Schorndorf

Corona-Pandemie zwingt zur Umorientiertung: Festrednerin jetzt auch als Trauerrednerin unterwegs

Festrednerin Fernandez
Vivian Fernandez hat sich ursprünglich als Festrednerin selbstständig gemacht. Coronabedingt gibt es aktuell aber keine großen Feste. Ihr Fähigkeiten setzt sie jetzt als Trauerrednerin ein. © Benjamin Büttner

Eigentlich hätte sie in diesem Sommer als Fest- und Hochzeitsrednerin durchstarten wollen: Romantik, Tüll und Tränen, dazu ihre Worte, die dem Ganzen das i-Tüpfelchen aufsetzen sollten – so hätten etliche ihrer Wochenenden aussehen sollen. Dann aber kam Corona. Und Vivien Fernandez sattelte um: auf Trauerrednerin. Was sich zunächst aus den Zwängen des Lockdowns ergeben hatte, erweist sich nun aber als eine glückliche Fügung.

Die Mutter von vier Kindern und ausgebildete Festrednerin durfte feststellen, dass ihr das Metier liegt, sie gut mit der Schwere der Situationen umgehen kann. Es erfüllt sie, wenn sie Menschen in der Ausnahmesituation des Todes beistehen kann. Und sie nimmt ihren Auftrag ernst. Den Auftrag, im Rahmen einer Trauerfeier die Geschichte des Lebens eines Menschen erzählen zu dürfen und den Blick der Hinterbliebenen auf das zu richten, was das Leben des Verlorenen ausgemacht hat.

Kompetenzen aus anderen Ausbildungen helfen weiter

Natürlich sei die Situation, in denen sie die trauernden Menschen kennenlerne, schwierig. „Die meisten sind von dem Verlust geschockt und überrascht, selbst wenn die Verstorbenen schon ein hohes Alter erreicht haben“, weiß Fernandez. Oftmals hätten die Menschen das Wissen um das Vorhandensein des Todes komplett aus ihrem Leben ausgeklammert. Betreffe er sie dann plötzlich doch, wüssten viele nicht damit umzugehen.

Da komme ihr dann ihre andere berufliche Ausbildung zugute. Fernandez ist nämlich außerdem Heilpraktikerin für Psychotherapie. Die erlernten Gesprächskompetenzen könne sie jetzt gut gebrauchen. Dazu kommt die zuletzt im Sommer abgeschlossene Ausbildung als freie Rednerin – IHK-geprüft sogar.

Das Leben des Verstorbenen in Erinnerung rufen

Noch nicht allzu lange ist Vivien Fernandez also mit der neuen Selbstständigkeit unterwegs. Erst im Frühherbst hat sie Kooperationen mit zwei Schorndorfer Bestattungsunternehmern geschlossen. Anfragen hat sie aber jetzt schon etliche. Viele Menschen seien froh, eine würdige Beerdigung auch ohne Beteiligung eines Pfarrers auf die Beine stellen zu können.

Schließlich sind längst nicht mehr alle Trauernden Mitglied einer christlichen Kirche oder sind zumindest keine regelmäßigen Kirchgänger. Wenn gewünscht, könnten in ihrer Rede aber auch Bibelverse oder Gebete vorkommen. Sie fühle sich durchaus als Christin und könne auch solchen Wünschen nachkommen. Grundsätzlich gehe es aber in ihren Ansprachen um den Menschen, dessen Leben zu Ende gegangen ist. Um das, was er liebte, wie er die Welt sah, wie er war, wie er die Menschen erreichte.

Ausführliches Gespräch mit den Hinterbliebenen

Damit das gelingt, führt sie im Vorfeld ganz in Ruhe ein Gespräch mit den Hinterbliebenen. Das ist ihr wichtig, um Kontakt aufzunehmen und am Ende dem Verstorbenen gerecht zu werden. Während der Feier passt sie sich ganz an die Vorstellungen der betreffenden Familie an. Manche wünschten schwarze Kleidung, andere auf keinen Fall. Aus welchen Gründen auch immer – Fernandez fühlt sich ein, geht die bevorstehende Strecke des Weges gemeinsam mit den Angehörigen. Das kostet auch sie Kraft.

Kraft tanken für den eigenen Alltag

Und manchmal gelingt auch das Abgrenzen nicht. Hat sie ihren Teil zur Abschiedsfeier beigetragen, ist ihre Rede gehalten und werden vom Verstorbenen gewünschte Lieder gespielt, symbolische Abschiedshandlungen vollzogen und weint der ganze Saal, bekommt auch die Rednerin mal glasige Augen. „Dann muss man schon mal schlucken“, weiß sie. Da gehe es ihr wie allen Menschen, die professionell das Abschiednehmen begleiten.

Gemeinsam stehe man deshalb auch meist am Ende einer Trauerfeier noch ein wenig beieinander, unterhalte sich, um dann wieder zurück in sein eigenes Leben zu finden. Immerhin: „Ich möchte ja nicht todtraurig sein, wenn ich zurück nach Hause zu meiner Familie komme.“ Dann wechselt sie ihre Kleidung und schlüpft damit wieder zurück in ihren eignen Alltag, um wieder Kraft zu tanken für neue Begleitungen.

Wenn Corona endlich Geschichte ist und im Sommer hoffentlich die Brautpaare wieder sorglos feiern dürfen und neugeborene Kinder wieder in großen Rahmen willkommen geheißen werden können, wird sie auch dabei sein. Die in diesem Jahr ausgefallenen Trauungen werden nachgeholt. Und darauf freut sie sich schon richtig. Aber eines ist für Fernandez klar: Als Trauerrednerin will sie weitermachen. Zu wertvoll ist ihr die Begleitung der Familien in dieser besonderen Lebensphase geworden.

Eigentlich hätte sie in diesem Sommer als Fest- und Hochzeitsrednerin durchstarten wollen: Romantik, Tüll und Tränen, dazu ihre Worte, die dem Ganzen das i-Tüpfelchen aufsetzen sollten – so hätten etliche ihrer Wochenenden aussehen sollen. Dann aber kam Corona. Und Vivien Fernandez sattelte um: auf Trauerrednerin. Was sich zunächst aus den Zwängen des Lockdowns ergeben hatte, erweist sich nun aber als eine glückliche Fügung.

Die Mutter von vier Kindern und ausgebildete Festrednerin

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