Schorndorf

Brandstifter filmte seelenruhig mit dem Handy

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Die Urbacher Asyl-Unterkunft in der Nacht des 16. März, nachdem die Feuerwehr den Brand gelöscht hat. © Ellwanger / ZVW

Stuttgart/Urbach. Versuchter Mord in 24 Fällen lautet der Tatvorwurf gegen einen 23-jährigen Afghanen, der am 16. März seinen Wohncontainer in einer Urbacher Asylbewerberunterkunft in Brand steckte. Ernstlich verletzt wurde dabei zum Glück niemand. Der Sachschaden beläuft sich auf über 280 000 Euro. Am dritten Verhandlungstag an der Schwurgerichtskammer Stuttgart wurden nun die Plädoyers gehalten.



Das hätte eine Katastrophe werden können, als kurz vor 22 Uhr in der Nacht des 16. März ein Container einer Asylbewerberunterkunft in Urbach in hellen Flammen stand und schnell einen zweiten zum Brennen brachte. Insgesamt 24 Asylbewerber befanden sich zum Teil schon schlafend in ihren Wohnungen. Durch den Einsatz eines beherzten Gambiers, der sich dabei eine leichte Rauchvergiftung zuzog, und des Großeinsatzes der Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindert werden.

Den Brand gelegt hatte ein junger, afghanisch-stämmiger Asylbewerber aus dem Iran. Danach filmte er das lodernde Feuer scheinbar ungerührt mit seinem Handy. Unternahm nichts, um seine Mitbewohner zu warnen. Flüchtete auch nicht. Gab sich der eintreffenden Polizei sogleich als Täter zu erkennen. Warum? Aus Frust. „Ich hatte Stress“, versuchte er seine Tat zu erklären.

Der vor knapp drei Jahren nach Deutschland geflüchtete junge Mann kommt aus einer Familie, die während des sowjetischen Krieges in Afghanistan (1979-1989) in den Iran flüchtete. Am Tag, an dem er das Feuer legte, erhielt er gleich drei schlechte Nachrichten, die ihn zu dieser Tat hingerissen haben. Ein Anruf bei seiner Mutter im Iran, die erklärte, dass die Familie die Miete nicht mehr bezahlen könne, den Beschluss der Ablehnung seines Asylantrags mit dem vorläufigen Status der Duldung und den Bescheid einer Geldstrafe wegen mehrfachen Schwarzfahrens.

Keine mindere Schuldfähigkeit?

Alkohol, am Ende soll es eine Flasche Wein täglich gewesen sein, könnte zu einer Enthemmung beigetragen haben. Der Mann drehte durch und blieb doch seltsam emotionslos, auch nach seiner Festnahme.

In seinem am dritten Verhandlungstag vorgetragenen psychiatrischen Gutachten konnte Dr. Wolfgang Wagner schwerwiegende Gründe für eine Minderung der Schuldfähigkeit des Angeklagten indes nicht erkennen. Befunde wie etwa eine „affektive Instabilität“, die bei heftigen Wutausbrüchen sich mit Selbstverletzungen oft auch gegen ihn selbst richteten, reichten zusammengenommen nicht aus, um die Vollbild-Diagnose eine Borderline-Störung zu stellen. „Eine krankhafte seelische Störung“ sei beim Angeklagten nicht zu erkennen, schloss der Psychologe.

Das Abschiebungsverfahren läuft

„Eine eindeutig absichtliche Brandlegung“ machte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer aus. „Der Angeklagte nahm dabei den Tod seiner Mitbewohner billigend in Kauf.“ Das sei „heimtückisch“ deshalb, weil diese „arg- und wehrlos waren“. Die Strafe hierfür müsse sich nach seiner Auffassung „im Rahmen zwischen drei und 15 Jahren bewegen“. Entlastend machte die Anklage geltend, dass die Tat nicht von langer Hand geplant gewesen sei und es nur zwei leichtere Verletzungen gegeben habe. „Fassungslos“ mache es ihn, so der Staatsanwalt, dass der Angeklagte keinerlei Anstalten zu helfen machte und stattdessen das Feuer mit seinem Handy filmte. Als Strafmaß halte er daher „zehn Jahre für angemessen“.

Am Vorwurf des versuchten Mordes käme man wohl nicht vorbei, befand auch der Verteidiger des Angeklagten. Hielt aber das „umfassende Geständnis“ noch vor Ort und dessen psychische Belastung seinem Mandanten zugute. Er plädierte für eine Strafe „weit unter“ der Forderung der Anklage und fügte angesichts des darüber schon laufenden Verfahrens hinzu: „Ich gehe davon aus, dass er zügig abgeschoben wird.“