diesen Dreier magnetisch macht.

Das Elegische in der Stimme

Die Stücke sind samt und sonders von Ella Estrella Tischa Raetzer, so der Langname. Ihr Vortragston hat etwas Elegisches, der verdüsterte TripHop steht Pate. Es braucht aber keine aufgeregten Phrasierungen, um bald drauf zu kommen, dass sie mit ihrer Stimme was zu sagen hat. Es muss dabei nicht die Depri-Attitüde sein an einer Tour. Aber es verschwindet einer aus ihrem Leben nicht einfach so, wenn er nach Amerika geht. Es verschwindet auch der ihr allernächste Mensch nicht einfach so vollkommen aus dem Leben. Davon ist zu künden. Und davon ist auch zu spüren.

Am Start

Black Virginia Creeper spielt jetzt am Samstag als Hauptact auf dem Schlosshof in Schorndorf, Beiprogramm zur SchoWo. Beginn 21.30 Uhr.

Die Band hat elf fertige Songs, die demnächst auch auf Platte erscheinen. Produziert im Studio von Zam Helga in Plüderhausen. Derzeit wird ein Agent gesucht, der die Band in der Öffentlichkeit unterbringt. Ella sagt dazu: „Man muss es versuchen. Und wenn es nicht klappt, dann geht es einfach um die Musik.“